Ruhr Triennale vereint Islam und Musiktheater

Gudrun Norbisrath

Bochum. Die Ruhr Triennale startet am 20. August mit einer Uraufführung. „Leila und Madschnun“ steht für die ungewöhnliche Verbindung von Islam und Musiktheater. Die Titelrolle übernimmt der junge Countertenor Hagen Matzeit.

Aus der Jahrhunderthalle klingt es wie Weltuntergang. Mindestens außerirdisch: kraftvoll, fremdartig schön. Auch bedrohlich. Es klingt leise, von fern, eigentlich soll kein unbefugtes Ohr hören, was die Kölner musikFabrik und ChorWerk Ruhr hier proben; die Uraufführung von „Leila und Madschnun” soll am 20. August die Ruhr Triennale 2010 eröffnen. Doch vorab stellte Intendant Willy Decker einige der Akteure vor und wer am Sonntag um 11 die Matinee „Stirbt die Liebe, so sterbe ich auch” besucht, erfährt von ihm und dem Komponisten, vom Autor und Dirigenten mehr über das eigenartig berauschende Stück. Der Text ist inspiriert von einem altpersischen Liebesepos - denn der Islam ist in diesem Jahr ein Thema der Triennale.

Die hat der Opernregisseur Willy Decker schon im letzten vergangenen Jahr behutsam zu einem mu­sik­star­ken Festival ge­formt; nicht, ohne die Grenzgänge zu Tanz und Schauspiel auszubauen. Auch deshalb gibt es nun „Leila und Madschnun”: ein Stück über die unbedingte Liebe, geschaffen von einem besessenen Komponisten und einem Dramatiker, von dem Decker fast ehrfürchtig sagt: „Albert Ostermaier hat den Text in einem explosiven Akt hingeworfen, er ist aus ihm herausgebrochen.”

Islam und Musiktheater - die Suche nach dem richtigen Stück war eine Herausforderung. Mozarts „Entführung aus dem Serail“, das war ihm zu einfach, sagt Decker, „ich wollte mit diesem Thema eine neue Art Theater finden.“ Er bat den palästinensisch-israelischen Komponisten Samir Odeh-Tamimi (von dem er schon lange gedacht hatte, er müsse endlich eine Oper schreiben) und übernahm selbst die Regie. Das ist auch ein Versprechen, nach seinem Triumph mit „Moses und Aron” im vergangenen Jahr.

Daran soll die neue Inszenierung anknüpfen, sie soll programmatisch sein wie die Schönberg-Oper; „und dann ist das Tor offen für eine ganz intensive Ruhr Triennale.“

Worte und Klänge

Aber zuerst „Leila und Madschnun“. Die unbändige Liebe der beiden verstört ihre Familien, sie reißen sie auseinander; der Junge fällt in Wahnsinn. Madschnun heißt: verrückt. Doch aus der Verzweiflung wächst tiefe spirituelle Liebe zum Göttlichen.

Samir Odeh-Tamimi hat dafür Klänge gefunden, von denen Willy Decker sagt: „Es ist Musik von ungeheurer Kraft und Radikalität. Samir treibt die menschliche Stimme an Grenzen.” Dafür steht der junge Countertenor Hagen Matzeit, auch ihn lobt Decker emphatisch, seine warme, immer schöne Stimme, die bis in die Baritonlage reiche: „Wir sind glücklich, dass wir dich haben, Hagen!“

Neben dem Sänger ein Schauspieler, Aleksandar Ra-denkovic. Die Emotion der Inszenierung hat ihn gepackt, er erzählt, wie die Musik ihn auf ungekannte Weise trägt; wie er als einzelne Stimme gegen einen Chor antrete: Das sei ganz neu für ihn und „eine Supererfahrung“. Vom gesprochenen Wort zu expressiver Musik - auch darin erinnert das Werk an „Moses und Aron“. Von Ostermaiers Text sagt Radenkovic: „Er ist wunderbar, sehr lyrisch. Er macht es mir leicht.”

Ute Schäfer, die neue Kulturministerin, war zur Vorstellung der Künstler gekommen; sie nutzte ihren ersten öffentlichen Auftritt, um der Ruhr Triennale die hohe Wertschätzung der Ministerpräsidentin zu versichern. Willy Decker entgegnete sichtlich bewegt: „Es ist ermutigend zu wissen, dass eine solche Kraft hinter uns steht.“ Lächelnd fügte er hinzu: „Im Sinne des Wortes.“