„Otello“ in Düsseldorf ist ein Alptraum ganz in Schwarz

Zoran Todorovich (MItte) ist an der Rheinoper Verdis „Otello“
Zoran Todorovich (MItte) ist an der Rheinoper Verdis „Otello“
Foto: Hans-Jörg Michel
Kopf-Kino, Wahn, unentrinnbare Erinnerung? Verdis „Otello“, der eifersüchtige Mörder, lebt an der Rheinoper im schwarzen Käfig seines Ichs. Samstag war Premiere.

Düsseldorf.. Was geht im Kopf eines Menschen vor, dem eine platte Eifersuchts-Intrige die Sicherungen durchschmoren lässt, bis hin zum Mord? Otello ist ja so ein Fall für den Arzt. Ein Aufsteiger mit falscher Hautfarbe. Was wir uns schon dachten, illustriert die Rheinoper in ihrer jüngsten Premiere: Die schöne Frau (Desdemona), die stolzen Siege (gegen die Türken!) – all das nützt einem Manne nichts, dessen größter Gegner im eigenen Schädel lauert.

Einen „Hirnkasten“ hat Regisseur Michael Thalheimer von Henrik Ahr für seinen Zugriff auf Verdis großartigste Oper bauen lassen. Ein Block, so schwarz, so dicht, so aggressiv hermetisch, so alle Gefangenschaft von Gedanke und Gefühl in einen Raum pressend, dass hier verrückt werden muss, wer es nicht schon ist. Wenn eingangs der Sturm losbricht, kehrt Feldherr Otello nicht nach Zypern zurück, er ist längst da. Das Ich, es ist ja unentrinnbar, was soll ihm da ein Etappensieg auf dem Feld staatlicher Ehre?

Der Chor, Echo einer multiplen Persönlichkeit

Keine Freude, kein Fest, kein Kinderchor (gestrichen): Wenn hinter Otello das Volk singt, wirkt das nur noch wie ein multiples Persönlichkeits-Echo. Schwarz auch sie, die Choristen der Rheinoper. Schwarz aller Menschen Kleider. Und doch: rahmt Schwärze nur Stirn, Augen, Wangen, Mund des Mohren (der wohl Maure war). Weiß ist der Rest, weiß sind Hände und Arme. Ist am Ende doch bloß Schminke, was alle Welt als Unausweichliches der Natur etikettiert?

Im Schmutz des Gerüchts

Thalheimers bedrückende Optik ist auf eine Weise kompromisslos, die fast schmerzt. Kann keine Rettung sein an diesem Ort. Und wie schillernd-schaurig in diesem nachtschwarzen Theater das mephistophelische Grimassieren des vernachlässigten Karrieristen Jago prangen kann: Es fügt sich trefflich, dass Boris Statsenko kein junger Jago ist. Umso endgültiger, wütender, furchteinflößender holt Statsenkos wuchtiger Bariton aus, zu vernichten, was den Abgehalfterten bedroht, der hier nichts mehr zu ernten hat.

Man denkt hier nicht selten an die Konstellation des „Faust“. Wenn Luken ins Leben sich öffnen, wenn ein Hauch von Himmelslicht der tugendhaften Desdemona Ewigkeit verspricht, wo der Schmutz des Gerüchts sie im Quader längst zur Hure gestempelt hat. Es sind Desdemonas Insignien, Taschentuch und Brautkleid, die einzigen Lichtpunkte auf Thalheimers Studie einer Nacht ohne Ende.

Konzept mit Schwächen

Schwächen kann das reizvolle Konzept nicht überdecken. Wo alles so klar der Katastrophe zusteuert, wo so früh, so finster immerzu der Anfang des Endes buchstabiert wird, da erzählt Verdis grauenvolle Wundermusik vielfach differenzierter von den Wesen dieses Stückes als Thalheimers mal steifes, mal zirkushaft agierendes Personal es darf. So ist aus Düsseldorf von einem Fall ohne Höhe zu berichten. Auch Monotonie ist ihm nicht fremd. Dieses Kino im Kopf des Otello ist frei von überraschenden Schnitten. Das ist am Ende fast die Produkt-Enttäuschung bei Thalheimers Coup: Er macht uns glauben, einem Monster in den Kopf sehen zu können. Tatsächlich erfahren wir weniger über Otello als in konventionellen Schinken.

Erfreulich, dass das Haus musikalisch einen guten, mitunter einen großen Abend erlebt. Aufwühlend plastisch, durch alle Instrumentengruppen extrem farbensatt und vor allem in den bittersüßen Momenten, die vom Schein des Glücks Otello/Desdemona erzählen, sezieren Axel Kober und Düsseldorfs Symphoniker die Partitur bis auf den schwärzesten Lebensnerv.

Desdemonas noble Melancholie

Otello singt Zoran Todorovich. Es beckmessert, wer kleine vokale Trübungen registriert. Zu hören ist eine großartige Tenorparade, martialisch gewiss, aber doch auch als fühlende Seele gesungen. Jacquelyn Wagners Desdemona-Sopran umweht die noble Melancholie der Duldenden – eine fast idealtypische Besetzung, nur die Piano-Kultur weist Luft nach oben auf. Ovidiu Purcel adelt die Cassio-Rolle mit grazilem Schmelz. Und so präsent und schön muss man die kleine Rolle der Kammerfrau erst einmal abrufen können, wie es Sarah Ferede bei der Premiere vermochte. Langer, starker Beifall.

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Die nächsten Aufführungen des neuen „Otello“ an der Rheinoper sind im Oktober (13., 16., 19., 22., 29.) und November (1., 4., 10., 13.). 0211 - 89 25 211


Michael Thalheimers Otello-Deutung ist eine Koproduktion mit der „Oper Vlaanderen“.

 
 

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