1956 - Bill Haley und die Revolte der Schmalzlocke

Essen.. Der 30. Dezember 1956 ist ein Sonntag. In Dortmund machen rund 4000 „Halbstarke“ die Straßen rund um das Kino „Capitol“ unsicher. Sie belästigen Passanten, schmeißen Steine auf Autos, legen sich mit der Polizei an. Sie lassen ihre Wut raus, ihren Frust über die autoritäre, miefige Enge der Adenauer-Republik. Der Film, den sie im „Capitol“ gesehen haben, öffnet ein Ventil.

„Außer Rand und Band“ heißt der US-Streifen (Original: „Rock Around The Clock“), und er erzählt die Geschichte des Rock’n’Roll-Stars Bill Haley. Die Handlung ist Nebensache. Was die Jugendlichen elektrisiert, sind die acht im Film gespielten Haley-Hits. Laute Gitarren, wilder Tanz, Rock’n’Roll – endlich hat eine unzufriedene Jugend ihre eigene Musik. Endlich kann sie Rebellion zeigen gegen die Generation der Eltern.

Bill Haley als Auslöser für Jugendkrawalle und Protestkultur – welch eine Ironie der Rock-Geschichte! Denn: William John Clifton Haley Jr., der am 6. Juli 1925 im Bundesstaat Michigan geboren wurde, war kein Rebell, kein Provokateur. Er war Unterhaltungsmusiker. Ein rundlicher Herr im korrekten Sakko, auf der Stirn eine Schmalzlocke, die davon ablenken sollte, dass er mit vier Jahren das linke Augenlicht verloren hatte. Als Yodeling Bill Haley wurde er 1946 zum besten Jodler Amerikas gewählt. Dann zog er jahrelang mit Country- und Western-Musik durchs Land.

Der erste Hit der Rock-Geschichte

Anfang der 50er Jahre entfernten sich Bill Haley & His Saddlemen vom Country. Sie mischten weißen Country und Dixieland mit dem Rhythm’n’ Blues schwarzer Musiker, die im nach Rassen getrennten Showgeschäft kaum Chancen hatten. Haley entschärfte die oft erotischen Texte der schwarzen Vorlagen, presste die Musik in sein schematisches Rhythmuskonzept und setzte zum ersten Mal die E-Gitarre als Leitinstrument ein. Neue Töne. Erfolgreiche Töne.

Im Sommer 1953 – Haley hatte den Namen seiner Gruppe in Bill Haley & His Comets geändert – schaffte das von ihm geschriebene „Crazy Man, Crazy“ den Sprung in die Top 20. Der erste Hit in der Geschichte des Rock: mehr als 750 000 Mal wurde „Crazy Man, Crazy“ verkauft.

Der Begriff „Rock’n’Roll“, den der Radio-DJ Alan Freed seit einem Jahr benutzte, hatte sich allerdings noch nicht durchgesetzt. Amerika sprach vom „Haley-Sound“, die Plattenfirmen klebten auf Haleys Veröffentlichungen das Etikett „Foxtrott“. Auch auf den Song „Rock Around the Clock“, der am 15. Mai 1954 als B-Seite von „Thirteen Women“ erschien – und nach einer Woche auf Platz 23 der Charts wieder verschwand.

Zum Welterfolg und zur „Marseillaise der Teenager-Revolution“, so die Rock-Geschichtsschreiberin Lillian Roxon, wurde „Rock Around the Clock“ erst ein Jahr später, und zwar durch den Spielfilm „Die Saat der Gewalt“ (Original: „Blackboard Jungle“). Regisseur Richard Brooks thematisierte in diesem, mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ versehenen Film Jugendkriminalität und Hass der Generationen. Den Song „Rock Around the Clock“ setzte Brooks gleich zweimal ein: im Vorspann und noch einmal am Ende des Streifens.

Krawalle, Tumulte, kollektive Hysterie

Der Film verlieh Bill Haleys eigentlich harmlosem Musikstück das Image von Auflehnung und Aufruhr. Und dieses Image faszinierte: Die Jugendlichen, frustriert und aggressionslustig, verstanden „Rock Around the Clock“ als ein Zeichen des Aufbruchs. Krawalle, Tumulte, kollektive Hysterie. Bilder und Berichterstattung gaben dem Rock’n’Roll die Bedeutung einer Anti-Establishment-Jugendkultur.

„Rock Around the Clock“ wurde von der Plattenfirma Decca im Sommer 1955 noch einmal als A-Seite veröffentlicht und setzte sich von Juni bis August auf Platz 1 der US-Charts fest.

Hollywood reagierte mit einem Rock’n’Roll-Film: „Rock Around the Clock“ kam im März 1956 in den USA, im September 1956 in Deutschland ins Kino. Der deutsche Titel „Außer Rand und Band“ war Programm: Während der Vorstellung brachen randalierende „Halbstarke“ Stuhlreihen kaputt, anschließend demolierten sie Telefonhäuschen und riefen Sprechchöre wie „Rock and Roll“. In allen Großstädten gab’s Straßenschlachten mit der Polizei. Auch auf der Hansa-straße in Dortmund.

Als erster Star der Rock-Geschichte reiste Bill Haley 1957 in andere Kontinente, um dort Konzerte zu geben. Im Herbst 1958 kam er nach Deutschland. Sein Publikum wollte Rock’n’Roll, musste aber – weil die Tourneeleitung es so wollte – während der ersten Hälfte des Abends Kurt Edelhagens Big Band hören. In Essen und Hamburg kam es zu schweren Krawallen. Im Berliner Sportpalast türmte Haley vor der Saalschlacht von der Bühne. 50 000 Mark Schaden, 50 Verletzte und 18 „Halbstarke“ in Polizeigewahrsam – so lautete die Bilanz.

Mit „Skinnie Minnie“ hatte Bill Haley 1958 seinen letzten Hit. Zwei Jahre später floh er vor der Steuerbehörde nach Mexiko, kehrte 1966 in die USA zurück. Am 9. Februar 1981 starb der Mann, der den Rock’n’Roll populär gemacht hat, in seinem Haus in Harlingen, Texas. Bill Haleys Leichnam wurde eingeäschert.

Ein Grab ist nicht bekannt.

Chronologie: Das Jahr 1955

Am 5. Mai 1955 – zehn Jahre nach der Kapitulation – wird die Bundesrepublik ein souveräner Staat. Und Mitglied der NATO, dem westlichen Verteidigungsbündnis. Die sozialistischen Länder reagieren mit der Bildung des Warschauer Paktes. Der Ost-West-Gegensatz wird zementiert.

Im September 1957 gewinnen CDU/CSU bei den dritten Bundestagswahlen die absolute Mehrheit. Mit dem Slogan „Keine Experimente!“ bleibt Konrad Adenauer Kanzler. „Die Leute hatten die Nazisauerei hinter sich und wollten es verdrängen“, erklärt Udo Lindenberg: „Das Volk schaffte ganz brav und baute neue Häuschen auf. Und die Jugend – mit’m Schlips in die Kirche und nie die Schnauze aufmachen.“

Die USA stehen noch unter dem Antikommunismus (und der politischen Verfolgung Andersdenkender) der McCarthy-Ära. Amerika fühlt sich bedroht, denn die Sowjets schicken Satelliten ins All („Sputnik-Schock“, 4. Oktober 1957) und starten die erste Interkontinentalrakete.

1955 werden die ersten McDonald’s-Restaurants eröffnet – ebenso der Freizeitpark Disneyland in Kalifornien. Die globale Normierung der Geschmacks- und Erlebniswelten beginnt.

 
 

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