Haldern Pop – ambitioniertes Festival mit Entdeckergeist

Haldern.. Das Haldern Pop schickt seine Besucher auf Entdeckungsreise. Die Macher haben ein feines Gespür für Trends und präsentieren Geheimtipps mit Potential. Mit-Organisator Stefan Reichmann über die Höhepunkte 2010 - und ein Dorf mit Leidenschaft für Musik.

Selbst anspruchsvolle Musik-Liebhaber können Ihrem Entdeckergeist blind vertrauen. Fast alle Bands sind Geheimtipps mit Potential. Wie schaffen Sie das?

Stefan Reichmann: Wir lieben Musik. Und deswegen interessieren wir uns das ganze Jahr dafür. Wir haben uns mittlerweile ein Netzwerk aufgebaut; erstaunlicherweise kommen auch viele Informationen von Musikern, die hier schon gespielt haben. Und ich schaue mir natürlich die Bands auf anderen Festivals an.

Welche Künstler sollte man bei Ihrem diesjährigen Festival auf keinen Fall verpassen?

Reichmann: Sicherlich großartig sind The Tallest Man on Earth oder Esben and the Witch. The National sind wieder dabei, nachdem sie nach ihrem Auftritt vor zwei Jahren den Durchbruch in Deutschland geschafft haben. Ich persönlich freue mich besonders auf Sophie Hunger und Serena Maneesh – für mich Highlights auf dem Eurosonic-Festival. Fanfarlo ist eine Band, die viele Leute mögen werden. Stornoway ist gerade auf dem Vormarsch, und Local Natives haben ebenfalls viel Potential. Es gibt also einige Bands in diesem Jahr, die wirklich spannend sind. Vor allen Dingen wird es aber sehr abwechslungsreich.

Auf welche Künstler aus den vergangenen Jahren sind Sie im Rückblick besonders stolz?

Reichmann:Stolz bin ich erstmal auf die ganze Truppe, die das hier seit Jahren macht. Aber großartig waren im vergangenen Jahr sicherlich die Konzerte von Grizzly Bear, Bon Iver und Andrew Bird an einem Nachmittag. Ich erinnere mich auch noch gern an das erste Tocotronic-Konzert mit Crazy Horse Momenten, den bezaubernden Patrick Watson, das erste Blumfeld-Ereignis und die wundervollen Loney Dear Shows im Spiegelzelt. Oder Kashmir im Jahr 2000 – die kannte niemand, und dann haben sie das Konzert ihres Lebens gespielt. Paul Weller war natürlich ein riesiges Erlebnis. Und Patti Smith war 2003 der größte Traum für uns; die Frau ist Musikgeschichte. Die Liste herausragender Konzerte wird immer länger und das Rezept hierfür scheint das verspielte und einfache Umfeld des Festivals zu sein.

Was macht die Faszination Haldern Pop aus?

Reichmann:Hier haben viele Leute den gleichen Traum. Und das ist auf das Publikum übergegangen. Die Besucher kommen wegen der Musik und wissen, dass das hier Konsens ist, das schafft Vertrauen.

Wie schwierig ist für Sie die Balance zwischen Authentizität und Kommerz?

Reichmann:Ich würde natürlich nicht die B-Ware von „Deutschland sucht den Superstar“ buchen, um den Platz voll zu machen. Wir müssen nicht darauf achten, dass die Bands überall bekannt sind und in den Charts platziert sind. Die Besucher haben begriffen, das das Festival im Ganzen zu betrachten, also kein „Fernbedienungs-Konzept“ ist. Deswegen gibt es ja auch keine Tageskarten. Wir haben schon „bekanntere“ Künstler bestätigt, als es bereits ausverkauft war und somit erübrigt sich die Frage der Effizienz.

Haben Sie keine Sorge, dass mit dem großen Erfolg die Idee auf der Strecke bleibt?

Reichmann:Es wäre sicherlich tragisch rein ökonomisch auf den Erfolg zu reagieren und mit dem maßlosen Wachstum das eigentlich stimmige Moment zu ersticken. Die Idee würde auf der Strecke bleiben, wenn wir auf einen größeren Platz wechseln würden, um das doppelte oder dreifache an Karten zu verkaufen. Das tun wir ja wohlweißlich nicht.

Fühlen Sie eine gewisse Art Verantwortung Ihren Fans gegenüber?

Reichmann:Erstmal Verantwortung uns selbst gegenüber. Wir sind ja auch Fans und müssen selbst davon überzeugt sein, was wir tun. Verantwortungsgefühl sollte man bei allem, was man unternimmt, empfinden. Es gibt ein aktuelles Statement unsererseits hierzu: „Haldern Pop ist kein Kunstbegriff, sondern vielmehr die Vision, international gedachte Kunst in konstruktive und langfristige Alltagsprozesse einfließen und dort wirken zu lassen. Angesichts der schieren Übermacht sinnlicher und materieller Angebote, wird der erfolgreiche Stratege von morgen sensibel im Kontext der Dinge, Menschen und sozialen Umfelder agieren.

Die Entstehungsgeschichte vom Haldern Pop ist legendär ...

Reichmann:Wir waren damals Messdiener in den 70er Jahren in der Provinz – und wir hatten zum Glück einen Kaplan, der uns motiviert hat, die Dinge selbst in die Hand zum nehmen. Wir sollten uns seiner Meinung nach nicht darüber beschweren, dass wir in Haldern keine Diskothek haben, sondern selbst die Initiative ergreifen. Das war für uns ein Schlüsselerlebnis. Anfang der 80er Jahre wurden aus den selbstgemachten Partys dann die ersten Live-Experimente.

Die Wacken-Dokumentation „Full Metal Village“ hat gezeigt, wie sehr ein Festival ein ganzes Dorf einnehmen kann. Ist das beim Haldern Pop genauso?

Reichmann:Hier steht das ganze Dorf hinter dem Haldern Pop. Das ermöglicht uns, die Dinge auf dem kurzen Dienstweg zu erledigen - ob man nun einen Anhänger braucht oder das örtliche Bauunternehmen nach einem Gerüst fragt. Das Festival ist ja schließlich aus dem Dorf entwachsen und durch das Dorf gewachsen. Wir profitieren sehr von der Struktur und der Sicherheit, die so ein Ort geben kann.

 
 

EURE FAVORITEN

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Beschreibung anzeigen