Die Geister des alten Europa

Velvet Underground
Velvet Underground
Foto: unbekannt
Er gilt als Meister des Avantgarde-Rock und war Gründer der Kunstrock-Band Velvet Underground. Bei der Ruhrtriennale trat John Cale jetzt gemeinsam mit den Bochumer Symphonikern auf. Der Auftritt in der Essener Lichtburg wird im Gedächtnis bleiben.

Essen..  In Anzug und Krawatte steht er ernst und konzentriert an seinem Keyboard, der 69-jährige John Cale aus Wales, Mitglied der legendären Velvet Underground, Solokünstler und Produzent (Stooges, Patti Smith), die Bochumer Symphonikern und seine dreiköpfige Band im Rücken. Gemeinsam zelebrieren sie „Paris 1919“, das Meisterwerk des klassisch ausgebildeten Cale.

Das Album aus dem Jahr 1973 enthält Kammerpop-Songs von raffinierter Eingängigkeit, von Streichern umschmeichelt und akzentuiert, voller literarischer und historischer Anspielungen. Im passenden Ambiente des ehrwürdigen Essener Lichtburg-Kinos sind es die Bochumer Symphoniker, die den ursprünglich eher verhaltenen Arrangements zu dichterer Dynamik verhelfen.

Zwischen Neo-Romantik und Minimalismus angesiedelt, schwelgt der Liederzyklus in zeitloser Eleganz, liefern die Bläser einen oft bedrohlichen Hintergrund, verstärken die elementare Melancholie. „Paris 1919“ gewinnt lyrisch durch die Vermengung von Namen und Orten, kreiert eine Atmosphäre von Einsamkeit und europäischer Welt-Verdrossenheit.

Applaus für einen Abend, der im Gedächtnis bleibt

Dünkirchen, Berlin, Paris, die Einsicht bleibt gleich. „We’re so far away“, man ist überall weit weg. Und auch „people always bored me any-way“, die Menschen langweilten mich schon immer, singt er im ergreifenden „Half Past France“. Wie ein Geist taucht Graham Greene auf, ebenso wie Dylan Thomas, Cales Landsmann.

So viele Orte, so viele Namen. Nach der Pause scheint die Spannung nachzulassen, Cale stellt ein paar Songs seiner neuen EP „Extra Playful“ vor, doch dann kehren die Symphoniker zurück, holen mit der Band noch einmal groß aus und erhöhen Werke aus Cales umfangreichem Repertoire. „Riverbank“ wird zur großen, mächtigen Elegie, und „Captain Hook“ vom brachialen Album „Sabotage – Live“ zeigt John Cale in seiner paranoiden Mittelphase der späten Siebziger.

„I tried to break India’s back, but she broke the back of me“, resümiert er als gescheiterter Ritter des britischen Kolonialismus, und wenn das Orchester sich aufschwingt, die tosenden Wellen eines unbarmherzigen Ozeans zu vertonen, bleibt einem fast der Atem stehen. Begeisterter Applaus für einen Abend, der im Gedächtnis bleiben wird.

 
 

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