Rosenstolz: Bonjour Tristesse

Essen. Mit viel Beharrlichkeit arbeiteten sich die Pathos-Popper bis ganz nach oben. Heute gehören die Berliner zu den erfolgreichsten deutschen Acts. Mit „Die Suche geht weiter” erscheint am 26.9. ihr neues Album, das nachdenklicher wirkt als seine Vorgänger. freizeit sprach mit Peter Plate (41).

Hallo Peter, ein paar Zitate aus dem aktuellen Album: „Ich sing für mich und alle, die am Abgrund stehen”, „Manchmal muss das Leben wehtun”, „Mein Herz schlägt auch im Eis”. Müssen wir uns Sorgen um Sie machen?

Plate: (lacht) Sicher nicht. Aber auch im tiefsten Glück kann Unglück liegen. Es gibt nicht nur Sahne, sonst wird einem irgendwann schlecht.

Aber privat läuft doch alles harmonisch, oder? Ihre Kollegin AnNA R. ist seit 2002 verheiratet, Sie leben in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft mit Ihrem langjährigen Freund Ulf Leo Sommer. Ist es da reine Pose, wenn Sie von Liebeskummer, Herzeleid und Partnersuche singen?

Plate: Es ist immer ein Spagat. Man kann nicht 18 Jahre lang nur Songs über sich selbst schreiben – sonst springt man wohl irgendwann aus dem Fenster. Aber mit dem neuen Album sind wir doch sehr nah bei uns selbst geblieben. Allein durch Lieder wie „An einem Morgen im April”. Das bezieht sich auf unser allernächstes Umfeld.

Der Song beschäftigt sich mit dem Tod der Mutter Ihres Lebensgefährten, oder?

Plate: Ja, sie starb 2006 mit nur 56 Jahren an einem Herzinfarkt. Das kam aus heiterem Himmel und riss uns den Boden unter den Füßen weg.

Kein Wunder also, dass „Die Suche geht weiter” nachdenklicher klingt – und weniger verspielt und selbstironisch als frühere Rosenstolz-Werke.

Plate: Natürlich. Für diese Dinge war kein Platz. Durch „An einem Morgen im April” war die Richtung für das, was wir erzählen wollten, vorgegeben: von der Trauer, aber auch vom Gefühl, wie du wieder herausfindest. Und zum ersten Mal wieder wahrnimmst, wie die Sonne scheint. Dass du endlich mal wieder lachen kannst.

Die Suche geht weiter – wonach genau?

Plate: Es geht mehr um die Suche als solche. Solange alles im Fluss ist und du morgens aufwachst und neugierig bist – solange stimmt es im Leben.

Etwas anderes: Vieles an Ihrem Habitus wirkt operettenhaft. Das Divenhafte, das Pathos, die Refrains, die fast wie Arien wirken. Setzen Sie das bewusst ein?

Plate: (lacht) Schöne Frage! Ich glaube, das hat sich einfach so ergeben. Anna und ich, wir sind ja so. Wir stehen auf die Dinge, die Sie gerade aufgezählt haben. Aber bewusst – das würde für mich zu sehr nach Kalkül klingen.

Der Erfolg wurde Ihnen nicht gerade in den Schoß gelegt.

Plate: Ja, das erste Konzert hat vor 30 Leuten in einer Berliner Galerie stattgefunden. Das vergisst man nie. In den Anfangstagen hat es einfach Spaß gemacht, in kleinen Kabaretts oder auf Schwulenbühnen aufzutreten. Unsere Absicht war nie, zu Stars zu werden. Wir sehen uns auch heute nicht so.

Sie haben in Nowosibirsk mal vor 10 000 Menschen gespielt, sind auch in Frankreich recht erfolgreich. Das ist kurios für eine Band, die sich stark über Texte definiert: deutsche Texte.

Plate: Das ist völlig kurios, ja. 1997 in Sibirien, auf Einladung des Goethe-Instituts: Da waren wir lange nicht so weit, in Deutschland so viele Besucher zu haben. Wir fühlten uns schlichtweg überfordert. Es war aber trotzdem toll.

Verstehen Sie sich eigentlich als Botschafter der Homosexuellen-Bewegung? Sie haben in einigen Songs Stellung dazu bezogen, Ihre „Homo-Ehe” wurde von großem Mediengeklingel begleitet. Und Sie spenden hohe Beträge für die Aidshilfe…

Plate: Ich habe immer Angst vor dem Wort „Botschafter” oder auch „Vorbild”, weil ich dazu nicht tauge. Als wir anfingen, war Homosexualität ein großes Thema. Ich finde es toll, was sich da gesellschaftspolitisch in den letzten Jahren getan hat. Schwule Bürgermeister in Berlin und Hamburg … das reflektiert die Gesellschaft. Aber Diskriminierung findet immer noch statt.

Bekommen Sie das auch persönlich zu spüren?

Plate: Da wir in Berlin leben und ich mein Coming-out 20 Jahre hinter mir habe: nein, kann ich nicht sagen. Aber ich habe natürlich auch eine andere Position. Wenn du schwul bist und bei VW am Band arbeitest – dann ist das sicher auch heutzutage nicht leicht.

Oder wenn du Fußballer bist …

Plate: Ja, da warten wir noch auf das erste offizielle Outing.

 
 

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