Mit Kunst muss man rechnen

Foto: ullstein bild

Essen.. Drei Meldungen zur Lage der Kulturschaffenden in Deutschland: Das „Selbstbildnis“ des Fotografen Thomas Struth wurde bei Sothebys unlängst für eine halbe Million Euro versteigert. Bei der Verleihung der Deutschen Filmpreise in Berlin wurde der Lola-Gewinner „Vincent will Meer“ mit 250 000 Euro belohnt. Die Zahl der Beschäftigen an deutschen Theatern, die in einer Stunde weniger als fünf Euro verdienen, ist in den letzten Jahren um 30 Prozent gestiegen.

Zahlen, die belegen, wie weit die Schere im Kulturbetrieb auseinandergeht. Kunst macht einen Bruchteil der Kreativen berühmt und erfolgreich. Aber Kunst macht auch arm. Wer es genau wissen will, der schlägt den „Report Darstellende Künste“ auf. Die gerade vorgelegte Untersuchung vom Fonds Darstellende Künste zusammen mit der Kulturpolitischen Gesellschaft ist die bisher umfassendste zur Lage der Kulturschaffenden in Deutschland. 700 Seiten voller Statistiken, Säulendiagramme. Alarmierendes Fazit: Immer mehr Künstler, seien es nun Tänzer, Schauspieler, Bildhauer oder Maler, leben am Rande des Existenzminimums. Ihr Durchschnittseinkommen ist gering, die soziale Absicherung praktisch gleich null, Selbstausbeutung üblich, Altersarmut programmiert.

Fast jeder zweite Kreative hält sich nur mit Nebenjobs über Wasser

Fast jeder zweite der 2009 erfassten 36 600 Theater- und Tanzschaffenden lebt heute nicht vom Musenkuss allein, sondern im Zweifelsfall vom Unterrichten in VHS-Kursen oder Musikschulen, zur Not auch vom Aushilfsjob an der Supermarktkasse. Die meisten haben nicht nur wenig Geld, sondern auch wenig Erfahrung mit dem Dasein als Kultur-Kleinunternehmer.

Axel Rube kennt solche Fälle. Jahrelang hat der Essener Coach Mittelständler und Existenzgründer für den Markt fit gemacht. Inzwischen berät F.I.R.M.-Consult nicht nur Unternehmer, sondern auch Maler, Fotografen, eine Jazz-Sängerin und Clownin.

Freie Künstler sind nicht gerade die klassische Klientel für eine Unternehmensberatung – mit Durchschnittseinkommen von 12 300 Euro im Jahr – und meist bescheidenen Aufstiegsmöglichkeiten. Rube möchte seine Existenz-Künstler trotzdem nicht missen: „Solange es Spaß macht, kann ich anders rechnen.“

Und es macht Spaß, wenn der Diplom-Volkswirt von Vorzeige-Klienten wie dem Ruhrgebiets-Fotografen Carsten Klein erzählt, der es nach ersten lokalen Ausstellungen unlängst bis auf die Short List beim Sony World Photography Award in London geschafft hat.

Oder vom Erfolg des Essener Künstlers Thomas Mack. Seit zehn Jahren hat Mack sein Atelier auf Zollverein, ein Pionier auf der Welterbezeche. Rube hat seinen Werdegang begleitet: Bewerbung einreichen, Gespräche führen, Druckpresse besorgen, Strategien entwickeln. Seit ein paar Jahren läuft das Geschäft.

Rube hilft, wo die Kunst manchmal schnell am Ende ist. Im Antrags-Dickicht, bei der Selbstvermarktung, bei der Kalkulation und Vernetzung. Wie komme ich an Aufträge? Welche Förderprogramme kommen für mich in Frage? Wichtige Fragen für ein Künstler-Coaching.

Wirtschaftlich denken, anders geht’s nicht

Dabei gelten Tanz, Malerei, Musik nicht eben als Berufe, in denen man sich mit Businessplan und Karriere-Knigge an die Spitze befördert. Die romantische Mär vom armen, aber genialen Künstler, sie ist auch im 21. Jahrhundert noch nicht aus den Köpfen verschwunden. Und da setzt Rube an: beim Bewusstsein. „Wenn man sein Ziel klar vor Augen hat, erreicht man das auch.“

Zwischen 20 und 30 Kreative kommen inzwischen zu seinen Kunst- und Kulturtreffen. Die meisten sind über Jobcenter, IHK oder Mund-Propaganda auf die Runde aufmerksam geworden. Viele bringen zu den Treffen nicht nur Ideen und Knabberzeug mit, sondern oft auch unerfreuliche Erfahrungen von fruchtlosen Amts-Gängen. Arbeitslose Maler gelten bei der Agentur für Arbeit in etwa so leicht vermittelbar wie Astronauten.

Immerhin, wer aus der Arbeitslosigkeit kommt und sich selbstständig macht, hat im ersten Jahr Anspruch auf ein Gründercoaching. 90 Prozent des Beraterhonorars übernimmt die Agentur für Arbeit. „In dem Jahr kann man ein Fundament legen, dafür sorgen, dass sich die Leute nicht selber ausbeuten“, sagt Rube. Einen Vorsatz gelte es dabei unbedingt zu beherzigen: Beraten lassen sollte sich nur der, der bereit sei, zumindest zu 51 Prozent wirtschaftlich zu denken. „Anders geht’s nicht.“

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