Für Milow ist sein neues Album überlebenswichtig

Sein neues Album nahm Milow in Los Angeles auf. In Dinslaken ist er aber auch schon aufgetreten.
Sein neues Album nahm Milow in Los Angeles auf. In Dinslaken ist er aber auch schon aufgetreten.
Foto: Peggy Mendel
Eine Cover-Version von 50 Cents „Ayo Technology“ machte Milow 2008 in ganz Europa bekannt. Jetzt hat der Sänger und Songschreiber aus Belgien das Album „Silver Linings“ aufgenommen. Im Gespräch erklärt der 33-Jährige, warum Altmodisches manchmal cool ist.

Essen.. Eine Coverversion von 50 Cents „Ayo Technology“ machte Milow 2008 in ganz Europa bekannt. Jetzt hat der Sänger und Songschreiber aus Belgien das Album „Silver Linings“ aufgenommen. Olaf Neumann traf den 33-Jährigen in Berlin. Milow, der eigentlich Jonathan Vandenbroeck heißt und niemals ohne seine Akustikgitarre aus dem Haus geht, ist im Interview um keine Antwort verlegen. Ein Gespräch über legendäre Orte und Melancholie.

Milow, der Titel Ihres neuen Albums bedeutet so viel wie „Silberstreifen am Horizont“. Haben Sie in den letzten Jahren keine einfache Zeit durchlebt?

Milow: Die letzten zwei Jahre habe ich dazu genutzt, meine Batterien wieder aufzuladen. Dabei sind dann auch neue Songs entstanden. Herausgekommen ist ein Album, das für mich persönlich überlebensnotwendig ist. Ich stelle mir mit dieser CD selbst die Frage, wie ich es schaffe, bei all dem Rummel meinen Wurzeln treu zu bleiben.

Wie haben Sie das echte Leben wiederentdeckt?

Milow: Das war eigentlich ganz leicht. Alles, was ich tun musste, war einen Flug nach Los Angeles zu buchen. Dort suchte ich mir neue musikalische Freunde, die nichts über mich wussten. Sie müssen nicht denken, dass ich in Belgien ein abgehobenes Leben führe, meine Familie und meine alten Freunde sind mir nach wie vor am wichtigsten. In Los Angeles bin ich in kleinen Clubs aufgetreten. Das hat mir gezeigt, dass ich eigentlich gar keine großen Hallen und auch keine Band brauche, um meine Musik zu präsentieren. Zudem kannte das amerikanische Publikum meine Songs gar nicht. Plötzlich war ich wieder in der Außenseiterposition.

Fühlten Sie sich in LA als Underdog aus Belgien?

Milow: Wenn man in Belgien aufgewachsen ist, hat man dieses Gefühl im Ausland immer. Es ist einfach ein Underdog-Land. Zuhause habe ich zwar eine ganz andere Position, aber in Los Angeles ein Underdog zu sein, ist nicht schwer. In dieser Situation kann ich am besten arbeiten. In LA wollte ich in bescheidener Umgebung Songs schreiben, die sich den Menschen ins Gedächtnis einbrennen. Ich glaube, ein arroganter und selbstgefälliger Milow würde nicht funktionieren. Dann wäre die Magie futsch.

Sie haben Ihr Album in den legendären Sound City Studios aufgenommen. Dort sind Klassiker von Neil Young, Nirvana und Johnny Cash eingespielt worden. Ist Ihnen dort etwas klar geworden?

Milow: Dieses Studio hat zwar eine ganz spezielle Atmosphäre, dies war aber nicht der Hauptgrund, dort arbeiten zu wollen. Dieser Raum klingt einfach fantastisch. Seien wir doch mal ehrlich: Menschen, die meine Musik mögen, ist es doch gleich, wo das Schlagzeug aufgenommen wurde. Ein schlechter Song bleibt ein schlechter Song, trotz der heiligen Hallen.

Ihre melodiösen Songs haben Sie mit Streicher-Arrangements im Stil der 60er untermalt. Trauern Sie einer vergangenen Ära nach?

Milow: Ich finde, manchmal ist das Altmodische wirklich cool. Meine Songs mit diesen Streichern zu verschmelzen war ein Traum, es fühlte sich an wie ganz großes Kino. Im Studio waren 13 Musiker und der Arrangeur Patrick Warren. Seine Herangehensweise, seine Melodien und Harmonien sind ziemlich althergebracht, zusammen mit den oben genannten Musikern ist ein Sound herausgekommen, der irgendwie an die 1960er oder 1970er erinnert.

Es ist ein Sound mit melancholischen Zwischentönen. Neigen Sie zum Trauerkloß?

Milow: Melancholie war schon immer ein Teil meiner Persönlichkeit. Ich wollte eigentlich ein positives und fröhliches Album machen, weil ich aber dunklere Musik so sehr liebe, erlaube ich mir auch introvertierte, melancholische Zwischentöne. Trotzdem sieht man in meinen Songs immer einen Silberstreif am Horizont. Ich spiele gerne mit Kontrasten. Es ist ein Klischee, dass fröhliche Musik die Melancholie vertreibt. Manchmal hilft es sogar, düstere Musik zu hören, denn in dem Moment hat man das Gefühl, nicht allein zu sein. Ich möchte jedoch keine Platten machen, die Menschen dazu bringen, aus dem Fenster zu springen.

>> Milow: „Silver Linings“ (Island/Universal) ab 28. März
Live: 27. August, Bochum, Zeltfestival Ruhr

 
 

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