Pottfiction kocht mit viel Gefühl und wenig Jahren

Lars von der Gönna
Pottfiction im Big Tipi in Dortmund. Jugendliche und Theatermacher erarbeiten gemeinsam Kulturdisziplinen. Der Workshop dauert eine Woche.
Pottfiction im Big Tipi in Dortmund. Jugendliche und Theatermacher erarbeiten gemeinsam Kulturdisziplinen. Der Workshop dauert eine Woche.
Foto: Ralf Rottmann / WAZ FotoPool
Eine wirkungsvolle, bärenstarke Fortsetzung der Kulturhauptstadt 2010 in der Dortmunder Nordstadt: 80 Jugendliche zwischen 16 und 23 machen Theater, Musik, Kunst und alles, was dazwischen liegt. Auf dem Nordmarkt gibt’s Ende der Woche dann zu sehen, was dabei herausgekommen ist.

Dortmund. Kommt Kunst nun von Können oder von Küchendienst? Wenn ein Topf namens „Pott­fiction“ auf dem Kulturherd steht, geht eins nicht ohne das andere. In der Mittagspause stehen fünf junge Leute im Spülzelt. Zum Abwasch sind heute drei „Mutige“ und zwei „Neugierige“ abgestellt. Es könnten aber auch vier „Leidenschaftliche“ und ein „Verrückter“ sein. Dazu später mehr. Dortmunds Nordstadt jedenfalls hat eine Projekt-Woche lang Besuch: 80 Menschen, 16 die jüngsten, 23 die ältesten, durchmessen ihre Zelt-Welt als kreativen Freiraum.

Es wird schon jetzt als Glück gefeiert, dass „Pottfiction“ da ist. Wieder da. „Eines der besten Projekte der Kulturhauptstadt 2010“, nennt Andreas Gruhn, Chef des Kinder- und Jugendtheaters Dortmund, die Idee. Und doch war Kontinuität nicht selbstverständlich. 2014 kocht der Pott endlich wieder. Besser gesagt: In Dortmund brodelt in Form eines großen Finales seit Montag eine Woche lang, was von Hamm bis Oberhausen schon ab letzten November in kleineren Einheiten brutzelte.

Kreative Köpfe, große Gefühle

Und damit sind wir bei den Spülern vom Anfang. Für das Kunstdach, unter dem sich von Gelsenkirchens Consol bis zu Bochums Jungem Schauspielhaus Theater zusammenfinden, haben kreative Köpfe auf große Gefühle gesetzt. Und sie den Städten zugesprochen: Dortmund etwa ist „romantisch“, Hamm „leidenschaftlich“. Ein Wort fehlt, ja muss fehlen: „langweilig“.

Denn erstens waren von den jetzt 80 Teilnehmern bewusst nur 40 in der halbjährigen Vorbereitung, die anderen 40 kamen unbeleckt ins Camp (wo auch genächtigt wird.) Zweitens mischt ein halbes Dutzend Workshops die beteiligten Städte. Ob man im „Camping Orchestra“ spielt, Street Art macht, Tanz oder Theater – die Dosis von Verrücktheit, Mut etc. ist jedes Mal ein bisschen anders.

Flüchtlinge aus Syrien

Maks Braun (23) ist einer von den Mutigen. „Ich dachte jedenfalls ich wär’s. Hundert Prozent!“, lacht er. Jetzt ist er da gar nicht mehr so sicher. Aber gerade das gefällt ihm: dass es plötzlich Fragen gibt, dass man scheitern kann. „Manchmal sogar scheitern soll!“, sagt Maks. Maks ist in Kasachstan geboren, heute hat er die deutsche Staatsangehörigkeit. In Bochum hat er Zerspanungsmechaniker gelernt, im Herbst wird Maks sein Abi schaffen, wünscht sich dann ein Informatikstudium. Traumberuf? „Spieleentwickler!“

Georg Kentrup vom Consol Theater sagt: „Es ist längst nicht mehr so, dass ein solches Camp nur Jugendliche anzieht, die morgen auf der Schauspielschule vorsprechen wollen.“ Bunter als hier geht es wahrscheinlich ohnehin kaum. Hier ein Zerspanungsmechaniker, dort sechs junge Flüchtlinge aus Syrien. Sprachprobleme? Die Tanzdozentin kommt aus Ägypten: Manche Dinge löst man eben spielerisch. Wie auch die Frage, in welcher Welt man morgen miteinander leben will – darum kreist vieles hier am „Big Tipi“, dem großen Zelt in der Mitte.

Kunstrepublik mit Regeln

Der Schmelztiegel Ruhrgebiet zeigt sich hier in allen Farben. Deutsche Jugendliche treffen solche, deren Eltern aus Afghanistan, der Türkei oder Polen ins Revier kamen. Spielt das eine Rolle? Nein. „Dazu gehören, nicht ausgeschlossen zu sein“ – das, so Maks, sei eine der tollsten Erfahrungen bei Pottfiction.

Und die Kunst? Kommt! Morgens ab 10 wird kreativ gearbeitet bis zum frühen Abend. Täglich, abends um neun, gibt es auf der„offenen Bühne“ erste Ergebnisse. Kurz davor geht’s fast staatstragend zu: Erst tagt nämlich der Camp-Rat, dann der Stadtrat, um Probleme zu lösen. Diese kleine Kunstrepublik hat ihre Regeln.

Und an diesem Samstag zeigen sie „Open-Air“, was in einer Woche aus ihrer Kreativschmiede samt Kochdienst und Campingkocher geworden ist. „Aber nicht hier. Das zeigen wir auf dem Nordmarkt. Ist sozialer Brennpunkt“, weiß Maks. Hier wird Pottfiction bühnenreifen Dampf ablassen.