Klaus Quirini - der erste Discjockey der Welt

Aachen. Happy Birthday Disco. Vor 50 Jahren eröffnete die erste Discothek der Welt ihre Pforten. Nicht in Amerika, sondern in Deutschland. Deshalb hieß der erste Discjockey auch nicht Mike oder Jim, sondern Klaus. Genannt hat er sich allerdings Heinrich.

Der Mann heißt Klaus. Klaus Quirini. Aber wenn er durch die Straßen seiner Heimatstadt geht, dann nennen ihn viele „Heinrich”. „Mein Künstlername”, sagt Quirini und grinst. „Unter dem bin ich bekannt geworden. Damals, vor 50 Jahren, als er der erste Discjockey der Welt war. In der ersten Discothek der Welt, dem „Scotch-Club” in Aachen.

Deutschland in den späten 1950ern. Tanzlokale gibt es viele. Mehr oder weniger talentierte Bands spielen dort zum Foxtrott auf. So eine Band ist nicht billig. Musik von Schallplatten wäre billiger. Aber Musik von der Schallplatte gilt als „tote Musik”, als „Konserve”. Deshalb traut sich keiner. Bis Franzkarl Schwendinger kommt. Der österreichische Kaufmann hat den „Scotch Club” in Aachen gekauft, der als „exklusives Speiselokal” gilt. Trotzdem läuft der Laden schlecht. Schwendinger hat also nicht viel zu verlieren, als er auf „Schallplatte” umstellt.

Ein Schiff wird kommen

Rappelvoll ist der Premierenabend im Oktober 1959. Auch Quirini ist da. Als Volontär einer Aachener Zeitung soll der 19-Jährige über die „die neue Mode” berichten. Der Abend entwickelt sich zum Debakel. Schwendinger hat einen Kölner Opernsänger engagiert, der wortlos eine Platte nach der anderen auflegt. „Da kommt nichts rüber”, mault Quirini den Österreicher an. „Mach's halt besser”, mault der zurück.

Das lässt sich Quirini nicht zweimal sagen. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er Whisky getrunken. Die Zunge ist gelöst, das Selbstbewusstsein groß. Forsch greift der Teenager zum Mikro: „Meine Damen und Herren, wir krempeln die Hosenbeine hoch und lassen Wasser in den Saal, denn ein Schiff wird kommen mit Lale Andersen”, lautet seine erste Ansage. In diesem Stil geht es weiter. Die Gäste sind begeistert, Schwendinger auch. Für 800 Mark im Monat will er Quirini engagieren. „Ein Vermögen für damalige Verhältnisse.” Doch Quirini ist noch nicht volljährig, er muss seinen Vater fragen.

Der angesehene Banker fürchtet um den guten Namen der Familie. „Such dir einen anderen Namen”, lautet seine Auflage. Macht Klaus. Im Plattenregal findet eine Single von Trude Herr. „Heinrich, ich hab nur dich.” Sie wird zu seiner Erkennungsmelodie, er wird zu Heinrich. Jede Nacht steht er hinter den Plattentellern und legt die neuesten Hits nicht nur auf, sondern moderiert sie auch an. Acht Monate arbeitet er ohne einen Tag Pause. Immer von 20 bis 4 Uhr, sonntags sogar rund um die Uhr. Weil schon am Nachmittag Tanztee ist.

Später wechselt er für ein halbes Jahr in eine Discothek nach Bielefeld. Sein Vertreter im Scotch-Club kommt aus Östereich. Er heißt Max Schautzer.

Pausenclown und Vortänzer

Auch die Westfalen erobert Heinrich im Sturm. Weil er auch dort Ansager, Pausenclown, Vortänzer und Stimmungskanone in einer Person ist. 1000 Sprüche hat Heinrich auf Lager, zieht Grimassen, macht Faxen. „Ein guter Discjockey muss ein wenig verrückt sein”, sagt Quirini bis heute.

Die Konkurrenz am Ort hat anfangs gelacht über ihn, Werner Höfer in der Sendung „Huer und Heute” „ein totgeborenes Kind” genannt. Doch ein Jahr später erfreut sich dieses Kind bester Gesundheit und hat allein in Aachen 41 Geschwister. Im „Scotch Club” treten Stars wie Udo Jürgens und Howard Carpendale auf. Leute wie Camillo Felgen und Chris Howland sitzen regelmäßig im Publikum. Frank Elstner und Udo Lindenberg allerdings kommen nicht herein. Sie tragen keine Krawatte. „Die war Pflicht”, sagt Quireine. „Ausnahmen gab es nicht.”

In den 1960ern erobert die Disco nach und nach Europa. In der einen laufen die Beatles und die Rolling Stones, in den anderen Peter Alexander und Roy Black. „Man muss sich seinem Publikum anpassen”, sagt Quirini.

Saturday Night Fever

Amerika bleibt bis in die frühen 1970er ein weißer Fleck in Sachen Disco. Bis George McCrae „Rock Your Baby” fordert und Carl Douglas zum„Kung Fu Fighting” bittet. Erste Tanzlokale werden zur Discotheken. Dann läuft ein Film an, der alles verändert: In „Saturday Night Fever” tobt der junge John Travolta zur Musik der Bee Gees im weißen Anzug über die Tanzfläche. „Stayin Alive”, „More Than A Woman” und „Night Fever”, ein Disco-Hit nach dem anderen erobert die Charts. Die Maxi-Single kommt auf den Markt. Druckvoller und lauter klingt es, wenn die Village People auf ihr vom „YMCA” schwärmen oder die Trammps das „Disco Inferno” beschwören. Wie gemacht für die Discos, die jetzt überall aus dem Boden schießen. „Studio 54” wird die bekannteste von ihnen. Die beste wird sie nach Quirinis Einschätzung nicht. „Draußen Leuchtreklame für 250 000 Dollar und drinnen sieht es aus wie im Wienerwald”, urteilt er nach einem Besuch in den USA.

"Kleinen Clubs gehört die Zukunft"

Hinter den Plattentellern steht Quirini da schon lange nicht mehr. Bereits 1963 hat er die Deutsche Discjockey-Organisation (DDO) gegründet und sich für die Anerkennung des DJ-Berufs engagiert. Heute ist er Fachmann für Urheberrechte. Der Kontakt zu Szene aber ist nie abgerissen. Quirini hat erlebt, wie Licht- zu Lasershows werden und die Vinyl-Schallplatte in vielen Clubs der CD weichen muss, bevor die Musik von immer größer werdenden Festplatten kommt. Er ist dabei, als Deutschland in den 1980ern erst zur neuen deutschen Welle und Italo-Disco tanzt, später zu Madonna und Michael Jackson. Er hat erlebt, wie immer mehr Clubs in den 1990ern den Großraumtempeln weichen müssen, in denen Tausende Leiber jede Nacht zu House und Techno zuckten. Und wie sich der Trend jetzt langsam wieder umkehrt. „Kleineren Clubs”, glaubt Quirini, „gehört die Zukunft.” Dem Scotch-Club allerdings nutzt das nichts mehr. Die erste Diskothek der Welt ist seit 1992 geschlossen. Nicht etwa, weil der Laden nicht mehr lief, sondern weil der neue Besitzer keine Betriebsgenehmigung mehr erhalten hatte.

 
 

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