Richard III. als wildgewordener Spießer

Nur Richard III. steht noch: Szene aus Staffan Valdemar Holms Shakespeare-Inszenierung. Foto: Sebastian Hoppe
Nur Richard III. steht noch: Szene aus Staffan Valdemar Holms Shakespeare-Inszenierung. Foto: Sebastian Hoppe
Foto: Sebastian Hoppe Sebastian Hoppe
Staffan Valdemar Holm, der Intendant des Düsseldofer Schauspielhauses, macht aus Shakespeares blutigstem Drama eine Schulstunde mit rapiden Rollenwechseln - und ohne aktuelle Bezüge. Das Problem: Hauptdarsteller Rainer Galke gibt Richard, den Beigen.

Düsseldorf.  Wer den Stammbaum mit Kreide auf die Tafel übertragen hat, dürfte geflucht haben: Meterlang sind die Bande des englischen Königshauses, die sich über die Hinterwand ziehen. 15. Jahrhundert, Zeit der Rosenkriege. Die Yorks gegen die Lancasters. Oben Edward III, darunter Heinrich V. und Richard von Plantagenet, die Herzogin von York. Margret, Edward Vier, Richard III., Elisabeth. Also ist sich der Haufen spinnefeind, der da auf der Bühne sitzt. Das ideale Feld für einen skrupellosen Machtpolitiker, der Fäden spinnt und eiskalt um die Kehlen wickelt. So einer war er, Shakespeares „Richard III“. Theoretisch.

Keine aktuellen Bezüge

Das Schauspielhaus hat sich für das blutigste aller Shakespeare-Dramen in ein Klassenzimmer verwandelt. Über 30 Rollen bringt Regisseur Staffan Valdemar Holm auf die Bühne, verkörpert von zehn Schauspielern. Sobald jemand stirbt, wird ein Name durchgestrichen. Dabei verzichtet der Intendant konsequent auf heutige Bezüge. Also keine Merkel, kein Sarkozy, kein Arabischer Frühling und nein, auch kein Drittes Reich.

Die Schauspieler tragen Zeitloses: Pullunder, Hemden, Stoffhosen. Beige und Pastell dominieren. Das kommt in kompakten unterhaltsamen Szenen daher - Kompliment für die Vieldarsteller Jonas Anders und Dirk Ossig - wenn nur die Hauptfigur dazu schillerte. Aber Rainer Galke schillert nicht. Rainer Galke ist Richard, der Beige.

Richard von Gloucester aber schillert. Andernfalls wäre er nie König geworden. Er ist hässlich und „so schief gebaut, dass Köter kläffen.“ Er ist böse und doch so faszinierend, dass er Menschen um den Finger wickelt. Weil er den Liebhaber nicht spielen kann, hat er beschlossen, den Dreckskerl aufzuführen.

Galkes Richard ist kein Dreckskerl. Er ist ein wildgewordener Spießer mit schelmischem Gesicht und temporärer Behinderung, ein medizinisches Phänomen. Richard III. missbraucht Frauen und tötet seine Familie. Er schickt Mörder zu Kindern, löscht einen halben Stammbaum aus. Bei Galke versteht man nicht, warum das gelingt. Sein Richard ist kein Charismatiker und etwa so subtil wie Kai Pflaume.

Dafür brüllen sich die anderen die Seelen aus dem Leib. Brüllend morden sie, brüllend sterben sie und schleudern Richard, dem Beigen, ihren Hass zu Füßen. Als Königin Margaret, Witwe Heinrich VI. (Karin Pfammatter), dem Killer ihres Mannes ihren Fluch entgegen schreit, ist dies von eher unfreiwilligen Komik. Am Ende stirbt Richard den gottgerechten Schlachtfeldtod, und jeder darf mal würgen, sogar die 80-jährig Herzogin hat Anreise und Mühen nicht gescheut. Und ein Pferd hat sich auch mal wieder nicht gefunden.

 
 

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