Ein gereizter Campino nennt Spott über "Band-Aid 30" zynisch

Band Aid vereint viele der bekanntesten deutschen Musiker in einem Song. Die Kritik an dem Projekt kann Toten-Hosen-Sänger Campino nicht verstehen.
Band Aid vereint viele der bekanntesten deutschen Musiker in einem Song. Die Kritik an dem Projekt kann Toten-Hosen-Sänger Campino nicht verstehen.
Foto: dpa
"Do they know it's Christmas?" schmettern Teilnehmer von "Band Aid 30", um Geld für den Kampf gegen Ebola zu sammeln. "Do they know it's scheiße?", fragt Jan Böhmermann und kritisiert die Aktion mit beißender Ironie. Jetzt widerspricht Initiator Campino: Die Kritik sei zynisch.

Essen.. Campino hat auf die vielfache Kritik an seinem Projekt "Band Aid 30" reagiert. In einem Interview mit dem Radiosender Eins Live sagte der Tote-Hosen-Sänger: "Es ist eine zynische Geisteshaltung, Benefiz und Charity so anzugreifen. Ich fände es toll, wenn wir aufhören würden, in dieser Form über Befindlichkeiten hier vor Ort zu reden." Thema müsse vielmehr die Katastrophe in den betroffenen Ländern sein. Und: "Ich kann an dem Kampf (gegen Ebola, d. Red.) und an diesem Einsatz nichts verwerfliches finden."

Der Sänger zeigte sich auch persönlich angegriffen. "Ich bin todtraurig, dass die ganze Diskussion zu einem Personality-Bashing von Geldof und mir geworden ist." Auf die Frage des Interviewers, wohin das eingespielte Geld gehe, reagierte Campino gereizt - er nannte die Frage "dusselig", weil die Verteilung des Geldes von der Größe der zusammengekommenen Summe abhänge.

Schockeffekte für den guten Zweck

Zuvor hatten sich, keine Woche nach Veröffentlichung der deutschen Version von „Do They Know It's Christmas“ bereits erste Künstler vom „Band Aid 30“ Projekt distanziert. In einem ausführlichen Facebook-Post teilt Sänger Patrice mit, dass seine Zusage zur Teilnahme am Charity-Song „wohl überstürzt war“.

Patrice Bart-Williams, dessen Vater aus Sierra Leone stammt, kritisiert unter anderem die Effekthascherei durch die Anfangssequenz des Musikvideos, das den Abtransport eines Ebola-Opfers zeigt. „Die Würde der darin gezeigten Frau wird vollkommen missachtet. Sie ist kein 'anonymes Ebola-Opfer', sondern ein Mensch mit Eltern, Freunden, Verwandten, vielleicht Kindern. Wie mögen die sich fühlen, wenn dieses 'anonyme Ebola-Opfer' weltweit so präsentiert wird?!“ (...) Ich möchte nicht, dass jemand zur Erzielung eines Schockeffekts auf derart entwürdigende Weise instrumentalisiert wird. Auch nicht für einen guten Zweck.“

Der Singer-Songwriter bezeichnet das Video deshalb als „krassesten Charity Porn“. Campino verteidigte die Bilder: "Man kann darüber diskutuieren, ob man die Situation zeigen soll, wie sie ist, oder ob wir die Nation weiter schlafen lassen wollen."

Patrice kritisiert in seinem Beitrag insbesondere das Bild von Afrika, das im Rahmen des Wohltätigkeitsprojektes gezeichnet wird. So verwende „Band Aid 30“ im Logo die Kontur des afrikanischen Kontinentes. „Ebola hat in drei relativ kleinen Ländern eines riesigen, aus 54 Nationen bestehenden Kontinents epidemische Ausmaße erreicht. Dass 99% des Kontinents nicht betroffen sind, wird durch das 'Band Aid 30'-Logo komplett überlagert. Ebenso, dass zum Beispiel in Senegal und Nigeria Ebola erfolgreich bekämpft und bezwungen wurde, und zwar ganz ohne Hilfe von außen“, schreibt Patrice.

Im Statement bekommt auch Initiator Bob Geldof sein Fett weg, der unter anderem Adele öffentlich dafür kritisiert hatte, nicht am Projekt teilnehmen zu wollen. Auch der deutsche Komiker und Moderator Jan Böhmermann lederte in seiner aktuellen „Neo Magazin“-Sendung gegen „Band Aid 30“, das in Deutschland unter der Leitung von Toten-Hosen-Sänger Campino organisiert wurde.

Böhmermann weist auf Universal-Einfluss hin

In seinem Beitrag, der seit Donnerstag in den Sozialen Medien herumgereicht wird, weist Böhmermann auf den Einfluss der Plattenfirma Universal Music hin. Am Projekt beteiligt sind in erster Linie Künstler des Majorlabels, viele von ihnen promoten gerade ein neues Album oder eine Tour. Da Universal den Song vertreibt, ist das Video wegen des GEMA-Streits mit YouTube in Afrika zum Beispiel nicht abrufbar.

Böhmermann hinterfragte den Sinn des Charity-Songs, der durch „künstlerisches Engagement“ Spenden im Kampf gegen Ebola sammeln will, der aber selbst von den Beteiligten diskreditiert wird. Auch Campino bezeichnete es in einer Videobotschaft als „zweitrangig“, ob einem der Song gefalle oder nicht.

Die deutschen Musiker hätten sich auch durch sich durch eine Spende beteiligen können, anstatt wie „Tatort“-Star Jan-Josef Liefers einen Tag nach der Veröffentlichung für einen viertätigen Kurzurlaub nach New York zu fliegen, so Böhmermann, der seine Sendung unter das Twitter-Motto "#DoTheyKnowItsScheisse" stellte.

Immerhin, so Patrice auf Facebook, bewege das Projekt, sich „intensiver mit den Themen 'Ebola', 'Entwicklungshilfe' und 'Afrika-Klischees' auseinanderzusetzen (…) - auch wenn das wohl kaum die ursprüngliche Intention von 'Band Aid 30' gewesen sein dürfte.“

 
 

EURE FAVORITEN