"Bochum Total" – 30 Fakten zum 30. Festival-Geburtstag

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  • 1986 fand die erste Auflage des Straßen-Festivals Bochum Total statt
  • Ursprünglich wollten die Erfinder nur ein kleines Musik-Fest auf die Beine stellen
  • Mittlerweile zählt Bochum Total zu einem der größten Straßen-Festivals in Europa

Bochum.. Im Spätsommer 1986 wurden zwei Bühnen im Bermudadreieck aufgebaut, die Programmhefte von Hand gefaltet und ein paar Bands zusammengetrommelt – fertig war die erste Auflage von Bochum Total. Zum 30. Geburtstag des Festivals haben wir uns im Bermudadreieck umgeschaut und 30 Dinge notiert, die uns dabei aufgefallen sind.

1. Schon Tage vor dem Festival haben die ersten Gastronomen schwere Zäune vor ihre Läden gezogen. Wer durch möchte, muss sich durch einen Spalt quetschen. Bochum sieht aus wie Berlin am 1. Mai. Zum Vergleich: Die Hauptstadtmedien schrieben in diesem Jahr von Zehntausenden Demonstranten und Feiernden am Tag der Arbeit – die Veranstalter von Bochum Total erwarten an den vier Tagen rund 750.000 Besucher.

2. Die ersten Gäste stellten sich am Samstag schon gegen Mittag vor die Heinz-Bühne, doch ihre Lieblings-Band sollte erst neun Stunden später spielen! Es war der Fanclub der Band D’Artagnan, der mit Pullis auf dem Absperrgitter seine Plätze reservierte, ganz wie Mallorca-Touristen die Liegen mit Handtüchern. Die weiteste Anreise nahmen Clubmitglieder aus Berlin in Kauf.

3. Auch wenn noch keine Bands auf den Bühnen stehen, vergnügen sich die Menschen in der Innenstadt, schnappen sich einen Tetra-Pak Sangria und lassen ihre Lieblingssongs aus Mobiltelefonen scheppern. Fünf, sechs Jugendliche haben das am Samstagmorgen allerdings deutlich professioneller aufgezogen: Die Gruppe rückte mit einem ausgewachsenen Gitarrenverstärker an, fand Strom an einem Bierwagen und schloss... – nein, leider keine Gitarre an. Sondern auch ein Handy. Der Sound stellte sie trotzdem zufrieden.

4. Eintritt muss man für Bochum Total nicht zahlen, aber ohne Bändchen am Handgelenk kann doch gar keine echte Festivalstimmung aufkommen. Zwei Varianten sind deshalb am Stand des Veranstalters im Bermudadreieck für zwei Euro zu haben – in schwarz-blau oder schwarz-orange. Letztere waren am Samstagmorgen bereits ausverkauft. Zwei Euro, dafür gibt’s zwei Gurken, aber dazu mehr unter Punkt 6.

5. Einige Besucher scheinen gar nicht wegen der Musik zu Bochum Total zu kommen, ihnen geht es schlicht um die Pokémon-Jagd. Ein Schild weist am Pavillon von „LoveSkillsDesign“ darauf hin, dass nur zahlende Kunden den dortigen Poké-Stop nutzen dürften, den es in Wirklichkeit aber gar nicht gibt. Immer wieder bleiben Leute mit gezückten Handys dort stehen – und müssen sich dann von den Eingeweihten ringsum aufziehen lassen.

6. Einer der ersten Stände, die morgens öffnen, ist der mit den eingelegten Gurken. Ob das was damit zu tun hat, dass sie gegen Katern helfen sollen? Auffällig ist der Standort: ganz am Rand der Reihe auf der Viktoriastraße. Bei günstigen Windverhältnissen riecht man ihn zehn Meter weit.

7. Am wahrscheinlich kleinsten Stand des Festivals gibt’s unweit der Kreuzung Viktoriastraße/Südring Bratwurst. Der Grillmeister steht in einem Häuschen, das man mit nur vier Schritten umrunden kann. Wirklich eine, pardon, arme Wurst.

8. Luxuriös im Vergleich zur Bratwurstbude ist der Stand eines Weinhändlers. Der ist mit einem großen Seecontainer angerückt. Hinter den dicken Metallwänden sind die guten Tropfen dann auch nachts sicher deponiert.

9. Wie heißt es noch gleich? Sieben Bier sind auch ein Schnitzel? Wie nun die passende Umrechnungsformel von Brötchen lautet, ist nicht bekannt. Dennoch gilt als sicher: Das Dosenbier, das ein Bäcker an der Kortumstraße für den Zeitraum des Festivals ins Programm genommen hat, dürfte sich verkaufen wie geschnitten Brot.

10. Mit dem Duisburger Bier an den Ständen und auf den Plakaten haben sich einige Freunde der lokalen Brauerei noch nicht abgefunden. „Think global. Drink local“, lautet das Motto, das sie vor zwei Jahren auf T-Shirts gedruckt hatten. Die werden auch im dritten Jahr nach dem Wechsel von Fiege zu Köpi noch vereinzelt auf dem Festival gesichtet.

11. bis 20.: Bandabsagen, Ravioli und kein Internet

11. Die Absagen einiger Bands nach einem von vielen Nutzern als rassistisch bewerteten Eintrag auf der Facebook-Seite des Festivals werden im Publikum immer wieder diskutiert. Zugesagt hat noch am Freitag als Nachrücker das Trio "The Tips". Die Düsseldorfer erklären, dass sie anstatt abzusagen lieber die Chance nutzen wollen, sich gegen Rassismus zu positionieren: „Da kann man vor Ort was zu sagen und den Standpunkt klar machen.“

12. Zwei Bands sagten ihre Shows auf der Coolibri-Bühne im Riff ab. Dennoch wurde dort gefeiert – auch die Stellungnahme des Coolibri-Chefredakteurs Michael Blatt. Der kam am Freitagabend vor der ersten und vor der letzten Band auf die Bühne, um sich gegen jede Form von Rassismus, Sexismus und Homophobie auszusprechen.

13. Im Riff gab es am Freitag viel Applaus für die Ska-Band "Los Placebos". Komplimente verteilte auch deren Sänger Carsten. Dass der eine oder die andere im Publikum beim Tanzen auch ins Schwitzen kam, kommentierte er so: „Ihr seht verdammt gut aus! Und ihr riecht auch so!“ Da kommt uns wieder der Mensch von Punkt 7 in den Sinn...

14. Selbst neben den Bühnen gibt es bei Bochum Total immer viel zu entdecken. Hier und da packen Straßenmusiker ihre Gitarren aus, aber eine Frau stellte gleich ein ganzes Schlagzeug auf. Direkt vor der Redaktion der Bochumer WAZ erspielte sie sich am Freitagabend ihr eigenes Publikum.

15. Es soll Menschen geben, die zu Festivals fahren, nur um auf dem Zeltplatz rumzuhängen. Das ist auch bei Bochum Total möglich. Am Freitag fuhren Shuttle-Busse aus der Innenstadt zur Matrix, wo die „Campground Party“ gefeiert wurde. Dort gab es – denn ohne kann man bei einem Festival nicht überleben – selbstverständlich auch Dosenravioli!

16. „Hast du Empfang?“ „Nein, verdammt.“ „Lass mal ein Stück weiter gehen.“ Mit dem mobilen Internet ist es so eine Sache, wenn Zehntausende zusammenstehen. Auch bei Bochum Total wackelt das Netz. Warum das besonders in diesem Jahr für Unmut sorgt? Siehe Punkt 5.

17. „Bochum Total? Da geht doch längst kein Bochumer mehr hin“, meckerte ein Gastronom während des Festivals. Warum er so schlechte Laune hatte? Es lag wohl daran, dass seine Kneipe nicht im Bermudadreieck liegt. Sonst würde es wohl ganz anders aussehen, wie Punkt 21 zeigt.

18. Ein neues Outfit von Kopf bis Fuß findet man bei den vielen Händlern, Paintbrush-Tattoos werden angeboten, und in einem kleinen Pavillon sitzt sogar ein Piercer. Aber was fehlt noch für den perfekten Look? Eine schicke Frisur. Und tatsächlich kann man sich am Stand von Pueblo die Haare schneiden lassen.

19. Auf 14 verschiedene Arten kann man sich auf dem Südring einen Gehirnfrost wie in Kindheitstagen holen: So viele Sorten hat ein Slush-Eis-Verkäufer aus den Niederlanden im Angebot. Und dass auch noch Erwachsene daran Spaß haben, beweisen Sorten wie Mojito und Aperol Spritz. „Griezelig lekker“, behauptet die Werbung.

20. „Wie süß, da hat sich jemand als Hai verkleidet!“ Der Mann, der sich am Samstag auf der Viktoriastraße so freute, musste sich nur wenige Sekunden später den Spott seiner Freunde anhören – als die entdeckten, dass da nur jemand gehüllt in blaues Plastik mit Reservoir auf dem Kopf Kondome verteilte.

21. bis 30.: Fliegengitter, Pinte und Standpauke der Polizei

21. Die Menschenmassen drängen gewöhnlich erst gegen Nachmittag durch die Straßen. Nur ein Laden im Bermudadreieck ist auch in diesem Jahr schon wieder randvoll, während andere gerade erst ihre Tische eindecken: die Pinte.

22. Am Sonntag spielen die Kassierer bei Bochum Total, und die Band um Wolfgang Wendland ist sogar noch älter als das Festival. Mower gibt es hingegen erst seit 2015. Macht aber nichts. Die Stoner-Rock-Band hat sich am Donnerstag im Riff den Titel „Campus RuhrComer“ erspielt.

23. Schon was los bei Bochum Total – oder lohnt sich der Weg noch nicht? Das kann man ganz bequem zu Hause herausfinden, denn eine Wetter-Webcam sendet live Bilder von der Kortumstraße im Bermudadreieck. Hier ist der Link.

24. Haarbänder, Handyladekabel, sogar Plastikblumenketten kann man auf einem Festival irgendwie gebrauchen. Aber was macht ein Stand für Fliegengitter bei Bochum Total?

25. „Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt stehen!“ Von Flughäfen und Bahnhöfen kennen wir den Satz. Der ertönt bei Bochum Total zwar nicht in Dauerschleife aus Lautsprechern, aber jeder Besucher kann sich denken, dass ein einsamer Rucksack auf einer Kreuzung die Polizei auf den Plan ruft. So geschehen am Freitag vor der 1Live-Bühne. Ein Mann hatte ihn dort abgestellt, um ausgelassen tanzen zu können – und eilte gleich zu seinem Gepäck, als die Beamten anrückten. Es gab eine ordentliche Standpauke.

26. Die IG Metall hat ein Zelt auf der Viktoriastraße aufgeschlagen und möchte die Festivalbesucher mit dem Spruch „Kein Snack/Keine Revolution“ anlocken. Ob das Popcorn, das sie gleichzeitig verteilen, nicht eher zum Zurücklehnen und Zuschauen animiert?

27. Ein Bier ist schnell gezapft und eine Bratwurst schnell gegrillt. Doch die Mitarbeiterinnen des Bowle-Stands auf dem Südring hatten am Samstag schon drei Stunden vor Öffnung damit angefangen, kistenweise Erdbeeren zu putzen und zu schnibbeln.

28. „Lächeln und winken“ heißt es bei den „Pinguinen von Madagascar“. Dieses Motto scheinen auch die Security-Mitarbeiter verinnerlicht zu haben, die an den Absperrungen in der Innenstadt stehen und den Autofahrern klar machen müssen, dass es an diesen Stellen nun wirklich nicht weiter geht. Buddha wäre stolz auf dieses Team.

29. Bochum Total hat viele Fans. Und bei welchem Merchandise-Artikel können Fans nicht widerstehen? Bei Shirts! Die Jubiläumsauflage war am Samstagnachmittag am Stand des Veranstalters ausverkauft. Siehe Punkt 4. Was es wohl kosten würde, sich ein Shirt nur aus Festivalbändchen zu nähen?

30. Normalerweise schauen sich nur Security-Mitarbeiter die Backstage-Pässe ganz genau an. In diesem Jahr guckten aber auch die VIPs selber hin: Auf jedem Pass waren vier verschiedene historische Plakate von Bochum Total zu sehen. Das von 1998 zierte der Fußballweltmeisterschaftspokal, in den späten 80ern reichte eine „coole“ Eistüte auf schwarzem Grund, in den 90ern gab’s noch dicke Zigarettenwerbung.

 
 

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