Olchis und Lillifee springen mit neuer App aus den Büchern

Das kostenlose „Superbuch“-Angebot verlängert Bilderbücher von neun Verlagen um eine digitale Dimension am Tablet oder Smartphone.
Das kostenlose „Superbuch“-Angebot verlängert Bilderbücher von neun Verlagen um eine digitale Dimension am Tablet oder Smartphone.
Foto: Superbuch
Neun Verlage haben eine kostenlose App entwickelt, die Figuren in Kinderbüchern bewegt. Wie das „Superbuch“ funktioniert – und ob das sinnvoll ist.

Essen. Tippt ein Kind auf die Tigerente, fängt sie an zu quaken. Das hat Janosch, der heute 85 Jahre alt wird, beim Schreiben seiner Kinderbücher wohl nicht ahnen können: Seine Geschichten werden lebendig – und das nicht nur in der Fantasie.

Zwar bewegten sich Bär und Tiger bereits in der Zeichentrickserie „Janoschs Traumstunde“. Aber wann sie sich drehten oder gähnten, konnten Kinder in den 80ern noch nicht beeinflussen. Nun scheint die Tigerente aus dem Buch und durch die Luft zu rollen, wenn der Finger sie anstupst. Dabei sitzen die Kinder nicht vorm Fernseher, sondern vor einem gewöhnlichen Janosch-Buch. (Vielleicht ist es sogar dasselbe Exemplar, das die Eltern gelesen haben, als sie klein waren). Allerdings müssen die Erwachsenen noch etwas herausrücken, damit die Figuren zu sprechen anfangen: Smartphone oder Tabletcomputer.

Die kostenlose App "Tigerbooks"

Wer das neue, sogenannte „Superbuch“ ausprobieren möchte, lädt die kostenlose App „Tigerbooks“ herunter, wählt eines der ersten 18 interaktiven Kinderbücher aus, zum Beispiel „Post für den Tiger“. Dann richtet er die Kamera des Tablets oder Smartphones auf die Original-Buchseiten – und schon seufzt der Tiger auf dem Display, weil er sich einsam fühlt, wenn der Bär angeln geht. Eine Stimme liest vor, während Vögel zwitschern.

In der getesteten Demoversion gab es hauptsächlich Animationen, später sollen noch Suchbilder und Quizfragen hinzukommen. „Die Superbücher sind nicht abgeschlossen, sie entwickeln sich ständig weiter“, sagt Till Weitendorf, Initiator und Verleger bei Oetinger. Insgesamt neun Verlage, darunter auch Beltz, Langenscheidt, Thienemann-Esslinger, haben zusammen das Zusatzangebot entwickelt, um ganz normale Bücher für die Kinder spannend zu machen, die die Geschichten auf Papier bisher nicht so gerne in die Hand genommen haben. Darunter sind auch Klassiker und Lieblinge, wie Urmel und die Olchis, Lars, der Eisbär, der Regenbogenfisch sowie Petterson und Findus oder Prinzessin Lillifee.

"LeYo" vermittelt mehr Wissen

Die Verlage lassen sich einiges einfallen, um ihre Bücher zu verkaufen. Carlsen hat bereits mit „LeYo“ ein ähnliches Konzept umgesetzt: Kinder bekommen Zusatzinformationen, wenn sie mit dem Smartphone über die Seiten „fahren“. Das Besondere beim kostenlosen „Superbuch“: Man braucht nicht einen neuen Titel zu kaufen. Es soll mit Büchern funktionieren, die bereits im Regal stehen. Wobei Urmel nicht als Klassiker, sondern als Bilderbuch bereit liegen muss.

„LeYo“ vermittelt mehr Wissen. Ähnlich funktionieren auch „Tiptoi“ oder „Ting“. Wobei diese Stifte nur den Audio-Bereich abdecken: Da hören Kinder „Eine kleine Nachtmusik“, sehen aber nicht Mozart musizieren. Außerdem müssen solche Hörstifte extra angeschafft werden, und auch diese funktionieren nur bei speziellen Büchern. Allerdings sind solche Stifte nicht so schwer wie ein Smartphone oder ein Tablet, das ja die ganze Zeit über das Buch gehalten werden muss. Da werden die Arme schwer. Zumal sich das Angebot an Kinder zwischen 3 und 8 Jahren richtet.

Kinder werden mit der neuen Technik groß. Sie sind es gewohnt, dass man mit dem Finger nur über ein Display wischen muss – und schon geht es weiter. Das funktioniert beim Superbuch aber nicht. Da müssen sie wie bisher die Seiten des Buches umblättern.

Spielereien lenken von Geschichte ab

Es gibt viele Apps, auch interaktive Bilderbücher, die bereits Kleinkinder „durchspielen“ können, so Friederike Siller. Die Professorin am Institut für Medienforschung und Medienpädagogik an der TH Köln findet einige Angebote auch pädagogisch in Ordnung. „Entscheidend ist, dass die Kinder den Umgang mit Geschichten erlernen.“ Und dass sie aktiv gefordert sind. Wenn Kinder allerdings zu viele Tipp-Möglichkeiten bekommen oder ein flatternder Vogel von der Geschichte ablenkt, sei das nicht förderlich.

Eltern und Experten streiten sich darüber, ob digitale Angebote die Konzentration von Kindern stören. Einig sind sich wohl alle, dass es zumindest für ein klassisches Buch keinen Lesestopp gibt – bis die Nachttischlampe aus ist.

 
 

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