Rosemarie Fendel – die Frau mit der warmen Stimme

Jürgen Overkott
Die Schauspielerin Rosemarie Fendel ist tot.
Die Schauspielerin Rosemarie Fendel ist tot.
Foto: Werner Baum/dpa
Sie konnte großes Fernsehen. Aber am besten war Rosemarie Fendel, wenn sie schlichte Unterhaltungsfilme mit ihrer Präsenz adelte. Jetzt starb die Schauspielerin mit 85 Jahren. Deutschland trauert um eine großartige Schauspielerin. Ein Nachruf.

Frankfurt. Sie liebte das Spiel mit Nähe und Distanz, mehr noch, sie veredelte es zur Kunst – vor der Kamera und hinter den Kulissen. Rosemarie Fendel beherrschte das Mienenspiel perfekt. Obendrein hatte sie vielen ihrer Kolleginnen eines voraus: eine unvergleichliche Stimme. Sie klang ebenso warm und weich wie reserviert und rebellisch. Jetzt ist diese Stimme für immer verstummt: Rosemarie Fendel starb, wie es hieß, nach kurzer, schwerer Krankheit. Sie wurde 85. Deutschland trauert um eine großartige Schauspielerin.

Zuletzt war Rosemarie Fendel im ZDF-Dreiteiler „Hotel Adlon“ im Januar zu sehen. Als 90-jährige Sonja erlebte sie, wie das Berliner Traditionshotel wieder aufgebaut wurde. Die Frau mit den feinen Gesichtszügen und den melancholischen braunen Augen, die alles gesehen zu haben schienen, verabschiedete sich mit Grandezza vom Fernsehpublikum.

Die Sehnsucht nach der Großfamilie

Die großartige alte Dame des deutschen Fernsehens konnte jedoch mehr als Hochglanz-Filme. Ihre wahre Klasse stellte sie ausgerechnet in Produktionen unter Beweis, die als leichte Kost geschmäht werden – etwa in der ARD-Reihe „Familie Sonnenfeld“.

Der Neunteiler spielte mit der verbreiteten Sehnsucht nach der Großfamilie, und die Fendel war als Oma Marianne der gute Geist in der Familie. Sie stand für gelassene Lebenserfahrung und zuweilen schnippischen (Groß-)Mutterwitz. Damit rettete Rosemarie Fendel den Neunteiler vor dem Absturz in die Niederungen banalen Klamauks.

Der großen alten Dame der deutschen TV-Unterhaltung gelang ein Kunststück, an dem die meisten Kolleginnen willens oder nicht scheitern. Ihre Karriere dauerte mehr als 65 (!) Jahre.

Sie hatte keine Lust auf Hollywood

Begonnen hatte sie 1947. Rosemarie Fendel war die Frau der Stunde null. Zuweilen war sie mehr zu hören als zu sehen. Ganz gleich ob Liz Taylor als „Cleopatra“ gurrte, Jeanne Moreau als schwarze Witwe in „Die Braut trug schwarz“ kühle Erotik verströmte oder Gina Lollobrigida für „Liebe, Brot und Eifersucht“ schwärmte – stets sprach Rosemarie Fendel von der Leinwand. Star-Regisseur Ingmar Bergman bescheinigte der vielseitigen Künstlerin „internationales Format“. Doch die Lehrer-Tochter aus dem Sekt-Ort Metternich bei Koblenz hatte keine Lust auf Hollywood. Im Ausland war sie dennoch oft – fürs deutsche Fernsehen. Das „Traumschiff“ des Zweiten machte es möglich.

Dabei war es zwischenzeitlich so aus, als sie die Karriere von Rosemarie Fendel vorbei, bevor sie überhaupt richtig angefangen hatte. Als 30-Jährige brachte die damalige Gattin ihres Kollegen Hans von Borsody 1957 Tochter Suzanne zur Welt. Die Ehe hielt nicht lange. 1962 folgte die Scheidung.

Redaktionssekretärin „Füchslein“ war verblüffend modern

„Als ich mit 36 begonnen habe, wieder Theater zu spielen, war es sehr schwer, einen Einstieg zu finden“, erinnerte sich die Mimin. Sie gab aber nicht auf. Im Gegenteil: Sie übernahm am Staatstheater in München „all die Rollen, die die großen Schauspielerinnen abgelehnt hatten“. Zudem erkannte sie die Chancen, die ein neues, unterschätztes Medium bot: das Fernsehen. Als Redaktionssekretärin „Füchslein“ machte die Wahl-Frankfurterin in der Serie „Der Nachtkurier meldet“ auf sich aufmerksam. Ihre Nebenrolle war verblüffend modern: Sie war weder Weibchen noch Muttertier, sondern eine Frau, die sich notfalls mit Kratzbürstigkeit durchsetzte.

Ihre Tochter Suzanne von Borsody wurde schließlich zur Kollegin

Ihr Können wurde Mitte der 70er-Jahre sogar amtlich anerkannt. 1973 erhielt Rosemarie Fendel eine Goldene Kamera. Fünf Jahre später wurde sie sogar mit dem Grimme-Preis bedacht.

Das Vorbild der Mutter wirkte letztlich auch bei der Tochter. Schließlich standen sie beide gemeinsam vor der Kamera – etwa in dem ARD-Film „Schicksalstage in Bangkok“ vor exotischer Kulisse. „Der Film“, sagte Suzanne von Borsody dieser Zeitung, „erzählt eine ungewöhnliche Geschichte, die sich auf zwei Frauen konzentriert, die sich anfangs als Rivalinnen begegnen, aber schließlich doch Gemeinsamkeiten erkennen.“ Und dabei klang sie wie ihre Mutter. Überhaupt teilten Mutter und Tochter viel miteinander: die Liebe zu Hunden und zu Rommé und nicht zuletzt die Lebensphilosophie. Sie lautete: „Ich höre auf mein Bauchgefühl.“