Punk über Dortmund: „Die Kassierer“ treffen Nestroy

Arnold Hohmann
Der etwas andere Nestroy. Szene aus „Häuptling Abendwind“ am Theater Dortmund.
Der etwas andere Nestroy. Szene aus „Häuptling Abendwind“ am Theater Dortmund.
Foto: Theater Dortmund
Nichts für zarte Gemüter. In einer neuen Inszenierung am Theater Dortmund treffen die Wattenscheider Punk-Musiker „Die Kassierer“ auf einen Schwank von Nestroy.

Dortmund. Zwei Sicherheitsbeamte im Foyer beäugen ein Publikum, das man eher bei einem Rock-Konzert vermuten würde. Weniger in einem Schauspielhaus, „wo man nich ma Bier mit reinnehmen darf“, wie einer bedauernd feststellt. Wie viele andere ist er gekommen, um im Dortmunder Schauspiel den Auftritt der Wattenscheider Punk-Legende „Die Kassierer“ mitzuerleben, die auf der Bühne Andreas Becks Inszenierung von Johann Nestroys Faschingsfarce „Häuptling Abendwind“ musikalisch begleiten sollen.

Zwei Provokateure ihrer Zeit treffen da aufeinander. Hier der Wiener Dichter Nestroy, der mit seiner Menschenfresser-Burleske all die Blutsauger vom Kaiser bis zum Klerus meinte. Und dort die „Kassierer“ mit ihren alle Schamschranken niederreißenden Songs, in denen es vorrangig ums Saufen und um klare Ansagen in den Beziehungen von Mann und Frau geht. Eine „ethische Desorientierung“ hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften der Band einst attestiert, was das Quartett unter Leitung des häufig textilfrei auftretenden „Wölfi“ Wendland als Ritterschlag empfunden haben muss.

Viel mehr als punkiges Losdreschen

Am Dortmunder Theater hat man Schnittflächen gesehen zwischen blutiger Satire aus der k.u.k-Zeit, wo ein indianisches Gipfeltreffen an mangelndem Menschenfleisch zu scheitern droht, und grölenden Punk-Bekenntnissen, die das menschliche Dasein auf Bier und Unterleib reduzieren. Auf Sven Hansens Bierkasten-Bühne kommen sich Stück und Band gelegentlich sehr nahe, vor allem, weil die „Kassierer“ musikalisch viel mehr drauf haben, als punkiges Losdreschen. Eigene Erfolgsstücke („Vegane Pampe“) vermischen sich mit sanfter Filmmusik, Cancan, sogar Klassik.

Am Ende ist dies ganz und gar ein „Kassierer“-Abend, den Zartbesaitete lieber meiden sollten. Allein Julia Schubert als Häuptlingstochter Atala kann schauspielerisch mit ihrer rotzigen, rüden Art neben den Alt-Punkern bestehen. Johlender Beifall von einem dann doch sehr zivilisiert sich gebendem Publikum.

Termine: Tel. 0231-5027 222