Royston Maldoom zeigt jungen Leuten, was in ihnen steckt

Da geht’s lang: Roy­ston Maldoom (73) bei den Proben zu „Exile“ im Theater Duisburg.
Da geht’s lang: Roy­ston Maldoom (73) bei den Proben zu „Exile“ im Theater Duisburg.
Foto: Lars Heidrich
„Rhythm is it“ machte Royston Maldoom berühmt, aber in Duisburg ging es für ihn los. Nun ist er zurück. Ein Gespräch.

Duisburg. „Das ist doch der von ‘Rhythm is it’“, sagen die Leute. Roy­ston Maldoom kennt das. Und weiß: Seine Geschichte eines Tanzes für alle ist viel älter als sein berühmtes 2003er Projekt mit Berliner Problemschulen. Sein Deutschlanddebüt gab er viele Jahre vorher: in Duisburg. Nun ist er zurück, Lars von der Gönna traf Maldoom, dessen Beruf es ist, jungen Menschen zu zeigen, was in ihnen steckt.

Viele wissen nicht: Hier in Duisburg sind die Wurzeln Ihrer deutschen Karriere. Was ist das Ruhrgebiet für Sie?

Maldoom: Es ist das Stück Deutschland, das ich am besten kenne. Besser als Berlin, obwohl ich dort seit fast 20 Jahren lebe. Tja, Duisburg: Das, was wir Community-Dance nennen, machte ich seit den späten 70ern in Schottland. Es war um die Zeit des Mauerfalls, als ich zu den Duisburger „Akzenten“ geholt wurde. Es war mein Deutschland-Debüt innerhalb eines Europäischen Jugend-Tanz-Festivals: mit Jugendlichen tanzten wir in der Mercatorhalle.

Aber heute sagen alle: Das ist doch der, der mit den Berliner Philharmonikern...

Ich weiß, ich weiß. Aber mich kannte damals kaum jemand in Berlin. Alle stierten auf Simon Rattle, der seinen Anfang mit einem großen Paukenschlag beginnen wollte: eine Fabrikhalle, 250 Jugendliche, Sacre du Printemps. Ich wurde ihm empfohlen, es war ein Erfolg. In Duisburg haben die Leute gesagt: „Was ist denn daran neu? Das hat er hier doch jahrelang gemacht!“ (lacht)

Bosnien, Addis Abeba, Marxloh: So verschiedene Schauplätze, an denen Sie Jugendliche mit klassischer Musik und Tanz konfrontiert haben. Sind das sehr verschiedene junge Menschen?

Auf den ersten Blick, denkt man: Ja, klar, diese großen kulturellen Unterschiede. Aber dann hast du sie auf der Probebühne stehen und sie sind ganz gleich, ob sie aus Südamerika sind, Afrika oder Köln. Du hast die Alpha-Tiere, die Schüchternen, die Komplizierten, die Lauten, die Zappligen oder die, die eine schlimme Familie haben. Wenn ich das erlebe, denke ich immer: Blöd, dass wir uns so auf die Unterschiede fokussieren, auch jetzt beim Thema der Flüchtlinge. Wenn wir die Gemeinsamkeiten wahrnehmen, ist der Zugang zum menschlichen Miteinander viel leichter. Das versuche ich im Tanz zu nutzen, wo die Themen von Liebe, Hoffnung, Schicksal kulturübergreifend jeden betreffen.

Studien schlagen Alarm: Kinder können kaum noch laufen, sind unbeweglich. Wie erleben Sie das bei Ihrer Arbeit?

Stimmt absolut, leider, Tendenz steigend. Ich hab’ in Afrika und Peru gearbeitet. Niemand fährt Kinder da zur Schule, viele haben auch keinen PC. Die spielen auf der Straße. Das ist das Gegenteil von dem, was wir hier erleben. Es ist fast schockierend, nicht nur bei Kindern: Ich erlebe in Deutschland auch immer öfter junge Lehrer, die nicht die geringste Ahnung haben, was ihr Körper kann – diese Tausende, wenn nicht Millionen feinster Möglichkeiten, sich physisch auszudrücken.

Die Jugend der westlichen Welt sitzt vor Talentshows und Superstar-Formaten wie das Kaninchen vor der Schlange. Wie erleben Sie die Entwicklung?

Das ist so traurig: Die armen Kinder, die in diesen Shows im Grunde erniedrigt werden wie früher Menschen bei Gladiatorenkämpfen. Und man macht sie glauben, dass jeder, der einmal im Fernsehen war, das Zeug zur Lady Gaga hat. Eben nicht: Diese Frau hat dafür geschuftet, seit sie ein Kind ist.

Welche Rolle spielt Talent bei Ihrer Arbeit mit Jugendlichen?

Ich sage immer: Die Welt ist voll von Talentierten, die nichts daraus gemacht haben. Und die Welt ist voll von weniger Talentierten, die diese Welt verändert haben. Ich habe viele große Talente scheitern sehen, weil alles zu leicht ging, weil Herausforderungen fehlten. Die waren früh ausgebrannt. Bei mir war es umgekehrt: Ich bin jetzt 73, ich war kein Tänzer von klein auf, bis 22 war ich Farmer, ich war klein, ich hatte keine Technik. Was dann kam, war sehr viel Arbeit – und Erfolg. Es muss keine Barriere sein, wenn du nicht das Riesentalent bist. Es kann deine Sehnsucht, deinen Einsatz viel größer machen. Mich beeindruckt keiner, bloß weil er lange Beine hat. Respekt vor der Choreografie, vor der Gruppe – das zählt. Wenn sich einer richtig reinkniet, das imponiert mir.

 
 

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