Neue deutsche Volksliteratur

Britta Heidemann
Kerstin Gier
Kerstin Gier
Foto: WP
Erfolg auf krummen Wegen – und durchs Internet: Wie heute Bestsellerautoren ihre Leser erobern.

Essen. Ihre Bücher bevölkern die Bestseller-Listen: Frauenromane von Dora Heldt oder Kerstin Gier, Historienschmöker von Sabine Ebert und Iny Lorentz, Krimis von Rita Falk, Nele Neuhaus oder Sebastian Fitzek sind literarische Leichtgewichte – aber gefragt. Wie entsteht ihr Erfolg?

Lebensnahe Ironie von Kerstin Gier und Dora Heldt

Fans mussten lange warten auf den neuen Roman von Kerstin Gier: „Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner“. Kati lebt mit dem netten Felix zusammen, verliebt sich aber in den schönen Karrieremann Mathias – und würde sich so gern noch mal ganz neu entscheiden. Da kommt ein Unfall gerade recht, danach wacht sie fünf Jahre früher wieder auf. Abgesehen von diesem Salto ist die neue Gier geradlinige Frauenunterhaltung. Wie auch Dora Heldts Insel-Romanzen verströmt sie Schullandheim-Charme: Kichern, Küsse, Herzklopfen. Der normale Wahnsinn des Lebens in ironisch überzeichneten Figuren, die doch echt wirken. „Meine Leserinnen“, sagt Gier, „können sich mit den Figuren identifizieren.“

Autorenbiografien als Erfolgs-Geschichten

Nicht nur die Helden, auch die Schöpfer der Unterhaltungsliteratur sind „wie du und ich“. So beginnen ihre Biografien mit abgebrochenen Studien, mit Teilzeit-Jobs und erfahren Wendepunkte erst durch Kampfgeist und Glück. Vom Tellerwäscher zum Bestsellerautor, das ist auch eine Geschichte, die wir gerne hören.

Kerstin Gier war gerade mit dem Pädagogikstudium fertig, als sie ins Lübbe-Verlagshaus ihrer Heimatstadt Bergisch-Gladbach spazierte und ein Romanmanuskript abgab. Heute lacht sie darüber: „So macht man es genau nicht!“ Als die Journalistin Sabine Ebert die Geschichte ihrer Heimat Freiberg bei Dresden im Roman „Das Geheimnis der Hebamme“ einfing, verlegte der Knaur-Verlag ein Taschenbuch in nur kleiner Auflage – doch konnte Ebert ihre Buchhändlerin vor Ort überzeugen und von hier aus breitete sich die Welle des Erfolgs ins ganze Land aus. Und Nele Neuhaus’ erster Vordertaunus-Krimi erschien im Eigenverlag „Books on demand“, wo jedes Buch erst dann gedruckt wird, wenn es jemand bestellt. Die Premierenlesung organisierte Neuhaus selbst und vermarktete die Bücher im Verkaufsraum der Fleischwarenfabrik ihres Mannes. Als sie einige tausend Exemplare verkauft hatte, wurde ein Verlag auf sie aufmerksam.

Roman Hocke, der seit Jahrzehnten im Verlagsgeschäft arbeitet und als Literaturagent gerade den Eingang des 10 000. Manuskriptes verzeichnete, meint: Diese Bestseller-Autoren seien „authentisch“ auf neue Weise. „Sie stehen“, sagt er, „nicht länger über den Lesern.“

Regionale Themen, global vernetzte Leser

Viele der neuen deutschen Bestseller sind regional verankert. Die Freiberger Hebamme ebenso wie Neuhaus’ Ermittler oder die Krimis von Rita Falk. „Dampfnudelblues“ oder „Winterkartoffelknödel“, das klingt schön gemütlich, nach Heimat und festen Gefügen. Freude an den eigenen Wurzeln, neue Heimatlust, Spaß an den Skurrilitäten der Provinz – es wird eine Mischung von alledem sein.

Es ist das Internet, das auch regionale Bücher und Leser zusammenbringt. Etwa durch die Verkaufslisten, die Sebastian Fitzek groß gemacht haben: Als der Droemer-Verlag sein erstes Buch druckte, in kleiner Auflage und ohne Bohei, kletterte es unvermutet bei Amazon auf die Bestsellerlisten – immer mehr Leser klickten „In den Einkaufswagen“.

Nicht nur bei Amazon, auch auf Seiten wie „buechereule.de“ oder „monstersandcritics.de“ schreiben Laien Buchbesprechungen. Sie bewerten vor allem den Lesegenuss. Das gibt auch den Autoren ein neues Selbstbewusstsein. Als die „Frankfurter Allgemeine“ sich jüngst doch in Bestseller-Niederungen wagte und Sebastian Fitzek nach seinem Verhältnis zu Sterneköchen der Literatur fragte, sagte dieser nur: „Ich bin gern eine Currywurst.“

Profis geben Schreib-Tipps

Aller Anfang ist hart. Deshalb an dieser Stelle: Tipps für Nachwuchs-Autoren aus berufenem Munde.

„Schreiben, schreiben, schreiben! Selbstkritisch sein! Immer weiter am Text feilen, wenn es sein muss, ein Dutzend Mal. Und dann – wagt es! Auch vielleicht erst mal mit ‘Books on demand’. Es ist nämlich ein großartiges Gefühl, sein erstes eigenes Buch in Händen zu halten!“

Autorin Nele Neuhaus

„Wer schreiben will, sollte sich nicht nach dem Markt richten. Nicht darauf schauen, was es schon gibt, und etwas ähnliches schreiben. Nachwuchsautoren sollten sich fragen: Was ist die Geschichte, die nur ich erzählen kann?“

Literaturagent Roman Hocke, der auch Sabine Ebert und Sebastian Fitzek betreut

„Man ist mit dem erfolgreich, was man selbst gerne lesen würde. Was man mit Liebe macht, macht man auch gut. Ich würde Nachwuchsautoren immer empfehlen, sich einen Agenten zu suchen – und niemals für eine Veröffentlichung zu bezahlen.“

Autorin Kerstin Gier