Rebecca Gablé beendet mit „Der Palast der Meere“ die Waringham-Saga

Schriftstellerin Rebecca Gablé
Schriftstellerin Rebecca Gablé
Foto: Olivier Favre / Lübbe Verlag
Schriftstellerin Rebecca Gablé stammt vom Niederrhein. Ihre Geschichten spielen aber im England vergangener Zeiten. Mit ihrem neuen Roman „Der Palast der Meere“ schließt sie ihre Waringham-Saga ab.

London.. „Nichts verwandelt Menschen in schlimmere Bestien als die Überzeugung ihrer religiösen Überlegenheit.“ Das klingt wie der resignierende Kommentar auf das aktuelle Geschehen in Teilen der Welt. Doch Bestsellerautorin Rebecca Gablé führt den Leser ins Herz eines Europas der Renaissance, das von der heute stolz besungenen „Aufklärung“ noch Äonen entfernt war. „Manches ändert sich einfach nie, wir drehen uns immer nur im Kreis“, sagt die studierte Anglistin vom Niederrhein, die mit ihrem Roman „Der Palast der Meere“ ihre Waringham-Saga abschließt.

Die Eingangsfeststellung in all ihrer zeitlosen Gültigkeit fällt im März 1579 in London, im Gedankenaustausch zwischen Francis Walsingham und Eleanor of Waringham, der engsten Beraterin der Königin. Von interessierten Kreisen ist wieder einmal eine Verbindung zwischen Elizabeth I. und dem Herzog von Anjou, dem Bruder des französischen Königs, angeregt worden. Doch Walsingham, Staatssekretär im Dienste Ihrer Majestät, sieht die Unabhängigkeit Englands im Falle einer Ehe gefährdet, und er warnt vor möglichen französischen Herrschaftsansprüchen.

"Der Palast der Meere" umspannt fast drei Jahrzehnte

Der ehemalige Spion hat noch die Bilder jenes schrecklichen Massakers vor Augen, das als „Bartholomäusnacht“ oder „Pariser Bluthochzeit“ in die Geschichte einging. Auf Geheiß der katholischen Königinmutter Katharina von Medici waren im August 1572 Tausende französische Protestanten (die „Hugenotten“) abgeschlachtet worden; in der Folge breitete sich die Welle der Gewalt über ganz Frankreich aus.

Knapp drei Jahrzehnte – von 1560 bis 1588 – umspannt „Der Palast der Meere“; es sind entscheidende Jahre für die Entwicklung Englands, Europas, ja der Welt. Der Hass zwischen „Papisten“ und Vertretern der Anglikanischen Kirche scheint unüberwindbar. Entscheidend, meint Rebecca Gablé, „war der vom Papst abgesegnete Hegemonialanspruch Spaniens und die daraus resultierende Zweiteilung der Welt“ – darauf mussten die Engländer reagieren. Sie hatten Spanien, bis auf Freibeuter wie John Hawkins und Francis Drake, allerdings wenig entgegenzusetzen.

Folgenschwere Gemengelage

In dieser folgenschweren Gemengelage, die lange Jahre geprägt ist vom Konflikt zwischen der pragmatischen Protestantin Elizabeth I. und der katholischen, mit Frankreich verbündeten schottischen Königin Mary Stuart, fällt Eleanor als „Auge“ der Krone eine gefährliche Aufgabe zu. Die Nähe zur Königin schafft Feinde und Neider; dass sie sich ausgerechnet in Gabriel Durham verliebt, den „König der Diebe“ und Anführer der Londoner Unterwelt, macht sie angreifbar. Eleanors fünfzehnjähriger Bruder Isaac wiederum flieht die Enge Waringhams. Er schleicht sich in Plymouth als Blinder Passagier auf ein Handelsschiff von John Hawkins, lernt Francis Drake kennen...

Zum fünften Mal macht Rebecca Gablé am Schicksal der fiktiven adeligen Familie Waringham Geschichte erlebbar und bekräftigt ihren Ruf als auch international herausragende Autorin historischer Romane. Ihre nie schablonenhaften Figuren bewegen sich wieder grandios in jenem quellenfreien Raum, der durch Fantasie und psychologisches Geschick gefüllt wird. Gablé spielt – darin Ken Follett nicht unähnlich – sprach- und stilsicher mit dem, was auf der Grundlage gesicherter Fakten und wissenschaftlicher Erkenntnisse denkbar, möglich, wahrscheinlich ist. Und sie regt, direkt oder im Subtext, den Leser an, selbst eine Gedankenverbindung zwischen Vergangenem und dem Heute herzustellen. So erzählt „Der Palast der Meere“ auch von einer Frühform der Globalisierung. „Mir ging es“, meint Rebecca Gablé, „vor allem um das Thema unfreiwillige Migration. Dabei habe ich für das späte 16. Jahrhundert keinerlei Hinweise auf Rassismus gefunden. Die Integration hat funktioniert.“

 

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