Kate Bush: Scheitern mit gutem Sound

Michael Loesl
Kate Bush
Kate Bush
Foto: John Carder-Bush

Aachen. Sängerin Kate Bush spricht im Interview über Schmerzen und Kunst, über das Vorbildhafte an Frank Zappa und ihr neues Album „Director’s Cut“. „Wenn ich an einer Platte arbeite,“, so Bush, „steht die Frage nach Exzellenz im Raum“ – und das Scheitern daran.

Ein neues Album von Kate Bush ist nicht bloß ein Album, es ist ein Event. In 33 Jahren hat die 52-Jährige gerade mal acht Platten produziert. Aber was für welche! Mit ihrem neuen Werk, „Director’s Cut“ befreit sie sich für eine fruchtbare Zukunft von überkandidelten Altlasten. Mit ihr sprach Michael Loesl.

Mrs Bush, Ihr neues Album besteht aus Neubearbeitungen von Songs Ihrer älteren Alben, „The Red Shoes“ und „The Sensual World“. Muss man Pyramiden immer wieder neu bauen?

Kate Bush: Wie schmeichelhaft, aber in Teilen glichen ein paar Songs der beiden Alben rückblickend betrachtet eher schiefen Türmen. (lacht) Normalerweise höre ich meine alten Platten überhaupt nicht, aber bei diesen beiden hatte ich das Gefühl, dass sie mich befreiter weiterarbeiten ließen, nachdem ich sie aus ihrer ursprünglichen Sound-Verpackung holte.

Sie arbeiten jetzt schon an neuen Songs?

Ja, und es war lehrreich für mich, zwei oder drei Schritte zurückzugehen, um eine neue Vision für die Zukunft entwickeln zu können.

Heißt das, dass die neuen Songs einfacher werden?

Damals war ich sehr ambitioniert, vielleicht überambitioniert. Die Zwischentöne haben heute für mich mehr Gewicht. Musik wird wertvoller, je älter ich werde. Deshalb darf meine Musik jetzt gerne ein bisschen lebendiger sein und atmen.

Am Ende Ihres neuen Albums läuft es ein wenig aus dem Ruder. Sie nu­scheln, als ob Sie besoffen wä­ren, die Band schrammelt. Wollen Sie den Mythos Kate Bush zerstören?

Wenn der Schlusspunkt der Platte wie die Zerstörung eines Mythos klingt, bin ich ziemlich froh über diese Einschätzung, denn, im Ernst, er gab auch auf früheren Platten immer wieder Momente, die aus einer beknackten Laune heraus entstanden.

Dabei wird gerade Ihr Gesamtwerk wie ein Heiligtum des Pop diskutiert.

Ich habe nie die überaus ernste Auseinandersetzung mit meiner Musik, geschweige denn mit mir selbst eingefordert. Qualitätsbewusstsein schließt Humor nicht aus.

Gab es dabei für Sie ein Vorbild?

Frank Zappa war ein kluger Mann. Er sagte, dass man sich als Künstler in seiner Arbeit ungezähmt und abenteuerlich ausleben kann, wenn man ein geordnetes Privatleben führt. Ich liebe diese Idee.

Warum?

Zappa habe ich nie kennen gelernt, aber Leute, die ihn kannten, bezeichneten ihn als liebenswerten Menschen, der anders lebte als sein Image war. Ich habe das Private dem Öffentlichen immer vorgezogen, weil meine Arbeit am besten funktioniert, wenn ich mein Zu­hause als Basis habe. Der Glaube, Kunst sei am besten wenn der Künstler leidet, trifft auf mich nicht zu. Ich arbeite besser, wenn es mir gut geht.

Sind Sie glücklich?

Ja, Ich habe eine tolle Familie und das Privileg, Musik machen zu dürfen, die mich interessiert.

Für dieses Privileg haben Sie oft Nein gesagt zum Klimbim, den der Popmarkt fordert. Sind Sie stolz darauf?

Ich hätte viel früher Nein sagen sollen. Kürzlich hat mein Sohn ein Foto von mir entdeckt, das in den Abbey Road Studios entstanden war. Ich war dafür so blöde zurechtgemacht worden, dass er mich fragte, warum man mich schon als junges Mädchen fotografiert hatte.

Sie waren nur einmal auf Tournee, 1979. Können Sie das Gerücht ein für alle Mal aus der Welt räumen, dass Sie irgendwann wieder auf Tour gehen werden?

Mir hat die Tour Spaß gemacht, weil es weniger eine Konzerttour, sondern mehr ein wandernder Zirkus war. Aber die Studioarbeit wurde für mich wichtiger. Ich kann dir keine definitive Antwort geben, weil ich sie in ein paar Jahren vielleicht bereuen würde. Sag niemals nie.

Ist Ihre Musik der Gegenentwurf zur Unkontrollierbarkeit Ihres Lebens?

Der Wunsch nach Qualität, die ich außerhalb des Studios nicht direkt beeinflussen kann, ist eine Motivation in meiner Arbeit. Wenn ich an einer Platte arbeite, steht die Frage nach Exzellenz im Raum. Und die Gewissheit des Scheiterns an dieser Frage. Ich bin genauso wenig unfehlbar wie jeder andere Mensch.

Schmerzt dieser Erkenntnis?

Sie macht Kunst aus.