Revolution trifft an der Folkwang-Uni Design im Buchdruck

Britta Heidemann
Der Dichter Bert Papenfuß (links) ist beeindruckt, welche Form die Folkwang-Studenten seinen Gedichten gegeben haben.
Der Dichter Bert Papenfuß (links) ist beeindruckt, welche Form die Folkwang-Studenten seinen Gedichten gegeben haben.
Foto: Lars Heidrich
Kommunikationsdesign-Studenten der Folkwang-Universität der Künste in Essen geben den Gedichten des Lyrikers Bert Papenfuß ein Gesicht.

Essen. Die Anarchie des Künstlers und das Design, das sind erstmal Gegensätze. Der Künstler, ein 60-jähriger Berlin-Pirat in Lederkäppi und Lederweste, ist der Lyriker Bert Papenfuß. Das Design wird vertreten von elf Studierenden der Folkwang Universität der Künste, angehende Kommunikationsdesigner, die Papenfuß’ Gedichte zerlegt haben und nun auch für andere begreifbar machen wollen; im Wortsinn.

Und wie sie da im kühlen Sanaa-Gebäude auf Zollverein ihre Entwürfe präsentieren, ihre Mühen mit der „gewöhnungsbedürftigen“ und „drastischen“ Sprache schildern, Arbeitswege und Gedankengänge – da münden die Gegensätze in wilde Wort- und Bilderspiele, die altes Revoluzzertum und modernes Design vereinen.

Gedichte im handgesetzten Druck-Werk veredelt

„Lettern Circus“ heißt das Hochschulprojekt, in dem Leiter Harald Polenz mit seinen Studierenden die Gedichtinterpretation zur Designreife bringt. Vorgeschlagen hatte den Lyrik-Star des einstigen DDR-Untergrunds Papenfuß, der 1999 die Berliner Kultkneipe „Kaffee Burger“ mitbegründete, später eine Kulturspelunke namens „Rumbalotte contuniua“ (heute als „Vereinslokal“ eines Kulturvereins im Prenzlauer Berg geführt), die Autorin Christine Sohn, lange Schauspielerin am Mülheimer Theater.

Deren Gedichte haben der Drucker-Guru Polenz und seine Studenten im vergangenen Semester in einem handgesetzten Druck-Werk veredelt.

Wie ist das, wenn das eigene Wort von Fremden zu einem Kunst-Werk geformt wird? „Dieser spielerische Ansatz“, sagt Papenfuß bei einer Zigarette draußen vor der Tür im Katernberger Nieselregen, „liegt mir schon sehr nahe“. Bereits in den 70er-, 80er-Jahren ist seine Poesie nie lange im stillen Kämmerlein geblieben, sondern hat sich mutig gepaart mit den Ideen anderer Künstler und Musiker. „Bisher“, sagt der 60-Jährige mit einem Lächeln, das nur ein Mundwinkelzucken von Altersmilde entfernt ist, „bin ich jedenfalls mit den Interpretationen hier sehr einverstanden“.

„Himmel und Hölle“-Papierspiel

Und so sehen seine Gedichte aus, jedenfalls in den Augen von Anfang-20-Jährigen, über den Graben von Generation und Geografie hinweg: Da flimmern in wilden Lettern geschriebene Zeilen über die Leinwand: „Plötzen, Kröten, Ergötzen/ Federlesen, Gedränge, Handgemenge“. Eine Studentin lässt die „Vötzlinge“ aus den Gedichten als Linolschnitt-Monster lebendig werden, hat mit ihnen ein „Himmel und Hölle“-Papierspiel gestaltet, das Papenbuschs Zeilen ganz neu zusammensetzt. Bilderbücher im Siebdruck werden entstehen, großformatige Plakate, ein staunenswertes Daumenkino und Flyer, die tatsächlich vom Himmel fallen.

Die Arbeiten, bisher im Stadium des Entwurfs, sollen noch im Frühjahr in einer Ausstellung im Sanaa-Gebäude zu sehen sein. Darunter auch eine Litfaßsäule, unter deren Werbeschichten sich Lyrik verbirgt, die die Besucher eigenhändig freilegen sollen. Kleiner Aufruf zum Revoluzzertum im Jahr 2016.