Nostalgie pur bei Design-Ausstellung auf Zollverein in Essen

1955 war der Mercedes 300 SL als Foto in Essen zu sehen. Jetzt kann man den Rennwagen-Prototyp, eine echte Rarität, auf Zollverein bewundern.
1955 war der Mercedes 300 SL als Foto in Essen zu sehen. Jetzt kann man den Rennwagen-Prototyp, eine echte Rarität, auf Zollverein bewundern.
Foto: Volker Hartmann/Funke Foto Services
60 Jahre Essener Designgeschichte: „Dauernde, nicht endgültige Form“ heißt die Jubiläums-Schau auf der Zeche Zollverein. Sie läuft bis zum 23. August.

Essen.. Gutes Design kann Gemüse luftdicht aufbewahren, Wäsche waschen, den Rasen mähen oder Verbraucher-Trends setzen. Als die erste „Ständige Schau formschöner Industrieerzeugnisse“ 1955 mit dem Braun-Elektrorasierer 300 wirbt, benutzen zwei Prozent der deutschen Männer solch ein Gerät, fünf Jahre später sind es 40.

„Dauernde, nicht endgültige Form“ heißt die Jubiläums-Schau über 60 Jahre Essener Designgeschichte auf dem Welterbe Zeche Zollverein. Die erstmals in Kooperation von Red Dot Design Museum und Ruhr Museum ausgerichtete Schau ist mehr als die Rekonstruktion der ersten Ausstellung von 1955 mit Schreibmaschine, Plattenspieler und historischen Fotos. Sie zeigt auch, wie man die Deutschen in Wirtschaftswunder-Zeiten lehrte, schöner zu wohnen und ästhetisch anspruchsvoller zu gucken.

Und heute, wo doch jeder alles designt, von der Frisur bis zum Fingernagel, kommt es mehr denn je auf die ausgezeichnete und damit werbewirksame Gestaltung an. Design sei immer noch Triebfeder permanenter Optimierung, sagt Peter Zec, Chef des Red Dot Design Museums auf Zollverein, der seit über 20 Jahren in Essen maßgeblich dazu beigetragen hat, dass aus dem „Roten Punkt“ die „begehrteste Industrieauszeichnung der Welt“ wurde. Für die Prämierung gibt es heute jährlich 17 000 Bewerbungen aus 70 Ländern – von der Blumenvase bis zur Beinprothese.

Meisterschale des Deutschen Fußballbundes

Viele werden beim persönlichen Highlight der Sonderschau allerdings gar nicht an London, Tokio oder Stockholm denken, sondern an die Essener Künstlersiedlung Margarethenhöhe und an eine ihrer prägenden Figuren, Elisabeth Treskow. Die von ihr gestaltete Meisterschale des Deutschen Fußballbundes erinnert nicht nur an den größten Triumph von Rot-Weiss Essen, die Deutsche Meisterschaft 1955, sondern auch daran, dass die Geschichte guter Gestaltung in Essen lange Tradition hat.

Dass das Design in Essen die Spitzenposition erfolgreicher verteidigt hat als der Fußball, liege an vielen Faktoren, sagt Theo Grütter, Direktor des Ruhr Museums. Da ist zum einen die große Vorgeschichte, die mit dem Westdeutschen Impuls beginnt, von der Gründung der Folkwangschule und Architekten wie Edmund Körner oder Georg Metzendorf befördert wird und Essen und das Ruhrgebiet schon um die Jahrhundertwende zum „Hotspot“ der guten Gestaltung machen, so Grütter. Und da ist die Wirtschaft, die Aufträge vergibt und die finanziellen Mittel hat.

„Ständige Schau formschöner Industrieerzeugnisse“

So ist es kein Zufall, dass in der Essener Villa Hügel 1955 die erste „Ständige Schau formschöner Industrieerzeugnisse“ mit großem Pomp und im Beisein adliger Gäste wie König Paul von Griechenland eröffnet wird. Für Krupp ist die Ausstellung nach dem Krieg ein wichtiger Beitrag zum Imagewandel. Statt um Militärgerät geht es nun um allerneueste Küchenmaschinen und Suppenschüsseln mit Goldrand. 270 000 Besucher wollen im ersten Jahr die Schau sehen, die man 50 Jahre später auf Zollverein nun zu 80 Prozent rekonstruiert hat. „Die Leute waren ausgehungert nach Schönheit. Und viele wollten auch mal wissen, wie die Krupps so gewohnt haben“, erklärt Peter Zec den damaligen Erfolg.

In den 1960ern beginnt eine wechselvolle Geschichte durch die Essener Ausstellungshäuser. Ausgerechnet die 1938 von den Nazis in Brand gesetzte Alte Synagoge wird für viele Jahre zum – erst kontrovers diskutierten – Quartier, später folgen das Amerikahaus und die Stadtbibliothek. Die Ausstellungen beschäftigen sich mit dem „Erscheinungsbild der Olympischen Spiele“, zeigen auch „Neue Tapeten“, „Frische in Form“ oder Plastiktüten. Design wird emotionaler.

Verleihung des Red Dot Design Award

Seit 1997 ist das Red Dot Design Museum im von Sir Norman Foster umgebauten Kesselhaus auf Zollverein untergebracht. Seit 60 Jahren in Essen beheimatet, aber global ausgerichtet, mit Dependancen in Singapur und Taipeh, eine dritte Adresse in Shanghai ist in Planung. Am Montag wird die Design-Welt dann wieder zur Verleihung des Red Dot Design Award in Essen zu Gast sein. Nur auf die roten Schuhe, die Zec üblicherweise zur Preisverleihung trägt, muss er diesmal verzichten. Auch die stehen jetzt in der Ausstellungs-Vitrine.

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