OB Sauerland - der Ruf nach dem Sündenbock

Foto: William Holman Hunt

Essen.. Die Debatte um Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland erinnert an den Ruf nach dem Sündenbock. Das Tier muss immer dann herhalten, wenn Menschen einen Schuldigen suchen. Eine Betrachtung zwischen Bibel und Justiz.

Wenn sich Katastrophen ereigneten, wenn Epidemien ausbrachen, in Krisenzeiten wurde – quer durch die Jahrhunderte – ein Tier plötzlich beliebt: der Sündenbock. Er muss herhalten, wenn Menschen einen Schuldigen suchen, einen, an dem sie das ganze Unglück festmachen können. Die Debatte um Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland erinnert an den Ruf nach dem Sündenbock. Nicht ganz zu Unrecht, findet Hans-Peter Großhans, Professor für Systematische Theologie an der Universität Münster. Obwohl die ursprünglich religiöse Bedeutung des Bildes viel tiefer gehe.

Der Begriff stammt aus der Bibel, dem dritten Buch Mose. Darin werde ein Ritual für die Entsühnung des ganzen Volkes Israel am Versöhnungstag Jom Kippur beschrieben, erklärt Großhans, der auch Mitglied des Forscherverbunds „Politik und Religion” an der Universität Münster ist. Der Hohe Priester nimmt zwei Ziegenböcke. Einen opfert er. Dem anderen, der durch das Los bestimmt wird, überträgt er alle Vergehen oder Sünden, des ganzen Volkes Israel. Dazu legt er ihm die Hand auf den Kopf. Anschließend schickt er den Ziegenbock mit all den Sünden in die Wüste.

„Es müsste doch eine große Scham ausbrechen“

„Es ist nicht die konkrete Aufarbeitung der Vergehen”, erklärt der Theologe. Also nicht die juristische Aufarbeitung, die kenne das Judentum zusätzlich. „Aber im alten Volk Israels war ein Bewusstsein dafür da, dass Schuld nicht mit strafrechtlichen Maßnahmen allein abgegolten ist.” Wohlgemerkt: Nicht das Tier ist schuldig, sondern die Gesellschaft fühlt sich hier schuldig.

Für Duisburg, räumt der Theologe ein, treffe diese religiöse Bedeutung nicht ganz zu – zuerst müsse es die juristische Aufarbeitung geben. Dennoch sieht der Theologe durchaus Parallelen. „Auch wenn dem einen oder anderen Amtsleiter in Duisburg juristisch keine Schuld nachzuweisen ist, wenn er im Verfahren zuvor alles ,richtig’ gemacht hat, muss er doch sehen: Es war nicht gut.” 21 Menschen haben ihr Leben verloren. „Es müsste doch eine große Scham ausbrechen. Wieso sagt keiner: Ich war der Verantwortung nicht gewachsen, ich lasse mich ein oder zwei Stufen in der Verwaltungshierarchie degradieren. Alle Beteiligten sollten sich schämen.” Als öffentliches Zeichen dafür könnte sich der Forscher ähnlich wie den Trauer-Gottesdienst auch einen „Entsühnungs-Gottesdienst” in der Stadt vorstellen.

Umgangssprachlich habe der Sündenbock jedoch eine andere Bedeutung. „Da wird ein Ersatz-Schuldiger gesucht, wenn kein richtig Verantwortlicher zu greifen ist.” Der Ruf nach dem Rücktritt von Adolf Sauerland erfülle auch diese Funktion. „Man möchte schnell jemanden bestrafen.” Daraus spreche auch das Bedürfnis, die Justiz selbst in die Hand zu nehmen.

Spirale der Gewalt

Für Großhans keine Alternative. „Als Bürger ist mir das zu einfach. Damit wäre überhaupt nichts gelöst. Und als evangelischer Theologe muss ich sagen: Es ist nicht richtig. 21 Menschen sind gestorben. Das kann nicht auf diese Weise bewältigt werden.” Verstehen könne er aber den Ruf nach dem Sündenbock, nach dem Rücktritt Sauerlands. „Das ist ein gesellschaftlicher Vorgang. Als Bürger steht man hilflos da, man kann niemanden greifen, der sich verantwortlich fühlt. Das ist doch entsetzlich unbefriedigend.” Für Großhans ist Duisburg daher auch ein Testfall für die dritte Gewalt im Staat, die Rechtsprechung. „Sie ist schließlich in modernen Staaten dafür da, genau dieses Problem zu lösen.” Im Ruf nach dem Rücktritt schwinge allerdings schon die Skepsis der Menschen gegenüber der Justiz mit. MT Loveparade Duisburg Spezialseite

Und wenn es ihr nicht gelingt, angemessen auf ihr Empfinden zu reagieren? „Neuere Theorien über den Sündenbock greifen genau die Frage auf, was wird – wenn wie in Duisburg – niemand Verantwortung übernimmt. Normalerweise führt dies zu diversen Formen von gesellschaftlicher Aggressivität.” Beenden könne diese Spirale der Gewalt nur einer: Jemand, der zum Sündenbock gemacht wird.

Den Zwischenbericht der Stadt Duisburg zur Loveparade lesen Sie hier.

 
 

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