„Nora“ und „Gespenster“ in Dortmund

Arnold Hohmann
Ganz nah dran: die Inszenierung „Gespenster“ in Dortmund. Foto: Franz Luthe
Ganz nah dran: die Inszenierung „Gespenster“ in Dortmund. Foto: Franz Luthe
Foto: WR/Franz Luthe

Dortmund. Am Schauspiel Dortmund interpretiert Regisseur Kay Voges an zwei aufeinander folgenden Abenden Ibsens „Nora“ und „Gespenster“ als Fortsetzungsdrama.

Manchmal genügt schon die simple Abänderung eines Namens, und schon scheinen in diesem Fall zwei Theaterstücke des gleichen Autors zu einer großen Einheit zu verschmelzen. Der Dortmunder Schauspielchef Kay Voges jedenfalls hat jetzt den Versuch unternommen, Henrik Ibsen beim Wort zu nehmen und „Gespenster“ als natürliche Fortführung der Handlung aus „Nora oder Ein Puppenheim“ zu betrachten. Man kann ihm den Erfolg dieses Unternehmens kaum absprechen. Seine an zwei aufeinander folgenden Abenden präsentierte Doppelinszenierung lässt vor allem „Gespenster“ mit neuer Logik betrachten.

Wer beides sieht, kann am Ende den Triumph der stets klein gehaltenen Ehefrau Nora Helmer und ihren Schritt in die Selbstbestimmung nur noch als vorübergehenden Sieg betrachten. In der ursprünglichen Helene Alving aus „Gespenster“ begegnet uns diese starke Frau nun 20 Jahre später erneut. Ihre Freiheit hat nur ein kurzes Jahr gedauert, dann ist sie von einem Pastor und Freund in die häusliche Gemeinschaft mit ihrem Gatten Torvald zurückgedrängt worden. Der ist nun zwar schon zehn Jahre tot, aber die Folgen seiner immer schlimmer werdenden alkoholischen und sexuellen Exzesse haben erst ihm selbst das Leben verkürzt und schlagen nun offensichtlich auch bei seinem Sohn Oswald durch.

„Nora“ ist eine Reise aus falscher Helligkeit hinein ins Dunkel einer längst überfälligen Ehekrise, um schließlich ins Licht der Erkenntnis zu führen. Wie zeitlos das alles ist, zeigt sich schon an der Mühelosigkeit, mit der es Voges gelingt, die Handlung in der Gegenwart zu verankern. Man lebt in einem Bungalow mit Swimming Pool (Bühne: Pia Maria Mackert), Torvald liebt offensichtlich Weltraumabenteuer Marke „Enterprise“, Nora lebt ihre Frustrationen in Konsumorgien aus. In Gestalt von Axel Holst und Caroline Hanke treffen hier zwei großartige Akteure aufeinander, die selbst einen derart oft gespielten Bühnenklassiker noch zum Vibrieren bringen.

Vielleicht liegt es auch daran, dass Voges im wahrsten Sinne des Wortes die nackte Abrechnung sucht: Torvald ist noch nackt vom Schwimmen, als der Disput beginnt, es gibt nichts mehr zu verdecken, die Hosen sind heruntergelassen. Je mehr der Mann dabei schließlich zur jämmerlichen Figur verkommt, desto größer wird die Selbstsicherheit Noras. Bei ihrer Darstellerin geht Ähnliches vor. Caroline Hanke, die zu Beginn noch so überzeugend die hübsche Puppe sein konnte, glaubt man nun den inneren Schmerz mit jedem Wort. Sie lässt uns teilhaben an einer Abnabelung, die quälender sich nicht vollziehen könnte.

Schon in „Nora“ benutzt Kay Voges bei geschlossener Gardine Videoaufnahmen aus den Innenräumen, die ihm die Möglichkeit geben, Gefühlsregungen auch in Großaufnahme zu zeigen. In „Gespenster“ allerdings nehmen diese Aufnahmen zu, proportional zu den wachsenden Gefühlswallungen der Protagonisten. Man spürt, dass dem Regisseur die linear erzählte „Nora“ besser liegt, als ein Stück, das sich seine Dramatik aus der Erinnerung an die Vergangenheit zusammenbauen muss. Vielleicht treibt Voges die Akteure deshalb in immer neue Ausbrüche, wird hier sich angebrüllt, bis die Rampe kracht. Michael Witte als Pfarrer Manders wirkt in der Naheinstellung wie aus einem expressionistischem Stummfilm entlaufen, Friederike Tiefenbacher als späte Nora setzt Lautstärke ein, wo Entsetzen sie verstummen lassen müsste. Und Björn Gabriel als kranker Sohn springt ins Publikum, um in wütender Rede die Pseudomoral der Pseudohumanisten anzuklagen.

So wächst zwar inhaltlich zusammen, was vielleicht schon immer zusammen gehörte. Die finstere Familiendämmerung in „Gespenster“ jedoch leidet dabei unter dem grellen Scheinwerferlicht, in das Voges sie zu zerren versucht.

Nächste Termine: 8./9., 14./15., 21./23. Oktober. Karten: 0231 / 5027 222