Haldern Pop zwischen Konsens und Nischenmusik

Marco Virgillito
Olli Schulz bot am Freitagabend beim Haldern Pop 2015 beste Unterhaltung.
Olli Schulz bot am Freitagabend beim Haldern Pop 2015 beste Unterhaltung.
Foto: Thorsten Lindekamp/Funke Foto Services
Am Freitagabend begeisterten Olli und Sunset Sons die Massen. Ein spezielleres Publikum freute sich über Savages und Nils Frahm.

Haldern. Keine Frage. Olli Schulz war am Freitagabend die Hauptattraktion beim Haldern Pop Festival – präsentiert von der NRZ. Der Hamburger ging auf Tuchfühlung mit den Publikum, und die Band zeigte sich in absoluter Spiellaune. Wirklich? Ehrlich gesagt sind das die Zeilen, die Schulz der Lokalpresse von der Bühne aus in den Block diktiert hat. Auftrag erledigt.

Das gilt aber auch für ihn, der aus etlichen TV-Produktionen bekannt ist. Um Viertel nach acht stand in Haldern, wie es sich gehört, beste Abendunterhaltung an. Denn: „Endlich bin ich anerkannt“, erklärte Schulz. Er habe sich viele Jahre einschleimen müssen, damit Haldern Pop ihn mal buche. Und so quatschte sich der Künstler launig durch das Programm. Fifty, fifty. Zur Hälfte Musik, zur Hälfte Comedy. Die Massen waren begeistert. Nur manche Randzuschauer wünschten sich, dass er mal den Mund hält und musiziert.

Bushido reimte Olli Schulz gleich mehrfach weg

Und so erzählte Olli Schulz von der Gitarristin Kat Frankie, mit der er eine Scheinehe führe, damit die Australierin im Land bleiben dürfe: „Dafür muss sie drei Jahre mit mir auf Tour gehen.“ Als Schulz dann seine Tina Turner-Imitation auspackte, sang der Frontmann Playback, und Kat Frankie bewies im Hintergrund, dass sie eine großartige Stimme hat. Fast wie die Turner. Großer Jubel.

Ziel seiner Spitzen war immer wieder Bushido, den Olli Schulz mehrfach „weg reimte“. Und Bernd Begemann ließ sich auf der Bühne auch noch blicken für ein Duett – gleich zwei Ulknudeln. Wie war denn jetzt die Musik? Schwer zu sagen, die Gags waren einnehmend. In Erinnerung bleibt der Song „Als Musik noch richtig groß war“ - schöner Popsong mit einem Hauch Dramatik.

Freitagabend musikalisch sehr facettenreich

Darüber hinaus war der Freitagabend musikalisch sehr facettenreich. Konsens erzielten Sunset Sons im Spiegelzelt. Die Australier begeisterten das herum springende Publikum mit ihren Poprock-Hymnen irgendwo zwischen Kings of Leon und Fall Out Boy. Die Lieder bleiben sofort im Ohr und haben Hit-Potenzial - eine kurze Video-Kostprobe gibt’s auf der Facebook-Seite der NRZ Emmerich). Der englische Sänger der Band, Rory Williams, hat genau die richtige Stimme für diese Musik. Sunset Sons hätten auch sehr gut am Abend auf der Hauptbühne spielen können... Haldern Pop

...denn dort waren nach Olli Schulz zwei Gruppen angesetzt, die jeweils nur einen Teil des Publikums ansprachen. Savages – das ist musikalische Hochkultur. Und zwar düster, alternativ. Post-Punk und Pop Noir wird das genannt, was die vier Damen brachial zu Gehör bringen. Die französische Sängerin der Londoner Band, Jehnny Beth, hat eine großartige Stimme, aber sie singt nicht harmonisch oder zu einer denkbaren Melodie. Die Ausbrüche, fast wie Sprechgesang, stehen für sich selbst. Handwerklich zweifelsohne eine großartige Band. Der Stil ist Szenenmusik.

Rae Morris beeindruckt im Spiegelzelt

Auch Nils Frahn mit seinen instrumentalen Piano-Stücken, die elektrisch aufgemotzt und mit ordentlich Bass untermalt schon nicht mehr als klassische Musik bezeichnet werden dürfen, sprach ein spezielles Publikum an. Ein aufmerksamer Kern vor der Hauptbühne war begeistert von den Klangteppichen, die keine wieder erkennbaren Popstrukturen aufweisen.

Im Spiegelzelt beeindruckte Rae Morris mit ihrer ergreifenden, lupenreinen Stimme. Ihre poppigen Stücke und Balladen nahm das Publikum zur Entspannung gerne an.

Zur späten Stunde versprach Sänger Matt Flegel von Viet Cong: „Wir spielen den kompletten Jurassic Park-Soundtrack.“ Statt zurück in die Dinosaurier-Zeit ging's eher tief in den Untergrund. Kratziger, experimenteller Rock. Dreckig, kantig, aber mit griffigen Gitarren-Riffs. Hat was.

Junge Irin Soak sorgt für Gesprächsstoff

Und sonst? Ein Gesprächsthema auf dem Festival war immer wieder die junge Irin Soak. Die 18-Jährige war für viele eine positive Überraschung bei ihren Auftritten am Morgen in der Kirche und später im Spiegelzelt. „Atemberaubend. Stille kann echt was geiles sein“, sagte der im Kreis Wesel bekannte DJ Mike Lemanczyk nach dem Kirchen-Auftritt.

Das Wetter blieb am Abend weitgehend schön. Nach einem kurzen Regenschauer am Vorabend konnten die Regenjacken wieder weggepackt werden. Und so konzentrierte sich wieder alles auf das, worum es beim Haldern Pop eigentlich geht. Um Musik. Es ist kein Zufall, dass sich hier die Branche trifft. Hier kommen Bands nicht nur hin, um ihre Darbietung abzuliefern und dann weiterzureisen. Hier hören sie sich gegenseitig zu: Honig lauscht Villagers, André de Ridder ist neugierig, was Dan Deacon da fabriziert, Ibeyi lassen sich Dotan nicht entgehen, Puts Marie hören aufmerksam Benjamin Booker zu. British Sea Power kommen jedes Jahr auch ohne zu spielen und scheinen omnipräsent.