Sonny Rollins, Jazz-Legende

Dortmund. Sonny Rollins, 78, ist eine lebende Jazz-Legende. Er gehört zu den wichtigsten Vertretern des Hard Bop, der in den 50ern den Jazz mit Rhythm & Blues erdete. Der Saxophonist aus New York spielte mit Größen wie Miles Davis und John Coltrane.

Und noch immer spielt er bedeutende Alben ein. Demnächst spielt Rollins live – in Düsseldorf. Jürgen Overkott sprach mit ihm.

Wie soll ich Sie nennen: Newk, Theodore oder Mr. Rollins?

Sonny Rollins: (lacht schallend) Newk ist in Ordnung.

Was haben Sie gerade gemacht, als Sie von Obamas Wahl erfahren haben?

SR: Oh, ich habe es im Fernsehen gesehen, wie so viele Leute hier in den USA. Ich war überwältigt davon, dass es in der amerikanischen Politik tatsächlich einen Wechsel gegeben hat. Ich hoffe, dass die Dinge sich so gut entwickeln, wie die Leute es erwarten. Ja, ich freue mich. Ich hoffe, dass sich die Dinge in der ganzen Welt zum Besseren wenden.

Wie fühlt es sich an, den ersten farbigen Präsidenten der USA zu erleben?

SR: Also, für mich ist es in vielerlei Hinsicht wichtig. Es hat etwas mit Respekt zu tun – und ich hoffe, die Wahl Obamas bringt auch den einfachen farbigen Bürgern mehr Respekt ein. Ja, es ist wirklich eine gute Entwicklung. Obama war zwar nicht mein Kandidat. Aber es ist gut, dass ein Vertreter einer Minderheit zum Präsidenten gewählt wurde. Es ist ein wichtiges Symbol, für die ganze Welt. Aber wir müssen abwarten und sehen, was passiert.

Was sollte Obama zuerst tun?

SR: Oh, es gibt eine Menge zu tun. Aber ich finde, es ist am wichtigsten, dafür zu sorgen, dass niemand mehr sein Haus verliert und seine Beschäftigung.

Wir erleben derzeit überall eine Krise. Spüren Sie das auch als Musiker?

SR: In den USA?

Ja.

SR: Ach, wissen Sie, mein ganzes Leben war eine einzige Krise (lacht).

Sie sind 78. Warum tun Sie sich jetzt noch eine Tournee an?

SR: Oh, ich gehe noch mal auf Tournee, weil ich Lust habe, meinen Fans zu begegnen. Ich will sie in Deutschland treffen, in Brasilien, in Japan, in Australien. Ich versuche, Musik zu erfinden an den Orten, wo ich gerade bin. Wissen Sie, es ist wichtig, dass es Obama gibt. Aber es ist genauso wichtig, dass ich einfach weiter Jazz spielen kann. Ich glaube, das ist für die Leute in der ganzen Welt auch sehr wichtig. Das ist der Grund, warum ich spiele.

Enthält Ihre Art, Jazz zu spielen, irgendeine politische Botschaft?

SR: Damals, am Anfang meiner Karriere, war ich ein Freund radikaler politischer Botschaften. Aber heute ist es so: Allein die Tatsache, wo ich sein will und wo nicht, ist eine politische Aussage, weil ich ein schwarzer Jazz-Musiker bin. Okay, früher habe ich politische Alben gemacht. Das ist auch mein gutes Recht. Meine Absicht ist es, die Welt ein wenig besser zu machen. Aber jetzt bin ich ein alter Mann, und da steht für mich nicht mehr im Vordergrund, mit anderen Leuten über Politik zu reden. Ich möchte anderen Leuten nicht unbedingt sagen, was sie zu tun haben.

Wie fühlt es sich an, eine lebende Legende zu sein?

SR (lacht schallend)

Sagen Sie die Wahrheit, bitte!

SR: (lacht) Junge, Junge. Ich habe mich nie als Legende gefühlt. Ich spiele doch lediglich Tag für Tag für mein Horn und versuche, Musik zu komponieren. Nein, es hat mich nie interessiert, eine Legende zu sein.

Welche Musiker waren Ihr Vorbild?

SR: Lester Young, Coleman Hawkins, John Coltrane – es gibt so viele Kollegen, die mich beeinflusst haben, die mir geholfen haben, mein Talent auszubilden und meinen Stil zu prägen. Am schönsten war es immer, wenn ich mit ihnen zusammengespielt habe.

Was ist Ihr ganz besonderes Talent?

SR: Hm, keine Ahnung. Meine Musik unterscheidet sich in mancher Hinsicht von dem, was andere Musiker machen. Aber ich kann mein Talent nicht beschreiben. Vielleicht können es andere Leute besser als ich. Manche Leute sagen mir, Sonny, ich mag keinen Jazz, aber ich mag Dich. Das klingt wirklich gut. Wissen Sie, Jazz bedeutet: frei zu sein. Jazz hat etwas mit Freiheit zu tun, frei zu sein wie die Sonne, der Mond, eine grenzenlose Freiheit. Und genau dafür steht meine Musik. Und die Leute sollen das spüren. Die Musik soll sie glücklich machen.

Welche Musiker der jungen Generation spielen denn eine Rolle für Sie?

SR: Hm, James Carter. (Pause) Kenny Garrett. (Pause) Ich mag Joshua Redman. Der ist wirklich gut. Aber ich habe nicht mehr so viel Kontakt zu der Szene in New York City wie früher, weil ich inzwischen in einer kleinen Stadt im Bundesstaat New York lebe. Es gibt sicher noch viele andere talentierte Musiker, aber mit denen, die ich aufgezählt habe, habe ich auch schon gespielt.

Sie haben voriges Jahr den Polar-Musik-Preis in Schweden erhalten. Ist Jazz auf dem Weg, Klassik zu ersetzen?

SR: Also, ich glaube, dass Jazz inzwischen genauso bedeutend ist wie Klassik. Ich habe letztens eine Radiosendung gehört. Da haben sie Beethoven gespielt, Charlie Parker und Charles Aznavour. Grundverschiedene Musik, aber eines ist den Stücken gemeinsam: Es handelt sich dabei um Qualitätsmusik. Also, ich finde, Jazz muss nicht getrennt werden von anderen Musikstilen. Ich höre selbst gern Beethoven. Andere Leute lieben Bach. Also, was soll’s? Ich liebe schlicht und ergreifend gute Musik.

Jazz bringt Ruhm, Pop bringt Geld. Was würden Sie in Ihrem nächsten Leben machen?

SR: Ich habe mich ja schon jetzt gemüht, ein ordentliches Leben zu leben, nett zu meinen Mitmenschen zu sein, niemanden übers Ohr zu hauen, niemanden zu verletzen. Ich hoffe, dass ich in meinem nächsten Leben ein bisschen klüger bin als jetzt. Vielleicht gelingt es ja.

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NRW-Termin:

  • Düsseldorf, Tonhalle, 4. Dezember, 20 Uhr
 
 

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