Neuer E-Book-Verlag im Ruhrgebiet

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Die Literatur- und KunststudentinStephanie Keunecke(25) aus Wattenscheid hat den E-Book-Verlag „Ruhrliteratur“ an den Start gebracht.

Bochum..  Ein literarischer Verlag fürs Ruhrgebiet — wer sich in der hiesigen Szene umhört, hört diese Forderung immer wieder. Die Literatur- und Kunststudentin Stephanie Keunecke (25) aus Wattenscheid hat mit fünf Mitstreitern u.a. aus Hamm und Dresden den E-Book-Verlag „Ruhrliteratur“ an den Start gebracht. Nach Erscheinen des ersten Buchs spricht sie mit Fabian May über Investitionsvolumen, Musik in E-Books und die Literaturszene im Ruhrgebiet.

Wie einfach ist es, heute einen Verlag zu gründen?

Die Gründung ist einfach, man muss aber ein Gewerbe anmelden. Wenn man zu mehreren ist, muss man eine geeignete Geschäftsform suchen. Wie einfach es wird, den Verlag zu halten, wird sich erst noch zeigen.

Wie viel habt ihr bislang investiert?

Mit Anmeldung, Werbemitteln, Internetseite und allem Drum und Dran — bislang 150 Euro.

Warum digitale Bücher?

E-Books sind die Zukunft, und E-Books zu lesen macht halt Spaß und ist praktisch, finde ich. Und die etablierten Verlage tun sich mit E-Books immer noch schwer, hat man den Eindruck.

Im Ruhrgebiet gibt es Henselowsky&Boschmann, Klartext, Brockmeyer — was wollt ihr anders machen?

Wir wollen vor allem jüngere Autoren aus dem Ruhrgebiet fördern. Es gibt so viele Leute, die schreiben, die Poetry-Slam-Szene ist hier besonders groß. Und wir wollen den Leuten eine Möglichkeit der Veröffentlichung geben, die im Vertrieb sehr günstig ist und dadurch für die Autoren auch lukrativer ist als ein gedrucktes Buch.

Wie aufwändig ist es, ein E-Book herzustellen?

Man braucht eine Software; ich nutze Calibre, eine kostenlose Open-Source-Anwendung. Der Text muss schon fertig sein, komplett lektoriert und korrigiert, und dann müssen zur Formatierung HTML-Codes eingefügt werden. Dabei gehen Stunden drauf, bis es für den Leser ansprechend aussieht. Nachdem das Cover dann mit allem Drum und Dran designt ist, wird die fertige Datei schließlich hochgeladen.

Bis jetzt habt ihr ein Buch, den Text- und Fotoband „Struktur, Tapete“. Wie verkauft er sich?

Bis jetzt wird es eigentlich ganz gut aufgenommen.

Ihr nennt euch „Ruhrliteratur“. Was ist euer Profil?

Der Text muss gut sein. Es ist relativ egal, ob er experimentell ist, Lyrik, Kurzgeschichte, Prosa, der Funke muss überspringen. Schön ist es natürlich, wenn die Autoren wirklich von hier kommen. Aber wenn der Text uns überzeugt und wir meinen, dass er zum Verlag passt, dann gerne auch von außerhalb.

Habt ihr andere Literaturlandschaften als das Ruhrgebiet kennen gelernt?

In Berlin gibt es zum Beispiel viele E-Book-Verlage, auch junge, die sind natürlich nicht nur regional verwurzelt. Aber es ist ganz interessant nachzuvollziehen, wie die ihre Autoren finden, dass die auch lokal aktiv sind. Überhaupt finde ich, dass jede Region ein großes Potenzial hat, literarisch verarbeitet zu werden.

Wie viele Schätze sind im Ruhrgebiet noch zu heben?

Es gibt viel Potenzial durch die vielen Unis hier. Außerdem gibt es viele, die sich nicht an die etablierten Verlage herantrauen, oder Slammer, die auch mal andere Texte schreiben möchten. Ich sehe da relativ viel Potenzial.

Habt ihr neben dem Produkt E-Book noch irgendwelche interessanten Nebenkriegsschauplätze?

Wir versuchen mit dem Hammer Singer/Songwriter Herr Tapete, auch Musik ins E-Book zu integrieren. Dann überlegen wir wir, eine Art literarischen Adventskalender mit Kurzgeschichten für jeden Dezembertag zu realisieren. Zwei Lesungen sind auch in Planung.

Was ist mit Comics?

Comics wären gut als E-Books umzusetzen.

Was ist mit Hardcore-Zeug à la Kafka?

Das kommt auf den Text an. Wenn es sich selbst uns als Literaturkennern nicht erschließt, kann man es wahrscheinlich nicht gut verkaufen. Da muss man einen Mittelweg finden.

Keine Hamletmaschine, keine Publikumsbeschimpfung?

Ich glaube, erst mal nicht. Wenn man dann weiß, wie experimentierfreudig das eigene Publikum ist, kann man so was sicherlich mal wagen.

Die nächsten Bücher?

Der nächste Wettbewerb ist „Weihnachten im Pott“, da ist der Einsendeschluss der 30. September, das wird eine Anthologie, die am 1. Dezember erscheinen soll. Das nächste Projekt heißt dann „Keller, Schlüssel“, Einsendeschluss ist Ende 2015. Solche Anthologien soll es jährlich geben. Generell sind sechs, sieben E-Books im Jahr geplant.

Sucht ihr noch Partner für Vertrieb oder andere Kooperationen?

Auf jeden Fall. Ich habe einige Zwischenhändler kontaktiert, bislang ist da aber noch nichts zustande gekommen. Das ist halt praktisch für einen Verlag, wenn ein Zwischenhändler sich darum kümmert, die E-Books bei Thalia, Mayersche, Amazon usw. verfügbar zu machen. Generell sind wir auch auf der Suche nach Sponsoren, Autoren oder anderen Interessenten.

Wünsche für die unmittelbare Zukunft?

Dass sich viele Menschen für Ruhrliteratur begeistern können; dass wir viele Zusendungen von Autoren und Fotografen bekommen; und dass wir es schaffen, uns hier ein bisschen festzusetzen.

INFO

Das erste E-Book des Ruhrliteratur-Verlags — die Geschichten- und Fotosammlung „Struktur, Tapete“ — gibt es für 6,99 Euro im E-Book-Format „.epub“, das auf allen Readern funktioniert außer dem Kindle von Amazon.

Bestellbar ist es unter www.ruhrliteratur.de.

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