Phil Collins geht vorwärts in die Vergangenheit

Andreas Böhme
Phil Collins. Foto: Getty
Phil Collins. Foto: Getty
Foto: Getty Images

Essen. Phil Collins veröffentlicht mit „Going Back“ ein neues Album mit Motown-Klassikern. Dabei wollte er nie wieder ein neues Album aufnehmen. Auch, weil er es körperlich kaum noch kann.

Es ist ein Jugendfoto. Trotzdem ist der Junge, der darauf in dem etwas zu großen Hemd und mit den etwas zu langen Haaren hinter einem Schlagzeug sitzt, gut zu erkennen. Es ist Phil Collins im Alter von zwölf, vielleicht 13 Jahren. Es ist ein altes Foto. Aber es ist eine neue CD. „Going Back” heißt sie. Obwohl Collins nie wieder ein neues Album aufnehmen wollte. Auch weil er es körperlich kaum noch kann.

Knapp 50 Jahre nach dem alten Foto ist die Haarpracht längst geschwunden. Und das große Hemd durch einen Maßanzug ersetzt. Nur der ernste Blick, den schon der junge Phil hat, den hat auch Herr Collins. Oder besser gesagt: Er hat ihn wieder. Vielleicht, weil er ja nicht viel Grund gehabt zur Freude in den vergangenen Jahren. Dritte Scheidung, die Mutter schwer erkrankt, es hätte besser laufen können. Und dann diese Verletzung am Halswirbel, die ihn ereilt hat. Plötzlich klang sein Spiel nicht mehr so, wie es klingen sollte. Erst dachte Collins an Materialermüdung. Bei den Trommeln, den Becken, den Stöcken. Doch es war der Mensch, der ermüdet war.

Trommelstöcke mit Klebeband an die Hände gepappt

Er hat sich operieren lassen deswegen. Trotzdem wollen die Hände nicht mehr so, wie er will. Es fehlt ihnen an Gefühl, manchmal angeblich auch an der Fähigkeit, zuzupacken. Für einen der besten Drummer der Welt eine Katastrophe. „Ich kann längst nicht mehr so gut Schlagzeug spielen, wie ich es mal konnte”, hat er britischen Medien gegenüber unumwunden zugegeben. Damit er es überhaupt noch kann, muss er sich seine Trommelstöcke mit Klebeband an die Hände pappen. „Nicht sehr komfortabel”, aber es erfüllt seinen Zweck. Dennoch verwundert es nicht, wenn Collins sagt: „Eigentlich hatte ich nicht vor, noch einmal eine CD aufzunehmen.”

Schließlich gibt es genug andere Dinge, die ein Mann tun kann, der in seinem Leben 250 Millionen Schallplatten verkauft hat. Golf spielen, eine gigantische Modell-Eisenbahn aufbauen oder die große Sammlung von Relikten aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg sortieren zum Beispiel. Und dann sind da auch noch seine Söhne Nicholas und Matthew, die bei ihrem Vater in der Schweiz aufwachsen und für die er Zeit haben will.

Doch dann schlägt sein Manager vor: „Mach doch mal ein Album mit Covern von alten Motown-Hits.” Collins ist begeistert. Nicht weil er mit der alten Supremes-Nummer „You Can’t Hurry Love” 1982 einen Riesenhit hatte, sondern weil „das die Musik ist, mit der ich groß geworden bin”. „So ein Album wollte ich schon mein ganzes Leben machen.”

44 Songs stellt er zusammen. 18 davon haben es auf das Album geschafft. „Uptight (Everything’s Alright)“, „Papa Was a Rolling Stone” „(Love Is Like A) Heatwave“ oder „Jimmy Mack“ gehören dazu. Und alle sind exakt so arrangiert, wie die Originale. Nur mit der Stimme von Collins. Weshalb er die CD auch „ein altes Album” nennt. „Ich wollte diesen großartigen Songs keineswegs etwas ,Neues’ beifügen. Ich wollte jene Sounds und Gefühle, die ich damals hatte, als ich diese Songs das erste Mal hörte, wiedererwecken und in die aktuellen Aufnahmen einfließen lassen. Geholfen haben ihm dabei drei überlebende Mitglieder der berühmten Funk Brothers, die früher die Studioband von Motown waren. „Ich habe in der Zusammenarbeit mit ihnen mehr über handwerkliche Fertigkeiten und die Kunst des Songwritings erfahren als von irgendeinem anderen Kollegen, mit dem ich bislang kooperiert habe”, schwärmt Collins.

Persönliches Album

Seit dem Wochenende steht das Album nun weltweit in den Läden. Und man stellt fest, dass diese alten Songs nichts von ihrer Faszination verloren haben. Und dass es auch nicht schlimm ist, dass Phil Collins nicht so gut singt, wie ein Marvin Gaye, Stevie Wonder oder Curtis Mayfield, die die Songs im Original eingespielt haben. Denn er singt die meisten dieser Nummern, wie sie gedacht waren. Rau, erdig und wie jemand, der genau weiß, wovon er da in seinem Lied erzählt. Alle Songs, hat der Sänger dann auch bestätigt, hätten einen besonderen Bezug zu seinem Leben. Was erklärt, warum „Going back” nicht das beste aber dafür das persönlichste seit „Both Sides“ geworden ist.

Und vielleicht wirklich auch sein letztes.