"Rose Bernd": Verdichtetes Unglück im Schauspielhaus Bochum

Szenenfoto aus "Rose Bernd".
Szenenfoto aus "Rose Bernd".
Foto: Arno Declair
Wieder einmal beschert Roger Vontobels Regie dem Bochumer Schauspielhaus einen außergewöhnlichen Abend. Premiere von Hauptmanns „Rose Bernd“ war Sonntag.

Bochum. Nach „Einsame Menschen“, wofür Roger Vontobel allseits Zustimmung erfuhr, setzt sich der Hausregisseur am Schauspielhaus wiederum mit Gerhart Hauptmann auseinander. Nach der Premiere von „Rose Bernd“ ist klar: Auch dieser Wurf sitzt. Wieder geht es um eine Frauenfigur, die an einem Umfeld erstickt, das zu Mitgefühl und Zuneigung nicht fähig ist. Rose Bernd geht zugrunde, aber wie sie in Bochum zugrunde geht, ist ganz starkes Theater!

Ein Kindsmord, dem der Dichter als Geschworener beiwohnte, hatte Hauptmann 1903 dazu bewogen, den Daseinsumständen am sozialen Rand nachzugehen. Rose Bernd wird schwanger, allerdings nicht von einem aus ihrem „Stand“. Konventionen und gesellschaftliche Zwänge krachen aneinander. Eigennutz geht vor Mitgefühl. Rose wird zum Fußabtreter der männlichen Dorfgemeinschaft, sie wird verführt, verkuppelt, vergewaltigt und verur­teilt. Am Ende bringt sie ihr Kind um.

Kann keine Hoffnung sein. Selten hat man einen Theaterabend erlebt, der das Geworfensein des Menschen in einen unverständlichen (sozialen) Kosmos derart schonungslos ausgemalt hätte. Die abschüssige Spielfläche (Bühne: Claudia Rohner) spricht schon Bände; die Protagonisten werden in ihrer Verlorenheit ausgestellt. Eine Blaskapelle musiziert kontrastierend zwischen Chet Baker und Schützenfest. Ironischerweise regnen die ganze Zeit Goldschnipsel vom Bühnenhimmel, aber es sind keine „Sterntaler“, die Roses Leiden und Dulden belohnen würden. Es ist nur noch das Glitzern der Ausweglosigkeit.

Ausnahmeschauspielerin in der Titelrolle

Rose Bernd ist Jana Schulz, und wieder wird die 38-Jährige ihrem Ruf als Ausnahmeschauspielerin gerecht. Eine radikale Körperhaftigkeit ist Schulz’ Typ eingeschrieben, aber diesmal bringt sie auch einen mädchenhaften Anflug mit, der einen schwach machen kann. Doch wie diese „Rose“ zunehmend verdorrt und irre wird an einer Welt, in der sie die letzte ist, die menschlich fühlt, das ist überaus stark gespielt. Der schlesische Dialekt brennt sich in die Seele: „Ich hoa mich so geschaamt!“ sind Roses letzte Worte. Niemand wird sie je vergessen, der sie aus dem Mund von Jana Schulz gehört hat.

Das Ensemble mit Matthias Redlhammer (Bernd), Olaf Johannessen (Flamm), Katharina Linder (Frau Flamm), Michael Schütz (Streckmann) und Nils Kreutinger (August) spielt kompakt, überzeugend, anrührend. Dass an zu vielen Stellen zu sehr geschrien, statt einfach laut gesprochen wird, verzeiht man dieser Inszenierung, die zwei Stunden lang beklemmend und bis an den Rand des Erträglichen ausgespielt ‘rüberkommt.

 
 

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