Oratorium: Huldigung eines Märtyrers

Ende einer Gedächtniswoche: Stefan Heuckes Oratorium „Nikolaus Groß“ in Duisburg uraufgeführt. Das Denken und Wirken des Seliggesprochenen in großer musikalischer Besetzung lebendig werden zu lassen.

Duisburg.. Zehn Jahre liegt es zurück, dass Papst Johannes Paul II. Nikolaus Groß selig gesprochen hat, den Arbeiterführer, überzeugten Christen und Widerstandskämpfer, der am 23. Januar 1945 wegen seiner Überzeugung in Berlin-Plötzensee von Nazi-Schergen ermordet wurde. Eine vom Bistum Essen ausgerichtete Gedächtniswoche zu Ehren des gebürtigen Hattingers gipfelte in der Uraufführung eines 90-minütigen, nach dem Geehrten benannten Oratoriums in der mäßig besetzten Duisburger Mercatorhalle.

Der in Bochum ansässige Komponist Stefan Heucke übernahm die aufwändige und stilistisch schwierige Aufgabe, das Denken und Wirken des siebenfachen Vaters in großer musikalischer Besetzung lebendig werden zu lassen. Vier Solisten, zwei Chöre und ein Riesenorchester samt Orgel standen ihm dafür zur Verfügung. Mehr als ausreichendes Material für einen mächtigen Huldigungs-Hymnus.

Gebet in nazarenerhaft frömmelnder Pose

Heucke orientiert sich formal an den Passionen Bachs. Ein singender „Sprecher“ informiert über die nüchternen Lebensfakten, die anderen Solisten verkörpern seine Frau, ihn selbst und seine braunen Gegner. Die Chorpartien basieren auf einem Choraltext des evangelischen, ebenfalls ermordeten Widerstandskämpfers Jochen Klepper, „Gott wohnt in einem Lichte“, der das ganze Werk im Stil eines Bachschen Passionschorals durchzieht.

Die Gefahr, den Menschen Groß zu einem überirdischen Märtyrer von messianischer Größe zu stilisieren, kann Heucke nicht bannen. Ausgerechnet im vierten Teil des Werks, in dem Groß’ Ende thematisiert wird, relativiert Heucke den Schrecken der nationalsozialistischen Ära durch ein geradezu sternumkränztes Gebet in nazarenerhaft frömmelnder Pose. Groß’ Abschiedsbrief wärmt ein süßliches Cello-Quartett auf, wodurch sich ein Heiligenschein über das Grauen legt. An schärferen, härteren Tönen fehlt es zwar nicht, sie werden aber allesamt wieder abgefedert durch tröstliche Klänge bis hin zu einem grenzwertigen Summchor.

Philharmoniker meistern Orchesterpart

Ein insgesamt fragwürdiges Unternehmen, wie schon Heuckes Oper „Das Frauenorchester von Auschwitz“, das gleichwohl den Interpreten hohe Anforderungen abverlangt. Der komplexe Orchesterpart hat es in sich, wodurch sich die versierten Duisburger Philharmoniker unter der umsichtigen Leitung von Graham Jackson allerdings nicht in Verlegenheit bringen ließen. Der Philharmonische Chor Duisburg, verstärkt durch den glockenhellen „Mädchenchor am Essener Dom“, brachten nicht nur die Choräle klangschön zur Geltung, sondern auch die schulmäßige Fuge im Schlussteil. Die Sopranistin Caroline Melzer sang die Rolle der Gattin mit emotionalem Einsatz, intonierte allerdings wiederholt zu tief.

Stück zeigt Wirkung

Einen präzis und textverständlich artikulierenden „Sprecher“ in der Tradition der Bachschen Evangelisten lieferte der Tenor Tilman Lichdi. Dem Titelhelden verlieh der Bariton Sebastian Noack seine balsamisch weiche Stimme. Die meisten Rollen, aber die kleinste Partie, hatte der Bassist Sami Luttinen zu bewältigen, das Sprachrohr der bösen Feinde.

Seine Wirkung verfehlte das Stück beim Duisburger Publikum nicht. Angesichts der Bedeutung des nicht gerade preiswerten Projekts sei die Frage erlaubt, was bei der Planung schief gelaufen ist, wenn die Mercatorhalle bei weitem nicht gefüllt werden konnte.

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