Bernd Dicks ist der Strippenzieher von Parookaville

Bernd Dicks ist der Kopf des Festivals Parookaville, das international für Aufsehen sorgt.
Bernd Dicks ist der Kopf des Festivals Parookaville, das international für Aufsehen sorgt.
Foto: Felix J. Hild
Parookaville spielt in der 1. Liga der deutschen Festivals. Der Weezer Bernd Dicks ist der Kopf des Events. Sein Weg führte über Weeze, Afghanistan, Spickmich, Loveparade bis nach Parookaville.

Weeze. Was genau in der Kiste war, kann Bernd Dicks gar nicht sagen. „Irgendein Kram, den einer der Künstler als Sonderwunsch in seiner Umkleide haben wollte“. Wichtig war nur, dass der Inhalt rechtzeitig an seinem vorgesehenen Platz war. Also schnappte sich Dicks den Karton und lief damit quer durch den Backstage-Bereich an den VIPs aus der Musik-Szene vorbei. Damit sich seine Gäste wohlfühlen, ist sich der 33-Jährige nicht zu schade, selbst mit anzupacken.

Parookaville 2016 nach drei Tagen ausverkauft

ParookavilleMit dieser Einstellung erfreute der Chef-Organisator des Festivals Parookaville nicht nur DJ-Weltstars wie Steve Aoki, Martin Solveig und Fedde le Grand sondern auch die 25.000 Besucher, die 2015 zur Premiere auf den ehemaligen Militärflughafen nach Weeze gekommen waren. Diese fühlten sich so wohl, dass Parookaville nicht nur mehrfach ausgezeichnet wurde, sondern die Tickets für die Neuauflage vom 15. bis 17. Juli bereits nach drei Tagen ausverkauft waren – obwohl die Kapazität auf 40.000 Besucher pro Tag erweitert wurde und beim Vorverkaufsstart im Oktober das Line up mit über 100 DJs noch geheim war.

Wenige Tage vor dem Event 2016 strahlt Bernd Dicks trotz aller Anspannung viel Ruhe in dem kleinen Parookaville-Office am Airport-Weeze aus. Langsam zeichnet er mit dem Finger die Abgrenzungen auf dem riesigen Geländeplan nach: „Hier ist jedes einzelne Zaunelement maßstabgetreu eingetragen“, sagt der 33-jährige Weezer. Bis ins kleinste Detail habe er mit seinem zehnköpfigen Team die Aufteilung des Geländes für Parookaville 2016 mit Kirmes, Kirche, Rathaus, Swimmingpool, Campingplatz, mehreren Bühnen sowie der 80 Meter breiten und 30 Meter hohen Mainstage als Herzstück durchdacht.

Von der Regionalliga in die Bundesliga der Festivals

„Der Druck ist unfassbar groß. Wir sind 2015 in der Regionalliga gestartet und spielen plötzlich in der Bundesliga der Festivals“, beschreibt Dicks die Erwartungshaltung. Dass er in seiner Heimat mal eine ganze Stadt mit zehntausenden Bürgern zum Leben erweckt, hätte sich der 33-Jährige in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt.

Dicks bezeichnet sich und seine beiden Festivalmitgründer Norbert Bergers und Georg van Wickeren gerne als „Weezer Jungs“. Er selbst besuchte das Gocher Internat Gaesdonck. „Dort war ich eher ein Durchschnittsschüler, der nicht mehr als nötig machte“.

Von Neugier getrieben landete Dicks bei der Schülerzeitung und den Pfadfindern, wo er das Organisieren lernte. „Ein Rebell war ich nie. Stattdessen versuchte ich immer, die coolste, pragmatischste Lösung zu erzielen. Mit der Schulleitung habe ich mal einen Deal für einen verlängerten Ausgang meiner Stufe ausgehandelt, damit wir einen Tanzkurs besuchen konnten.“ Nach dem Abitur machte er ein Praktikum beim Radio: „Die Vorstellung, im rasenden Reporter-Style und mit lockeren Sprüchen Geld zu verdienen, gefiel mir“.

Zeit in Afghanistan hilft Bernd Dicks in Stress-Situationen

Fasziniert von der Rolle des Radiomoderators von Robin Williams in dem Film „Good Morning, Vietnam“ bewarb sich Dicks für zwei Jahre beim Bundeswehr-Radio und landete nicht nur im Kosovo sondern auch mehrere Monate in Afghanistan – eine Zeit, die ihn sehr geprägt hat. „Ich wollte mit den Moderationen und Reportagen nicht nur dafür sorgen, dass die Jungs im Camp morgens gut aus dem Bett kommen, sondern verstehen, was da draußen passiert“, erzählt Dicks, der deshalb an Patrouillieren-Fahrten teilnahm.

„In Afghanistan habe ich gelernt, dankbar zu sein und wie man mit der eigenen Furcht umgeht“. Das helfe ihm heute in Stress-Situationen bei der Festival-Organisation oder auch in anderen Lagen: „Dann werde ich meist ganz ruhig. Dann kann ich Dinge am besten analysieren und darauf reagieren.“

So saß Dicks während der Loveparade-Katastrophe in Duisburg im Übertragungs-Wagen von 1Live: „Das waren schreckliche Bilder – da musste man als Journalist einfach nur funktionieren“.

Autor des Buches „Lehrer – Eine Gebrauchsanweisung"

Bei dem Radiosender hatte Dicks nach seiner Bundeswehr-Zeit angefangen. Parallel dazu startete er sein Studium der Soziologie in Düsseldorf und wurde Pressesprecher des sozialen Netzwerks „Spickmich“. Hier konnten Schüler ihre Lehrer und Schulen bewerten, was für massive Proteste bei den Pädagogen sorgte. Die Klage einer Lehrerin wurde sogar vor dem höchsten Bundesgerichtshof verhandelt – und abgewiesen.

„Meine Spickmich-Zeit bestand hauptsächlich aus stundenlangen Gesprächen mit aufgeregten Lehrern und klassischer Krisen-Pressearbeit“. Er schrieb sogar ein Buch dazu: „Lehrer – Eine Gebrauchsanweisung“. Eine teils witzige, teils hilfreiche Lektüre für Schüler und Lehrer über den Schulalltag und den Umgang mit Kritik.

Umgang mit Kritik kam bei Parookaville-Pionieren gut an

Durch diese Erfahrung reagierte der Weezer bei der Parookaville-Premiere sehr geschickt, als es trotz allen Lobes für das Festival beim Punkt sanitäre Anlagen einige Kritik der Besucher gab. „Das müssen wir auf jeden Fall verbessern“, versprach Dicks, der noch während des Events sehr transparent mit der Problematik umging. Das kam bei den Pionieren offenbar sehr gut an: „Obwohl das für den einen oder anderen sicherlich ärgerlich war, haben uns die Parookaville-Bürger schnell verziehen“, zeigte sich Dicks positiv überrascht.

Das immer wiederkehrende Verlangen nach neuen Herausforderungen brachte Dicks dann vom Radio zum Fernsehen (für WDR und ARD drehte er verschiedene Verbraucher-Formate) und schon wenig später zum Festivalveranstalter. „Ich liebte die Musik und hohe Informationsgeschwindigkeit beim Radio, war oft mit dem Satelliten-Ü-Wagen in kürzester Zeit am Ort des Geschehens. Das Fernsehen war mir da zu langsam und ist von Natur aus aufwendig und weitestgehend inszeniert. Das hat mich von dem Medium doch etwas desillusioniert.“

Hunger nach Showkonzepten wie bei Tomorrowland

TomorrowlandGleichzeitig spürte er in seiner Zeit bei 1Live den „Hunger junger Menschen nach einem Festival-Showkonzept wie bei Tomorrowland“. Das Festival in dem belgischen Ort Boom, über das Dicks regelmäßig berichtete, gilt als eines der besten Dance-Events weltweit.

Hier tauchen die Besucher in eine magische Welt aus elektronischer Musik, Natur und Showelementen. „Das wollten wir allerdings nicht 1 zu1 kopieren, sondern haben uns mit Parookaville ein cooles, etwas abgerocktes Konzept überlegt, bei dem die Besucher statt Tickets Visa erhalten und damit zu Bürgern einer Stadt werden“.

Line up von Parookaville mit internationalen Stars

An der Neuauflage basteln die Organisatoren seit Monaten mit „Leidenschaft und Liebe bis ins letzte Detail“. Durch dieses Engagement haben man internationale DJ-Stars wie Axwell & Ingrosso, Deorro, Afrojack, Tiesto, Nervo, Felix Jaehn und Don Diablo für das Parookaville Line up gewinnen können.

„Die Planung des Festivals ist wie ein großes Puzzle, bei dem alle Teile zusammenpassen müssen.“ Dazu gehört die Einbeziehung der Region, die von dem wirtschaftlichen Erfolg profitiert, aber auch das Thema Sicherheit. „Wir stehen in engem Kontakt mit den Behörden und haben alle Szenarien durchgespielt“, versichert Dicks. So sei etwa bei extremen Wetter-Ereignissen eine maximale Kommunikation mit den Bürgern geplant. „Wir sind uns unserer großen Verantwortung bewusst, wollen aber auch die Eigenverantwortung der Leute wecken.“

Manche Tage könnten noch etwas mehr Stunden haben

Zeit zum Luftholen und um den Erfolg zu genießen, hat Bernd Dicks kaum: „Derzeit habe ich eine 7-Tage-Woche, wobei die Tage gerne noch ein paar Stunden mehr haben könnten“. Deshalb hat er privat nicht viel in seinem Leben geändert: „Ich fahre seit acht Jahren das gleiche Auto und lebe immer noch in einem kleinen Zimmer in Weeze und der 60-Quadratmeter-Studentenbude in Düsseldorf“.

Nur eines fällt auf: Nicht nur die Stars der Musik-Szene, auch Dicks als Parookaville-Kopf bekommt plötzlich Autogrammwünsche und „Selfieanfragen“ von Fans: „Das sind oft ziemlich ungewohnte Situationen, in denen ich sicherlich auch mal rot werde. Aber ich werte das als Anerkennung für das, was wir mit unserem Team in so kurzer Zeit erschaffen haben. Ich hoffe nur, dass es niemals einen Grund gibt, weshalb Tomaten oder Eier geworfen werden“, schmunzelt Dicks. Für die in einer Beziehung dazugehörigen Kompromisse habe er nur leider aktuell keine Zeit: „Ich bin gerade sehr happy mit meinem Job als Strippenzieher im Rathaus von Parookaville.“

 
 

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