„Rote Erde" auf der Bühne – Schwere Zeiten im Ruhrgebiet

Bergleute im Kampf um ihre Rechte: Szene aus „Rote Erde“ am Theater Essen.
Bergleute im Kampf um ihre Rechte: Szene aus „Rote Erde“ am Theater Essen.
Foto: Luca Abbiento
Für ältere Jahrgänge ist „Rote Erde“ noch ein Begriff mit Aha-Effekt. Denn in den 80er Jahren wurde der Roman von Peter Stripp als Neunteiler fürs Fernsehen adaptiert. Volker Löschs Essener Inszenierung des Stoffes dauert nicht mal zwei, setzt aber auch ganz andere Akzente.

Essen. Der Mensch im Ruhrgebiet lässt sich nicht gern missbrauchen, schon gar nicht von einer Marketing-Agentur, deren Begriffe schier lächerlich klingen. „,Ruhri’! Sag das mal zu einem im Ruhrgebiet. Der gibt dir eins auf die Fresse“, klingt es jetzt im Chor von der Bühne im Essener Grillo-Theater. Hier hat Regisseur Volker Lösch jetzt eine Art Schnelldurchlauf-Fassung von Peter Stripps gleichnamigem historischen Bergarbeiter-Epos auf die Bühne gebracht. Und tut, wofür er bekannt ist: Er kontrastiert den Arbeitskampf von einst mit der traurigen Gegenwart von Arbeits- und Perspektivlosigkeit unter jungen Menschen.

Ein Chor der Stellungslosen

Lösch hat dafür einen zwölfköpfigen Chor zusammengestellt, der vorwiegend aus stellungslosen Revier-Sprösslingen besteht, die nun Fehlstart-Biographien zuhauf auf das Publikum niedergehen lassen. Da stellt sich dann schnell heraus, dass von der zupackenden Solidarität in frühen Bergbauzeiten bei der gegenwärtigen Generation nichts mehr übrig geblieben ist. Arbeitslos 2012, das bringt offenbar auch eine gewisse Verzagtheit mit sich. „Ich bin zum Kämpfen nicht geboren“, reibt es uns ein Refrain unter die Nase.

Nicht immer passen die Verbindungen

Die Leistung von Chorleiter Bernd Freytag bei seiner Arbeit mit den Laien ist enorm. Große Textlängen werden spielerisch leicht wiedergegeben, die verteilten Stimmen kommen stets präzise und synchron. Souverän schreitet dieses gelegentlich auch kohleschmutzige Dutzend später dann durch die Jahrzehnte, die durch sie verschmelzen sollen, was jedoch nicht immer sinnfällig scheint. Man kann das Geschehen bei Opel in Bochum nicht unbedingt in Zusammenhang bringen mit dem Aufbegehren der Bergleute auf der fiktiven Zeche Siegfried des hier adaptierten Romans.

In den 80-er Jahren war „Rote Erde“ ein insgesamt neunstündiger Fernsehfilm, bei Lösch schrumpft das Geschehen um den aus Polen kommenden Bruno Kruska (Krunoslav Sebrek) und die Bergarbeiterfamilie Boetzkes von der Jahrhundertwende bis zur Novemberrevolution 1918 auf ein Minimum zusammen. Da müssen Figuren einfach eindeutig sein, denn für eine Entwicklung fehlt bei knapp zwei Stunden die Zeit.

Die Anarchie im Herzen

Also ist Bruno schon immer der Freigeist, der die Anarchie im Herzen führt, also ist Karl Boetzkes (Urs Peter Halter) schon immer der geborene Sozialdemokrat, der in seinem schicken roten Anzug mit den Bossen tändelt. Und immer wird sehr laut artikuliert. Von einem Agitprop-Comic ist das dann nicht mehr weit entfernt.

Am Ende aller Unbill träumt der Sprech-Chor vom Schlaraffenland. Es wird ja doch nichts besser.

 
 

EURE FAVORITEN