Morgen ist Kulturhauptstadt

Gudrun Norbisrath

Essen. Ein kluger Traum und ein schönes Fest: es ist soweit, morgen ist Kulturhauptstadt. Dass die Stimmung gigantisch und die Erwartung überschäumend wären, wird man nicht behaupten dürfen; die Zeiten sind nicht danach.

Wer Sorgen hat, weil das Leben immer teurer wird, feiert nicht ohne Weiteres. Die Kulturhauptstadt ist allerdings nicht irgendein Weiteres.

Wir haben sie herbeigewünscht als etwas Großes; etwas, das schöne Bahnhöfe, herrliche Konzerte, Ausstellungen und ganz großes Theater bringen werde, und Touristen und ein neues Image. Wie jede Begeisterung wurde auch diese von der Zeit dezimiert; und Kunst und Geld, das bleibt eine schwierige Geschichte. Zuversicht und Vorfreude begegnen heute dem bitteren Satz: Und 2011 machen sie dann die Theater dicht. Wenn es so käme – sie hätten nichts gelernt. Gar nichts. Aber kommt es so?

Sie, wir alle haben etwas gelernt: dass die Kulturhauptstadt eine Bewegung ist. Die Bewerbung der Region um den Titel war der erste Schritt zu einer neuen, fast unglaublichen Solidarität; Theater, Museen, Kunst- und Heimatvereine handeln gemeinsam, die Musikszene gestaltet ein Jahr lang eine Hommage an Hans Werner Henze.

Die Kulturhauptstadt hat einen Traum

Dessen Kunst sich übrigens nicht an eine kleine Avantgarde wendet; Ruhr.2010 ehrt ihn auch deshalb, weil er sich und sein Werk in sozialer Verantwortung sieht. Soviel zum Thema: alles nur Hochkultur. Gegen die natürlich rein gar nichts spricht, bei uns wird aber die Skepsis vor der vermeintlichen Schwelle vererbt, obwohl die Enkel der Bergarbeiter Philosophielehrer sind.

Die Kulturhauptstadt hat einen Traum: Sie will einen neuen Geist begründen und die alten kohlenstaubdüsteren Bilder verdrängen. Es ist ein vernünftiger Traum, und er kann wahr werden. Ruhr.2010 kann der Welt zeigen, dass es zwischen Dortmund und Duisburg mehr gibt als verlassene Zechen; dass die eigenwilligen Orte des Reviers eine junge Kreativwirtschaft anziehen und in den Ruinen der Industrie Kunst entsteht, die zum Markenzeichen geworden ist. Wer das sehen will, muss herkommen.

Aber die Kulturhauptstadt darf nicht nur klug sein. Kunst kann die Seelen erreichen und den Weg in eine andere Dimension öffnen; das muss gelingen, bei den Menschen, die hier leben. Dann wird die Euphorie zurückkehren. Wenn dann diese Kunst auch noch bewirkt, dass aus der missachteten, gebeutelten Region eine bewunderte Metropole wird: umso besser. Dann wird 2010 ein Fest und 2011 kein Theater geschlossen.