Warum BAP-Chef Niedecken "Verdamp lang her" so gerne singt

Frank Grieger
40 Jahre BAP: Ab Mai ist Wolfgang Niedecken mit seiner Band auf Jubiläumstour.
40 Jahre BAP: Ab Mai ist Wolfgang Niedecken mit seiner Band auf Jubiläumstour.
Foto: Marius Becker
Im Interview spricht BAP-Sänger Wolfgang Niedecken über das neue Album "Lebenslänglich", sein Leben nach dem Schlaganfall und Terrorismus in Europa.

Köln/Essen. BAP-Sänger Wolfgang Niedecken hat sich von seinem Schlaganfall gut erholt. Wenn der 64-Jährige nicht gerade in den Spiegel schaut, fühlt er sich wie Mitte 30, wie er Reporter Frank Grieger im Interview verrät.

Was vor 40 Jahren mit einem Kasten Bier auf einem Fabrikgelände neben der A 555 begann, gehört mittlerweile zu den BAP-Anekdoten wie der Kölsche Dialekt zu ihren Songtexten. Doch bei all dem Temperament der Rheinischen Frohnatur schlägt Niedecken auch politisch-ernste Töne an - zum Beispiel wenn es um den IS und die Attentate in Paris geht.

Wie geht’s Ihnen, Herr Niedecken?

Wolfgang Niedecken: Mir geht’s super.


Die Frage ist in diesem Fall kein Smalltalk, sondern hat seit einiger Zeit eine etwas andere Bedeutung…

Niedecken: Na ja, der Schlaganfall liegt ja nun auch schon wieder gut vier Jahre zurück. Ich habe das unter „Erfahrungen“ verbucht.


Eine ziemlich einschneidende Erfahrung.

Niedecken: Klar. Es hat sich schon einiges geändert danach. Ich bin beispielsweise entschlossener geworden. Aus der Erkenntnis heraus, dass man keine Zeit verplempern sollte.

Sie sind nun 64 Jahre alt…

Niedecken: (singt:) When I‘m Sixty-Four, … genau.

Für einen Rocksänger ist das ein – nun ja – fortgeschrittenes Alter. Sie haben vor ein paar Jahren mal gesagt, Sie fühlten sich wie „irgendwas mit 30“. Noch aktuell?

Niedecken: Wenn Ich nicht gerade vor dem Spiegel stehe… absolut! (lacht)

Würden Sie noch einmal ein so persönliches Album veröffentlichen wie „Zosamme alt“, das Sie 2013 nicht allzulange nach Ihrer Genesung Ihrer Frau Tina gewidmet haben?

Niedecken:
Ich bin froh, dass ich das gemacht habe. Es hat vor allen Dingen auch neue Türen geöffnet. Durch dieses Album haben wir dann ja auch endlich mal unsere so genannte „BAP zieht den Stecker“-Tour gespielt, und diese Tour wiederum hat dazu geführt, dass wir das aktuelle Album mal anders angegangen sind. Ich hab’s immer gerne, wenn sich alles organisch entwickelt, wenn eines aus dem anderen resultiert. Das hat wunderbar funktioniert. Während der Tour habe ich schon gemerkt, dass es sinnvoll wäre, dieses Album von Ulle und Anne (Gitarrist Ulrich Rode und dessen Frau Anne de Wolf, die Red.) produzieren zu lassen. Die haben ihr eigenes kleines Studio in Hamburg. Und außerdem ist es einfach klasse, zwei Multi-Instrumentalisten in der Band zu haben, da eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten. Vorher hätten wir dafür Studiomusiker verpflichten müssen. Vom Ulle stammen auch die meisten Musiken auf dem Album. Das ist schon klasse, einfach sehr unverbraucht.

Ganz am Anfang Ihrer Karriere stand – Zitat von der BAP-Homepage – „ein Kasten Bier, der mal eben leergeprobt werden sollte“…

Niedecken: Das ist uns übrigens gelungen, damals.


Wie viele Kisten sind es denn am Ende geworden, in 40 Jahren?

Niedecken: Na ja, BAP hat sich ja aus einer Amateurband entwickelt, die überhaupt keinen Karriereplan hatte. Wir wollten bloß ein bisschen Spaß haben. Das waren alles Leute, die in den 60er-Jahren mal in irgendwelchen Beatbands gespielt haben, und dann kamen Beruf, Studium oder Familie dazwischen. Die waren dann halt frustriert, weil die Instrumente zuhause nur noch rumstanden. Wir haben uns dann gesagt: Mensch, lass uns gucken, dass wir mal irgendwo ‘nen Proberaum kriegen. Wer Lust hat, kann kommen. Und da haben wir dann Stones-Songs geprügelt, Dylan gecovert… alles Mögliche.

Und dann bei jeder Probe eine Kiste Bier.

Niedecken: Ja, klar, das war ja kein Problem, denn wir brachten ja auch unsere Freunde mit. Wenn du zwei Flaschen abkriegtest, hattest du schon Schwein. Das alles fand auf dem Fabrikgelände des Kalksandsteinwerks Hersel, neben der Autobahn Köln-Bonn, statt.

Ich kenne mich da ehrlich gesagt nicht so gut aus.

Niedecken: Das war, nebenbei, die erste Autobahn der Welt. Die heutige A 555, die Mutter jeglicher Autobahn-Romantik.


Wieder was dazugelernt…

Niedecken: Ja, und rechts daneben befand sich das Kalksandsteinwerk, und da gab’s diesen Hausmeister namens Lächlers Häns. Der hatte immer großen Spaß, wenn wir geprobt haben, weil er dann auf diesem Kasten Bier saß. Der hat uns auch freundlicherweise geholfen, den Kasten leerzukriegen. (lacht)

So erfolgreich wie die Beatles und Robbie Williams 


Mal ganz was anderes zwischendurch: Wissen Sie, was Sie als BAP mit den Beatles und Robbie Williams gemeinsam haben?

Niedecken: (denkt nach) Beatles und Robbie Williams… ? Nee.

Die Zahl der Nummer-eins-Alben in den deutschen Charts. Jeweils elf.


Niedecken: Oh! Das ist ja echt beeindruckend! Hätte ich nicht gewusst. Ich weiß nur, dass wir sehr oft auf Nummer eins waren.


Das Erstaunliche ist ja, dass das nicht nur in den Achtzigern passierte. 2008 stand „Radio Pandora“ ganz oben, 2014 dann Ihr Livealbum. Am 15. Januar 2016 erscheint mit „Lebenslänglich“ das achtzehnte Studioalbum von BAP. Sind Sie enttäuscht, wenn es nur Platz zwei oder drei schafft?

Niedecken: Nee, bestimmt nicht. Das wäre schon okay, wenn es Nummer eins würde, aber nicht spielentscheidend. Das Album „Pik Sibbe“ zum Beispiel ist 1993 nicht an einem One-Hit-Wonder vorbeigekommen, an einer Frauenband namens Four Non Blondes. Die haben Platz eins über Wochen blockiert. Letztens habe ich die bei so einer Oldie-Show im Fernsehen gesehen. Und dann fiel mir ein: Hey, wir sind immer noch am Start. Und die nicht! (lacht)


Nach zwei reinen Akustik-Ausflügen ist das neue Werk „Lebenslänglich“ ja wieder rockiger, in seinen besten Momenten höre ich da einen Kölschen Bob Dylan oder Neil Young….


Niedecken: … das höre ich doch gerne!

Ich habe als Ruhrgebietler aber ehrlich gesagt immer Probleme, die Texte zu verstehen.


MusikpreisNiedecken: Ja, ich mache jetzt mal ein Geständnis: Ich habe diesmal komplett vergessen, im Booklet irgendwelche Vokabeln anzugeben. Hab dann gedacht: Okay, mittlerweile ist es das 18. Studioalbum, all die Live-Auftritte und die ganzen Alben, da müsste Deutschland doch mittlerweile die Weltsprache gelernt haben, oder? (lacht) Nein, ich hab’s nur vergessen.


Jetzt mal im Ernst: Eine Band wie BAP - die sich stark über Texte definiert - hat über Jahrzehnte diesen Riesenerfolg. Obwohl Sie außerhalb von Köln eigentlich kein Mensch versteht.


Niedecken: Das ist schon irre. Das ist ein Umstand, über den auch ich mich immer wieder nur wundern kann. Wir haben einfach Glück gehabt. Haben anscheinend zum richtigen Zeitpunkt das Richtige getan, ohne groß darüber nachzudenken.


Das alleine kann es aber nicht sein, oder?


Niedecken: 40 Jahre, klar, da muss man natürlich auch schon auf Qualität achten. Aber der Start war natürlich entscheidend. Das war die Zeit der Bürgerbewegungen, die alle für ihre Demos und Feste ‘ne Rockband brauchten, und gleichzeitig die Zeit der Neuen Deutschen Welle, zu der wir nie gezählt haben. Aber die Menschen haben hingehört, wenn man - (zögert kurz) - so was wie Deutsch gesungen hat.

Von dem Moment, an dem Niedecken erwachsen wurde 


Ich zitiere aus dem Opener des Albums, „Alles relativ“: „Die nähxte vier Johrzehnte woor’e ständig ungerwähß. Die Strooß ess dä Ort, wo dä Gaukler sing Erfahrung mäht, die joode, wie die schläächte, alle maßlos intensiv.“


Niedecken: … klingt irgendwie holländisch, wenn Sie das sagen… (lacht laut) Aber die Grenzen von Köln nach Holland sind ja fließend!

Sorry, soll nicht wieder vorkommen. Ist das die Niedecken‘sche Autobiographie, auf zwei Sätze komprimiert?


Niedecken: Auf zwei Sätze ist gut! Wie viele Strophen hat dieses Stück? Moment, wo ist denn gleich das Booklet? Ich glaube, es sind acht Strophen. Diese Musik hat die Anne geschrieben, da war zwar kein Refrain vorgesehen, aber die letzten Worte jeder Strophe hatten den gleichen Endreim. Das gab‘s auch schon bei „Kristallnaach“, und es gibt ganz viele Dylan-Stücke, bei denen das so gemacht wird… Somit hatte ich dann mehr Platz zum Texten. Zufälligerweise hatte ich gerade in einem Fotoalbum meiner Eltern dieses Bild wiederentdeckt, wo ich als kleiner Junge hinter einem Schulbuch sitze. Dieses Foto, das ja auch im Booklet verarbeitet wurde, stand vor mir. Da wurde schließlich das Schild „Name: Niedecken, Vorname: Wolfgang, Beruf: Sänger“ reinmontiert. Das sieht tatsächlich so aus, als wenn ich das schon bei meiner Einschulung gehabt hätte.


Wäre beinahe vorstellbar…


Niedecken: Die ersten Zeilen lauten: „Der blonde Junge, der ich einst war, behütet und verwöhnt“, eben weil zufälligerweise dieses Foto vor mir stand. Ich hab einfach weitergeschrieben. Und irgendwann ergab sich meine Biographie daraus. Von dem Moment an, in dem man begreift, dass alles relativ ist – von dem Moment an wird man erwachsen. Das ist wie ein Lackmus-Test. Wenn einer 12, 13 oder 14 ist, und du kommst dem mit „Alles ist relativ“, dann winkt der nur ab. Der lebt erstmal nur. Aber irgendwann wird dir dann bewusst, dass du a) sterblich bist und dass b) alles relativ ist.


Ihrem Vater ist ja indirekt der Name BAP zu verdanken. Er starb 1980…


Niedecken: Am 18. September 1980, auf den Tag genau zehn Jahre nach Jimi Hendrix.

Er wollte ursprünglich, dass Sie seinen Lebensmittelladen übernehmen.


Niedecken: Ja. Das hat er sich dann aber sehr schnell abgeschminkt.

Er hat Ihren Erfolg ja gar nicht mehr mitbekommen. Ist es richtig, dass Ihr größter Hit „Verdamp lang her“ als eine Art Entschuldigung an ihn gedacht war?


Niedecken: Ja! Auf dem aktuellen Album ist ja dieses Stück „Et ess lang her“, da erzähle ich die Geschichte der Entstehung von „Verdamp lang her“. Als ich klein war, war ich ein absolutes Papa-Kind. Aber irgendwann, wenn man in die Pubertät kommt, geht das mit diesen Ödipus-Kämpfen los. Dann streiten sich zwei Männer um die Gunst der Mutter. Ich war damals total selbstgerecht. Mein Vater war eigentlich wehrlos, das hat mir später total leidgetan. Was sollte der arme Mann schon argumentieren? Mir wäre das natürlich nie passiert, dass ich mich mit den Nazis arrangiert hätte… Ich wäre eigentlich von Anfang an ein Held gewesen und wäre hundertprozentig in den Widerstand gegangen. (lacht bitter) Aber was machst du denn als Familienvater, der seine Leute mit einem kleinen Lebensmittelgeschäft ernährt? Trittst du in die Partei ein oder nicht? Stellst du dich dagegen? Ich hatte gut reden, denn ich wuchs ja im Wirtschaftswunderland auf.

Und plötzlich steht der kleine Mann wieder vor ihm
 

Können Sie den Song eigentlich noch hören?


Niedecken: Ja. Ich spiele ihn auch immer noch gerne. Das ist für mich wie eine Andacht. Immer wenn ich den spiele… steht irgendwann der kleine Mann vor mir.

Es soll ja Musiker geben, die wahnsinnig werden, weil sie Ihre größten Hits eigentlich gar nicht mögen und dann immer wieder durchmüssen…


Niedecken: Es ist natürlich auch eine Qualitätsfrage. „Verdamp lang her“ ist halt ein richtig guter Song, finde ich jedenfalls.

BAP hatte im Lauf der Zeit 30 bis 40 Mitglieder, davon genau eines von 1976 bis 2016: Wolfgang Niedecken. Ist das der Grund, warum Sie seit einiger Zeit wieder – wie ganz am Anfang - als „Niedeckens BAP“ antreten?


Niedecken: Der Grund ist, dass wir mittlerweile alle auch mit anderen Projekten unterwegs sind und in verschiedenen Städten leben. Es ist ganz schön schwer, für BAP dann alle Studiotermine, TV-Auftritte, Tourdaten und so weiter koordiniert zu kriegen, weil alle weiträumig vorgebucht werden. Da kann es beispielsweise passieren, dass eine Sting-Welttournee ansteht, wo der Rhani gebucht ist. Da müssen wir gucken, dass wir entweder ohne ihn spielen oder einen Ersatzmann verpflichten. Deswegen ist es besser, wenn das Ding „Niedeckens BAP“ heißt: Ich will keine Garantie mehr dafür geben, wer schließlich mitspielt.


Niedecken und Freunde, sozusagen?


Niedecken: Nun, die Band fühlt sich schon wie eine Band an. Was ich auf keinen Fall will, ist so ‘ne Mucker-Truppe, die alle wie Contract Killer arbeiten - die die Noten ablesen und spielen, egal was da drauf steht.

Man kennt Wolfgang Niedecken immer schon als politischen Menschen, dafür haben Sie Anfang 2013 das Bundesverdienstkreuz erhalten. Was liegt momentan im Fokus Ihres Engagements?


Niedecken: Ich konzentriere mich auf die Organisation „Project Rebound“ mit den ehemaligen Kindersoldaten, das geht weiter. Wir haben gerade im Ostkongo ein weiteres Projekt angeschoben, in der Stadt Butembo, wo immer noch Bürgerkrieg herrscht, auch wenn man darüber nichts mehr in der Zeitung liest. Das ist mein Hauptaugenmerk. Und was uns natürlich alle umtreibt, ist die ganze Flüchtlingsproblematik und die damit zusammenhängende Terrorismusfrage. Das haben wir alle viel zu lange weggezappt. Das geht heute nicht mehr.


Macht Ihnen der islamistische Terror Angst? Tourdaten


Niedecken: Ja klar, das lässt einen nicht unberührt. Nach den Attentaten von Paris war ich komplett gelähmt. Ich habe nach dem Fußballspiel die Nacht vorm Fernseher verbracht und konnte am anderen Tag nichts tun, obwohl ich unglaublich viel Arbeit hatte. Und das kann ja immer wieder passieren. Ich halte die Luft an, wie das weitergeht. Das Einzige, das wir tun können, ist, dass wir uns möglichst schnell darüber informieren, was da eigentlich im Nahen Osten vorgeht. Und dass wir unserer Regierung auf die Finger gucken. Werden die weiter mit Saudi-Arabien in wirtschaftlichen Beziehungen stehen oder mit Katar? Ich meine: Das geht nicht, weil die den IS-Staat finanziert haben. Und der IS verkauft dann wiederum Öl. An wen denn, bitte? Unter anderem an die Türkei. Man kann nicht weiter nach der Devise handeln: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Der Terrorismus steht mittlerweile bei uns in Mittel-Europa vor der Tür, und wir müssen damit umgehen lernen. Und das am Besten in einer Form, die nicht überhastet ist. Luftangriffe machen nur dann Sinn, wenn die Ziele klar definiert sind und man mit Bodentruppen aus der Region zusammenarbeitet. Ich finde, die Kurden muss man unterstützen. Aber da gibt es dann wieder das Problem mit Erdogan. Der will nämlich alles andere als wiedererstarkte Kurden. Die Gemengelage dort ist unglaublich kompliziert. Das ist wie ein moderner Dreißigjähriger Krieg.