Hergen Wöbken: Wie viel ist Kunst im Netz wert?

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Köln. Alle Branchen der Kreativindustrie verändern sich mit der fortschreitenden Digitalisierung. Im Mittelpunkt des c/o pop-Festivals vom 12. bis 16. August steht eine Analyse dieses Umbruchs. Auf dem Podium: Ökonom Hergen Wöbken, der Strategien für die Vermarktung kreativer Inhalte entwickelt.

Wie viel ist ein Musikstück wert, das im Internet kostenlos herunter geladen werden kann?

Hergen Wöbken: Fest steht: Kulturelle Güter behalten ihren Wert. Wir lieben unsere Bücher, wir lieben unsere Musikstücke, wir schauen uns gerne Filme an – die Frage, was wir uns leisten können, ist meist sekundär. Die meisten von uns haben immer schon gerne ihren letzten Groschen für ihr Lieblingsalbum oder ihren Lieblingsfilm ausgegeben. Eine andere Frage ist, wie mit diesen Werten im Internet Geld verdient werden kann.

Und wie hat die Bereitstellung von Inhalten im Internet die Bereitschaft verändert, für Kunst zu bezahlen?

Wöbken: Seit Inhalte im Netz zum legalen und illegalen Download bereit stehen, kann man sich über diese Frage streiten. Verwerter, wie manche Plattenlabels, haben ein massives Problem, und führen - gerade in der Musikindustrie - Einnahmeverluste als Beweis für einen etwaigen Verfall von Sitten oder Werten im Internet an. Allerdings gibt es keinen Verband der Raubkopierer, der verbindliche Zahlen publizieren würde, wie viel Schaden etwa durch illegales Herunterladen entsteht. Deshalb ist der Begriff Raubkopie selbst für manchen bereits ein „Kampfbegriff“. Weil Raub nach deutschem Recht immer mindestens mit der Androhung von Gewalt zu tun hat und der Begriff somit sachlich über das Ziel hinaus schießt. Zudem wird ein Blick auf die neuen Möglichkeiten gefordert, sowie der freie Zugang aller zu Wissen und Kultur.

Dass durch Raubkopien der Kulturindustrie ein wirtschaftlicher Schaden entsteht, ist unbestritten.

Wöbken: Absolut zweifellos ist: Es gibt Personen, die Urheberrechte verletzen. Und es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen gewissen Schaden hochzurechnen, die wissenschaftlich mehr oder weniger valide sind: Allein im Software-Bereich soll der Schaden weltweit in den Milliarden-Bereich gehen. Die genaue Summe lässt sich allerdings nicht seriös erheben, weil niemand die Zahlen von Urheberrechtsverletzungen nachhaltig und systematisch erheben kann. Deswegen setzen wir vom Institut für Strategieentwicklung der Uni Witten/Herdecke unseren Schwerpunkt darauf, anzuerkennen, dass Rechteinhaber mit einem äußerst schwierigen Marktumfeld konfrontiert sind, auf das sie sich in jedem Fall strategisch neu einstellen müssen. Abgesehen davon argumentieren nicht Wenige gegen Lobbyisten der Musikindustrie mit dem Argument, dass zahlreiche nicht autorisierte Kopien nie zu dem vorgeschlagenen Preis gekauft worden wären. Endgültig beweisen lässt sich auch das nicht.

Womit beschäftigt sich Ihre Studie?

Wöbken: Der erste Ansatz unserer Studie ist, dass wir Personen, die Urheberrechte verletzen, überhaupt unterscheiden. Wir sehen diese nicht als homogene graue Masse. Es gibt verschiedene Typen: die „Jäger und Sammler“, die sich alles auf die Festplatte laden, was sie kriegen können ohne damit etwas anzufangen. Oder die „Freaks“, die sich ganz bewusst und selektiv, ihre Dinge kopieren und diese dann auch an andere weitergeben. Aber die größte Gruppe der User zeichnet sich dadurch aus, dass sie gar nicht weiß, ob illegale Kopien auf dem Rechner sind oder nicht. Wie untersuchen alle Medien: neben Software auch Musik, Video und Bücher – bis hin zu Rundfunk und Spielen. Was uns interessiert, sind die allgemeinen Änderungen im Umgang mit Inhalten im Internet. Wir haben schon bei der letzten Studie, die wir 2004 im Auftrag von Microsoft durchgeführt haben, festgestellt, dass es zwar ein Bewusstsein dafür gibt, dass Urheberrechtsverletzungen eine Straftat sind. Dass jedoch technische Restriktionen ebenso wie strafrechtliche Drohgebärden keine Rolle spielen in der sozialen Interaktion. Im Netz läuft der Datenaustausch nach dem Motto „Ich gebe Dir etwas, Du gibt’s mir etwas“. Dieses Argument wiegt schwerer als das vermeintliche Damoklesschwert des Rechts.

Was sind die Folgen einer solchen Argumentation?

Wöbken: Der illegale Datenaustausch ist für diejenigen ein Problem, die ihren Erlös an einen Datenträger koppeln. Ein Gewinn ist es für diejenigen, die z.B. ein Musikstück kostenlos weitergeben, so Aufmerksamkeit schaffen und etwa mit Konzerten oder Merchandising-Artikeln ihr Geld verdienen. Letztendlich betrifft das Problem alle, die Inhalte verwerten. Das Internet ist eine Plattform, in der sich alle technischen Medien wie etwa Filme, Musik oder Rundfunk verbreiten.

Es braucht also einfach ein paar neue Geschäftsmodelle?

Wöbken: Wir erhoffen uns von der c/o pop Convention neue Anregungen. Seitdem Patrick Hypscher und ich an der neuen Studie arbeiten, haben wir mit unterschiedlichen Akteuren viele Ideen und Konzepte diskutiert, die sich mit der Entwicklung neuer Geschäfts- und Erlösmodelle im Internet beschäftigen. Auch von Seiten der Industrie kommt immer wieder Neues: Es gibt viele Konzerne, die kleine Abteilungen bilden, die mit neuen Erlös- und Geschäftsmodellen experimentieren. Für Anbieter, die im Spiel bleiben wollen, gibt es keine Alternative, als im Kontakt mit den Kunden zu bleiben. Experimente sind gefragt, neue Erlös- und Geschäftsmodelle werden sich entwickeln. Ein Beispiel ist die Website „Sellabend“ die nach dem Prinzip des „Crowdfunding“ funktioniert. Ein Kollektiv zahlt für die Produktion von Musik vorab. Das ist übrigens nicht neu, schon vor 200 Jahren gab es bei Büchern neben der Subskription die "Prenumeration", bei der das Werk im Voraus bezahlt werden musste. Und auf der anderen Seite bilden sich subkulturelle Netzwerkstrukturen heraus. Ein bekanntes Beispiel ist Myspace, wo sich Musiker, die eigentlich allein arbeiten, zusammentun und gemeinsam produzieren und verbreiten. Das Internet ist zuallererst eine neue gesellschaftliche Art zu kommunizieren und deswegen ist der Umgang mit digitalen Inhalten für uns ein gesellschaftliches Problem und nicht etwa technisch, rechtlich oder betriebswissenschaftlich zu lösen. Das, was wir dürfen und nicht dürfen, das werden wir neu verhandeln müssen. Genauso wie es neu verhandelt worden ist, als der Buchdruck erfunden wurde. Auch das war damals eine Revolution.

 
 

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