Singt Grönemeyer wirklich „tief im Westen“?

Foto: WP

Bochum. Hat Herbert Grönemeyer eigentlich Recht mit den Aussagen in seinem 25 Jahre alten Hit „Bochum“, verewigt auf dem Album „4630 Bochum“ aus dem Jahr 1984? Walter Schmidt prüft den Song auf Herz und Nieren, oder eher auf Schlägel und Eisen.

Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt...

Mal abgesehen davon, dass Düsseldorf noch westlicher liegt. Pro Jahr scheint die Sonne nach städtischen Angaben im Mittel rund 1400 Stunden auf Bochum. Industriestäube und Auspuffgase muss sie dabei noch immer durchdringen. „Im Vergleich zu vielen anderen Ruhrgebietsstädten stehen wir aber gut da“, sagt Gerhard Zielinsky, der Leiter des städtischen Umwelt- und Grünflächenamts. Und seit Januar hat Bochum eine erste feinstaubbedingte Umweltzone.

Ist es besser, viel besser, als man glaubt!

Das gilt für viele Städte mit bescheidenem Ruf. Dennoch schrumpft Bochum nicht nur wegen eines deutlichen Überhangs an Sterbefällen. Hatte die Stadt im Herbst 2008 noch rund 370.000 Einwohner, so rechnet die Stadtverwaltung 2015 nur noch mit 366.000. Noch immer ziehen mehr Menschen weg, als neue zuwandern: im Jahr 2007 fast 1700, 2006 über 1800, im Jahr davor nahezu 2500. Und während 2007 knapp 2800 Babys geboren wurden, starben 4200 Bochumer.

Du bist keine Schönheit,...

Sicher sei Bochum „keine Schönheit im klassischen Sinne“, mit einer hübschen Altstadt wie der in Heidelberg, räumt Stadtsprecher Thomas Sprenger ein. Viel Ansehnliches hätten die „enormen Bombenangriffe im Krieg“ zerstört. Doch Bochum habe noch immer viele architektonisch schönen Bauten zu bieten – etwa das Wasserschloss „Haus Kemnade“ am Kemnader Stausee, das Bochumer Schauspielhaus und das Deutsche Bergbaumuseum. Das alles sei „sehr schöne Architektur“.

Vor Arbeit ganz grau!

Auch Arbeitslosigkeit kann grau machen. Ende 2008 waren rund 17.000 oder 9,3 Prozent aller Bochumer Erwerbspersonen arbeitslos gemeldet. Dennoch schöpft Heinz-Martin Dirks vom Amt für Wirtschaftsförderung Hoffnung: Die Arbeitslosenzahlen seien in den letzten beiden Jahren „kontinuierlich nach unten gegangen“. Und damit „rechnen wir auch in der näheren Zukunft“. Nur bei Opel mit seinen 5300 Bochumer Beschäftigten darf dann nichts passieren.

Liebst dich ohne Schminke;

Für die Häuser stimmt das nicht. Denn „immer mehr“ Gebäude würden renoviert, „damit sie nicht mehr so verkommen aussehen“, sagt Wolfgang Zimmermann, der Obermeister der Bochumer Maler- und Lackiererinnung. In den Stadtteilen Stahlhausen, Hamme und Goldhamme zahle der Bund hierfür sogar Zuschüsse. Die Auftragslage seiner Zunft sei jedenfalls „positiv“. Besonders mögen die Bochumer beim Außenanstrich gelbliche Farbtöne.

Bist 'ne ehrliche Haut...

Nun ja. „Die Bochumer sind keine ganz ehrlichen Häute“, räumt Ingrid Laun-Keller ein, die Sprecherin des Bochumer Polizeipräsidiums. Zwar habe sich die Zahl der dokumentierten Straftaten nach der Statistik von 2007 im Vergleich zu 2006 um fast 11 Prozent verringert – so etwa Taschendiebstähle um fast 29 und Wohnungseinbrüche um 12,5 Prozent. Doch die festgestellten Betrugsfälle legten um 50 Prozent auf über 5400 zu.

Leider total verbaut...

Klar gegliedert ist Bochum nicht gerade. Das habe mit den mal hier, mal dorthin platzierten Industriegebieten zu tun, aber auch mit den im Krieg zerstörten und dann neu genutzten Flächen, meint der Bochumer Stadtbaurat Ernst Kratzsch. Das Durcheinander von Quartieren aus „lieblichen Wohngebieten“, Mietskasernen und Gewerbegebieten werde zudem von Autobahnen und teils längst aufgegebenen Bahnstrecken „durchbrochen und durchschnitten“.

Du hast'n Pulsschlag aus Stahl.

Damit könnte Grönemeyer die Schläge der Ambosse in den Schmieden eines nahen Stahlwerks gemeint haben, vermutet Stadtsprecher Thomas Sprenger. Die Stahlindustrie vor Ort hat jedenfalls seit 1984 an Bedeutung verloren. „Zur Zeit haben wir in Bochum noch rund 5.500 Stahlarbeiter in sieben Betrieben“, sagt Wirtschaftsförderer Heinz-Martin Dirks. Seinerzeit seien es „rund 10.000“ Beschäftigte gewesen.

Man hört den Laut in der Nacht.

Das Dröhnen der von Grönemeyer besungenen Stahlhämmer ist für den Bochumer Lärm nicht mehr prägend. Das Lärmproblem sei aber nach dem Schrumpfen der Stahlindustrie „nicht behoben, es hat sich verlagert“, sagt Heike Degel vom Bochumer Umweltamt. Denn zwei Autobahnen verlaufen durch das Stadtgebiet: die A 40 und die A 43.

Bist einfach zu bescheiden!

„Das wird den Bochumern immer nachgesagt“, bestätigt Thomas Sprenger die Liedzeile: „dass wir hier um die eigenen Stärken zwar wissen, aber kein großes Aufhebens darum machen nach dem Motto: Guckt mal, wer wir sind!“ Sicher habe Grönemeyer anderswo Städter mit einer anderen Selbsteinschätzung erlebt.

Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt, du Blume im Revier!

Für den Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg war die Steinkohle mitentscheidend – nicht nur in Bochum. Inzwischen hat das Grubengold von seinem Glanz verloren, alle Bochumer Bergwerke liegen still: das zuerst geschlossene, die Zeche „Prinz Regent“, seit 1960.

Eine der Blumen im überraschend grünen Revier ist das gut 145 Quadratkilometer große Bochum vielleicht tatsächlich: Geschätzte 37.000 Bäume wachsen in der Stadt. Deren Grünanteil – die Forsten eingerechnet – liegt „bei über 30 Prozent“, sagt Thomas Sprenger. Darunter fallen auch 440 Hektar Parks und Grünanlagen. Einer der größten der 33 Parks ist der über 31 Hektar große, als englischer Garten entworfene Stadtpark. Im Jahr 1878 eröffnet, ist er für Sprenger „einer der schönsten und baumartenreichsten Parks in NRW“.

Du bist keine Weltstadt!

Kein Wunder, denn die einzige in Deutschland ist Berlin.

Auf deiner Königsallee finden keine Modenschauen statt.

Im Vergleich zur rund 700 Meter langen Düsseldorfer „Kö“ ist die Bochumer Königsallee ein Gigant. Kilometerweit zieht sich die teils vierspurige L 551 vom Hauptbahnhof nach Süden bis Bochum-Stiepel. An der Straße liegt das Schauspielhaus, „eine der Kulturhochburgen Deutschlands“, urteilt Stadtsprecher Thomas Sprenger. „Da brauchen wir gar keine Modenschauen stattfinden lassen.“

Hier wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld!

Den Handy-Hersteller Nokia hat das noch größere Geld nach Rumänien gelockt. Für Raimund Ostendorp hingegen hat das Herzliche an den Bochumern den Ausschlag dafür gegeben, in Bochum-Wattenscheid den „Profi-Grill“ zu betreiben. „Hier besinnt man sich noch auf die Grundwerte, nicht auf den oberflächlichen Schein“, sagt der frühere Gourmet-Koch des Düsseldorfer Restaurants „Im Schiffchen“. Mit seinem Imbiss, einem „modernen Tante-Emma-Laden“, versuche er eine „Symbiose aus Qualität und Herz“. Und das kommt an: „Bei mir stehen die Manager und die Bauarbeiter an der Theke.“

Wer wohnt schon in Düsseldorf?

Immerhin 585.000 Menschen, rund 215.000 mehr als in Bochum.

Du bist das Himmelbett für Tauben!

Einen Taubenschlag mit geflügelten „Rennpferden des Kleinen Mannes“ hatten früher etliche Berg- und Stahlarbeiter – und nicht nur sie. Heute gibt es im Regionalverband Bochum des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter noch „circa 1500 aktive Mitglieder“, sagt Klaus Kühntopp, Redakteur der Verbandszeitschrift „Die Brieftaube“. In den 70-er Jahren seien es indes etwa zehn Mal so viele gewesen – und der Rückgang sei weiterhin „gravierend“.

Verwilderte Stadttauben hingegen hat auch Bochum zuhauf. Doch anders als Städte wie Aachen versucht sie die Stadtverwaltung hier nicht einzudämmen, indem sie in speziellen Taubenschlägen Geburtenkontrolle mit untergeschoben künstlichen Eiern praktiziert. Dem „Jahrzehnte alten Taubenproblem“ wolle man vielmehr durch ein „konsequentes Fütterungsverbot mit entsprechenden Ordnungsstrafen“ beikommen, sagt Sprenger.

Und ständig auf Koks!

Gekokst wird in Bochum durchaus auch jenseits der Kokereien, die Grönemeyer meinte: Konnte die Polizei 2006 noch 40 Kokain-Konsumenten ermitteln, waren es 2007 sogar fünf mehr. Doch die Zahl der Drogendelikte – ähnlich wie die der Ladensdiebstähle – hängt bekanntlich von der Zahl und der Emsigkeit der Ermittler ab. „Kontrolldelikte“ nennt die Bochumer Polizeisprecherin Ingrid Laun-Keller solche Vergehen. Immerhin die Zahl der Drogentoten in ihrer Stadt hat sich halbiert: 2006 starben zehn, 2007 hingegen fünf Menschen an illegalen Drogen. Während der festgestellte Hasch-Konsum um fast hundert Fälle auf 930 zurückging, stieg die Zahl des Amphetamin- und Ecstasy-Missbrauchs von 273 auf 324 Fälle.

Hast im Schrebergarten deine Laube.

Vor rund hundert Jahren, am 9. Dezember 1908, versammelten sich die Gründer des „1. Bochumer Schrebergartenvereins Bochum-Ehrenfeld“ im Lokal des Schlosses Haus Rechen – in etwa dort, wo heute das Schauspielhaus steht. Heute nennt der Klub sich „Kleingärtner-Verein Bochum-Ehrenfeld 08“. Noch immer gibt es in Bochum 79 Kleingartenvereine mit rund 9000 Mitgliedern und Familienangehörigen. Etwa 5550 Parzellen teilen sich eine rund 250 Hektar große Kleingartenfläche.

Machst mit dem Doppelpass jeden Gegner nass, du und dein VFL!

Ob das wohl stimmt? Zum Saison-Start liegt der VfL Bochum auf Platz 6 in der Bundesligatabelle - nach dem 1. Spieltag. Doch schon am Sonntag kann sich das ändern: Dann tritt der VfL gegen Schalke 04 an. Immerhin: „Doppelpässe kommen schon noch vor“, sagt der Fan-Beauftragte des VfL Bochum, Dirk Michalowski. Tabellenpunkte gibt es dafür jedoch nicht.

Bochum ich komm' aus dir! Bochum ich häng' an dir!

Das Zweite sollte man Grönemeyer glauben. Das Erste stimmt nicht hundertprozentig. Seine ersten vier Lebensmonate nämlich hat er in seiner Geburtsstadt Göttingen verbracht.

Ahh Glück auf. Bochum.

Mehr zum Thema:

 
 

EURE FAVORITEN