Rolling Stones in Düsseldorf zwischen Ironie und Wahnsinn

Stephan Hermsen
Die Rolling Stones in der Arena in Düsseldorf. Im Vordergrund Sänger Mick Jagger, im Hintergrund v.l. Ron Wood, Charlie Watts und Keith Richards.
Die Rolling Stones in der Arena in Düsseldorf. Im Vordergrund Sänger Mick Jagger, im Hintergrund v.l. Ron Wood, Charlie Watts und Keith Richards.
Foto: Ilja Höpping
Die Rolling Stones sind mittlerweile die Felsen in der Brandung der Popmusik. Und sie werden in Düsseldorf von den Beifallswogen der 45 .000 umspült. Das Konzert in der minutenschnell ausverkauften Arena beginnt allerdings mit einem verschärften Parodontose-Verdacht.

Düsseldorf. Oh je, haben die Parodontose? Kurz vorm Konzertbeginn tröpfeln Blutstropfen von der überdimensionalen roten Stones-Zunge auf der Videowand. Man denkt bei dieser Boygroup aus der Steinzeit ja eher an Alterskrankheiten als an vampirhafte Bissigkeit. Und böse rote Zungen lästern, die Stones coverten sich seit den 80er-Jahren nur noch selbst. Stimmt. Bis auf zwei Ausnahmen waren die Lieder, die sie in die (selbstverständlich) ausverkaufte Düsseldorfer Arena bliesen, mehr als drei Jahrzehnte alt. Warum also gehen die Menschen zu den Stones? Gegenfrage: Warum geht man im Louvre zur Mona Lisa? Um zu sehen, ob sie immer noch da ist.

Die Stones sind da. Mehr noch. Sie sind präsent. Mit 18 Klassikern, mit einer Show, die – der Überwältigungslogik des Showbusiness folgend – für die größte Band des bekannten Universums natürlich die tollsten Effekte und vor allem auch die größte Lautstärke aufbieten muss. Weil Phon nicht Klang sind, kam mancherorts nur Krach an.

Was wehtut, wenn gerade ein von der Dynamik lebendes „Sympathy for the Devil“ geradezu kreischend zerrissen wird durch das brutale Gitarrenriff von Keith Richards. Jedoch, was soll das Gemäkel? Es ist ja nur Rock’n’Roll, aber wir lieben ihn. Wegen Jagger und Richards.

Der Rotzlöffel und Gentleman– und der größte aller Zwerge

Denn es wird nur allzu klar, dass die Glimmer-Twins eben keine siamesischen Zwillinge sind. Schon die Körpersprache: Für Mick Jagger ist der Begriff Rampensau erfunden worden. Grinst, intoniert am Keyboard mit seiner unfassbaren Kopfstimme „Worried About You“, dass es nur so zu Herzen geht. Rotzlöffel, Adonis und Gentleman in einer Person.

Schlanker als Rooney läuft er auch an diesem Abend mehr als ein durchschnittlicher englischer Nationalspieler und charmiert nebenbei mit Sprüchen in gut gelerntem Deutsch raus. Fragt, warum es am Rhein so schön ist, behauptet Altbier zu mögen und die Toten Hosen. Das Publikum habe sich „An Tagen wie diesen“ gewünscht, man spiele aber doch lieber „Street Fighting Man“.

Alter Schiffsdiesel

Daneben schlurft dieser alte weise Medizinmann des Sechssaiters über die Bühne, das Hemd nicht bis zur Brust, sondern bis zum Hosenbund aufgeknöpft, die Gitarre baumelt auf Kniehöhe, gebeugt kramt Richards seine Riffs hervor, von so tief unten, dass sie immer noch nach frischer Erde riechen. Man kriegt beim Zugucken schon einen Hexenschuss und verneigt sich darob vor diesem größten aller Zwerge im Rockzirkus.

Als Jagger mal für zwei Lieder pausiert und Keith Richards übernimmt, wird die Mechanik dieser oft wie ein alter Schiffsdiesel dahinwummernden Band noch deutlicher als zuvor: Die ungeschliffenen Juwelen, die schürft Richards zu Tage wie bei „You Got the Silver“. Dazu liefert Ron Wood eine wunderbare Slide-Gitarre, sonst guckt er oft dermaßen konzentriert ins Leere, dass man sich sorgt, ob er allein von der Bühne findet. Aber er ist ja nicht allein. Da ist auch noch Charlie Watts, der eben nicht den Haudrauf gibt. Vermutlich ist es schon Ausdruck von Intellektualität und Protest, dass er die Drum­sticks in Jazzermanier führt. Fällt aber nicht auf, geht im Getöse unter.

Insel aus Riffs und Rhythmus

Und noch ein alter Herr kommt vorbeigeschlurft: Mick Taylor, der in den frühen 70ern mal für fünf Jahre dabei war. Wiedersehensfreude bei zehn Minuten „Midnight Rambler“. So bieten sie zwei Stunden bestes Theater nach der Devise „teurer, älter, größer“ – das sind die Rolling Stones 2014.

Was für ein alberner Bandname. Die purzelnden Steine sind längst Felsen geworden in der Brandung des Musikmeeres, ewige Insel aus Riffs und Rhythmus und dem Sirenengesang Mick Jaggers. Leuchtfeuer, das uns Orientierung gibt in den Untiefen der Popmusik.