Rimini Protokoll macht Theater von der anderen Seite

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München. Reale Menschen erzählen von ihren Erlebnissen - und beziehen sich auf ein reales Ereignis: Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll inzeniert an den Münchner Kammerspielen "Sicherheitskonferenz" als "Experten-Theater".

Die Zuschauer sitzen mit am riesigen runden Tisch, tragen Konferenzkopfhörer und werden von fahrenden und fliegenden Kameras gefilmt. Statt Regierungschefs und Verteidigungsministern kommen eine vom Krieg betroffene Frau aus Somalia, ein afghanischer Widerstandskämpfer und eine Dolmetscherin zu Wort: Mehr als ein Jahr lang hat sich Stefan Kaegi vom preisgekrönten Theaterkollektiv Rimini Protokoll intensiv mit der Münchner Sicherheitskonferenz auseinandergesetzt, jetzt bringt er seinen künstlerischen Gegenentwurf auf die Bühne. Sein Stück „Sicherheitskonferenz“ wird am Donnerstag (22. Oktober) im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele uraufgeführt.

Eine Art Raubkopie

Für Kaegi war es naheliegend, die umstrittene Tagung im Theater aufzugreifen. „Die Sicherheitskonferenz ist ja an sich ein große Inszenierung“, sagt der 36-Jährige im Interview. Jahr für Jahr kämen 350 Teilnehmer nach München, während sich mehrere Tausend Demonstranten und Sicherheitskräfte gegenüberstünden. „Wir benutzen das Stück, das Sicherheitskonferenz heißt und von deren Leitern Ewald von Kleist, Horst Teltschik und jetzt von Wolfgang Ischinger immer weiter geschrieben wird, um es in einer Art Raubkopie nachzuvollziehen“, erläutert der Theatermacher.

Für Kaegis Inszenierung wurde im Neuen Haus der Kammerspiele der nur wenige Gehminuten entfernte noble Festsaal des Hotels Bayerischer Hof, in dem sich alljährlich im Februar Spitzenpolitiker aus aller Welt treffen, nachgestellt: Die Wände bedecken Fotografien des Prunksaals, von der Decke hängt ein schwerer Kronleuchter, an der Seite steht eine Dolmetscherkabine. „Der Hauptgestus ist der, dass wir einen Rahmen schaffen wie bei der Sicherheitskonferenz. Es sieht so aus, als wäre es eine“, sagt Kaegi. „Aber die Leute, die bei uns auftreten, sind nicht Verteidigungsminister. Sondern es sind Menschen, die auf der anderen Seite der Kausalitätskette der Sicherheitskonferenz stehen.“

Reale Menschen und ihre Erlebnisse im Mittelpunkt

Einmal mehr setzt Kaegi auf das „Experten-Theater“, für das Rimini Protokoll weit über den deutschen Sprachraum hinaus berühmt ist: Neun reale Menschen und ihre Erlebnisse stehen im Mittelpunkt des Stücks - sechs von ihnen treten selbst auf, drei werden durch Schauspieler vertreten.

Es gehe ihm nicht darum, ein abschließendes Urteil über die Sicherheitskonferenz zu präsentieren, betont der Regisseur. Zwar spielten durchaus auch kritische Fragen eine Rolle - zum Beispiel warum zur Konferenz kaum Gäste aus Afrika oder Südamerika eingeladen würden und die Rüstungsindustrie überproportional vertreten sei. „Aber das eigentliche Thema unseres Stücks sind die neun Biografien, die wir hier haben, und was deren Leben mit Sicherheit zu tun hat.“

Ein Splitterbild zusammensetzen

Zu Wort kommen beispielsweise langjährige Mitarbeiter der Konferenz wie eine Dolmetscherin und ein ehemaliger Protokollchef, aber auch Menschen, deren Leben durch die internationale Sicherheitspolitik geprägt wurde, unter anderen eine deutsche Soldatin im Auslandseinsatz. „Und dadurch setzt sich ein Splitterbild dessen zusammen, was eine Sicherheitskonferenz auch noch sein könnte“, sagt Kaegi.

Dabei sitzen die Protagonisten zwischen den Theaterbesuchern am großen Konferenztisch, in dessen Mitte sich im Lauf des Stücks Roboter einen Kampf liefern. Die ferngesteuerten Roboter werden dabei zur Metapher für die Haltung, die hinter der Sicherheitskonferenz steht, wie Kaegi erläutert: „Das Grundgefühl, dass man Konflikte vom Bayerischen Hof aus lösen kann.“

Bis Februar sind rund 20 Aufführungen des Stücks geplant - auch während der Sicherheitskonferenz. „Ich bin sehr gespannt, wie das sein wird“, sagt Kaegi, der aus diesem Anlass noch einmal aus Berlin nach München kommen will. Die Uraufführung des Stücks aber hat er bewusst nicht in größere zeitliche Nähe zur eigentlichen Sicherheitskonferenz gelegt: „Dann wär's mir zu eindimensional und platt polemisch geworden.“ (ddp)

 
 

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