Mit der Eiszeitlupe

Essen. Über kühle Ästhetik, die Notwendigkeit Kunst zu machen und die Leichtigkeit eines Lächelns - der Düsseldorfer Ben J. Riepe gehört zu den wichtigsten Nachwuchschoreografen, nicht nur in Nordrhein-Westfalen. Ein Porträt.

// »Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich vollkommen wohl fühle«, sagt Ben J. Riepe und bekennt sich zum Choreografendasein. Dabei wirkt er eigentlich nicht wie ein Mensch, der am Ziel seiner Träume angekommen ist. Leise spricht er, irgendwie kraftlos. Kaum hat Riepe im Restaurant des »tanzhaus nrw« Platz genommen, greift der rot-blonde Künstler zur Gauloise-Packung. Riepe ist erschöpft. Kein Wunder, gerade aus China zurück, probt der 29-Jährige trotz Jetlag mit seiner Kompanie schon »amour espace« für das Gastspiel in Riga/Lettland in der kommenden Woche. Ihm macht auch die frühsommerliche Wärme ein wenig zu schaffen, die sich unter dem Glasdach staut. Einem Profi-Tänzer wie ihm? »Ich trainiere schon seit vier Jahren nicht mehr«, sagt Riepe. »Ich habe im Leben genug trainiert.« Das knappe Top offenbart einen ansehnlichen Körper, der ihm diese Abstinenz offensichtlich nicht übel nimmt.

Seit vier Jahren konzentriert Ben J. Riepe sich aufs Choreografieren, obwohl er als Tänzer durchaus gefragt war. Nach einem Tanz- und anschließendem Postgraduiertenstudium Choreografie an der Folkwang Hochschule in Essen engagierte Pina Bausch ihn seit 2002 immer wieder für ihr »Frühlingsopfer«, einmal auch für das »Tannhäuser Bacchanal«. Riepe tanzte für VA Wölfl in »Winged nightmare left wing«, arbeitete außerdem mit Morgan Nardi und Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola. Dass er selbst ein kreativer Geist ist, hat Riepe in den vergangenen Jahren bewiesen. Mit »Weiße Ratte« machte er 2005 regional auf sich aufmerksam. Mit »Happy End – dealing night again« gastierte er 2007 dann schon international, bei Impulstanz Wien, in Paris und Lausanne. Ein choreografischer Austausch im Rahmen des Tanzhaus-Projektes »Chin-A-Moves« führte ihn soeben nach China, nun reist er mit »amour espace« nach Riga, anschließend schickt ihn das Goethe-Institut nach Mexiko zum Festival de Mayo. Für sein aktuelles fünfteiliges Performance-Projekt »Aktion: Üben Schönheit zu sehen. Liebe, Tod und Teufel« fand er Koproduktionspartner in Düsseldorf, Bonn, Bremen und Tilburg/Niederlande.

Der kühle Ästhet hat sich mit seinen von der bildenden Kunst inspirierten Kreationen, angesiedelt zwischen Tanztheater und Installation, in die vorderen Reihen des deutschen Nachwuchses choreografiert. Riepe entwirft kunstvolle Phantasmagorien, Universen zwischen Tag und Traum, in die er lebende Skulpturen platziert. Das Sympathische dabei: Er nimmt sich selbst nicht zu ernst, legt über seine minimalistischen Tanzstücke bei aller Formstrenge ein Lächeln.

Das Nomadentum des Künstlerdaseins empfindet Ben Riepe als Bereicherung. »Es ist ein Geschenk, dass ich viel sehen und mich in neue Strukturen und Mentalitäten einfühlen kann«, schwärmt er. Man müsse halt die Einsamkeit ertragen und in sich tragen. Und die ständig wechselnden sozialen Bindungen? »Manche bleiben. Aber ich lasse mich nicht mehr so schnell ein. Ich habe eine starke Familie und einen festen Bekanntenkreis.« Für Ben Riepe bedeutet Unterwegssein Lebensqualität. Kürzlich ist er von seiner Heimatstadt Witten nach Düsseldorf gezogen – ins Provisorium ohne rechte Küche oder Wohnzimmer. »Ich habe mich nirgends eingerichtet«, stellt er ohne Bedauern fest. »Ich habe gern wenig bei mir. Es gibt mir das Gefühl, frei von Ballast und für Neues zu sein.«

Die jüngsten Erlebnisse in China hängen ihm noch nach. Die Arbeitsbedingungen seiner jungen asiatischen Kollegen sind mit den hiesigen Verhältnissen nicht zu vergleichen: »In einer solchen Diktatur entsteht die Underground-Kunst nicht aus dem Wunsch nach Bestätigung, sondern aus der Notwenigkeit, Kunst zu machen.« Seine Eindrücke will er in den zweiten Teil seiner »Aktion: Üben Schönheit zu sehen« einfließen lassen.

Nach Bild I, »Das Schachbrettzimmer«, widmet Riepe sich in »Schwarzer Raum« dem Teufel und »Hässlichkeit im schönen Sinne« – dabei will er aber nicht intellektualisieren. Riepes Verständnis von Ästhetik setzt sich bewusst vom herkömmlichen, normierten Schönheitsbegriff ab. »Ich nehme mir die Freiheit, schön zu finden, was nicht von Werbung und Medien suggeriert wird«, erklärt er. »Schwarzer Raum« also präsentiert sich in »teuflisch schöner Verpackung«. Im »Schachbrettzimmer« demontierte Riepe bereits die Makellosigkeit des Raumes, auch indem er ihm durch seine Abgeschlossenheit etwas Unheimliches gab – ein postmortaler, unentrinnbarer Ort? Über der schwarz-weißen Sterilität schwebte Sartres Geist.

Auch »amour espace« ästhetisiert dunkle Momente, wenn auch abstrakt. »Ich finde es nicht schlimm, etwas schön zu finden, das für andere moralisch zu verurteilen oder grausam ist«, gesteht Riepe ein. Ein heruntergekommenes, besprühtes Fabrikgebäude nennt er als Beispiel, einen alten Menschen oder ein totes Tier auf der Straße. Man denkt an Gregor Schneider und seinen radikalen Ansatz, den Tod öffentlich zu inszenieren, Sterbende auszustellen. Soweit würde Ben J. Riepe nicht gehen: »Jeder Mensch hat in dieser Stunde ein Recht auf Privatsphäre. Und doch möchte in diesem Moment niemand allein gelassen werden – darum geht es«, glaubt er. Beide Künstler treffen sich in ihrer Kritik an einer fehlenden Sterbekultur. Riepe: »Ich denke, Gregor Schneider wollte einfach diesen Diskurs anstoßen. Wie er das getan hat, das wäre nicht unbedingt meine Art.«

Ben Riepe will mit seinen geheimnisvollen Bildwelten nicht schockieren, allenfalls irritieren und berühren. Er versucht eine tiefere Verständnisebene beim Zuschauer anzusprechen. »Ich habe keine Message, mache nur ein Angebot. Wer möchte, kann ein Erlebnis mitnehmen, das vielleicht noch einmal als Bildwelt in ihm aufsteigt«, sagt er. Im schönsten Fall hätte der Choreograf einen »inneren Schatz« mit auf den Weg zu geben.

»Liebe, Tod und Teufel« ist als fünfteilige, innerhalb eines Jahres entstehende Serie ein ungewöhnliches Format. Damit will Riepe nicht etwa an die serielle Kunst der 1960er Jahre oder die Tanzsysteme einer Trisha Brown anknüpfen. »Ich möchte mehr und schneller arbeiten können, Stücke raushauen, um stärker auf das reagieren zu können, was ich aufnehme.« Die Förderstrukturen ließen lediglich ein Projekt im Jahr zu. Nicht genug für einen ambitionierten Jungchoreografen mit akuter Kreativität.

Anregungen holt Riepe sich in der Literatur, in Kunstbildbänden, in Museen. Die bildende Kunst, sagt Riepe, interessiere ihn formal, konzeptionell und auch ästhetisch mehr. Sie sei weiter entwickelt als die darstellende Kunst. Daher tanzt sie bei ihm auch ästhetisch die Hauptrolle. Wer die formstrengen, eingefrorenen Bilder betrachtet mit ihrer gemeißelten Sprödheit im präzisen Lichtdesign, wer den kalten Humor spürt und sich dabei ertappt, wie er über die eigene Wahrnehmung nachdenkt, der fühlt sich unwillkürlich an VA Wölfl erinnert. Ein Vergleich, den der Künstler, der drei Monate bei NEUER TANZ war, gar nicht gerne hört. Da wird der ruhige Riepe beinahe ungehalten: »Ich habe viel von ihm gelernt und ich schätze seine Arbeit immer noch, aber es gibt phänomenale Unterschiede«. Er, Riepe, sei nun mal ebenfalls ein Folkwang-Absolvent, doch in seiner Kunst viel theatraler, inhaltlicher, er arbeite ganz anders mit den Tänzern. Er suche weniger den Effekt, er wolle über seine Tänzer Gefühle im Zuschauer ansprechen. »Was ich bei Wölfl gelernt habe, ist, dass ich die bildende Kunst nicht als andere Disziplin verstehen muss«, erklärt er.

Was VA Wölfl und Ben J. Riepe, der übrigens mit dem Abitur auch einen Schneidergesellen machte, außerdem gemeinsam haben, ist ein Händchen fürs Marketing – man denke nur an die verrätselten Stücktitel. Riepes medienwirksames Hundecasting für eine Performance im tanzhaus schaffte es bis ins Fernsehen, seine Auto- show war ein nächtliches Spektakel. Was allerdings ein Markenzeichen zu werden verspricht, ist das Motiv des Zwillings. In »Happy-End – dealing night again« bewegen sich zwei Männer in weißen Unterhemden synchron, in »amour espace« gibt es Doppelgänger, durchs »Schachbrettzimmer« schieben sich ein roter und ein blauer König. Eine Erklärung dafür hat Riepe eigentlich nicht. »Jetzt wird’s tiefenpsychologisch«, frotzelt er auf die Frage nach seiner Familie. Zwei Brüder hat er zu bieten, zwei Schwestern und einen Vater, der ein eineiiger Zwilling ist. Das Leben bietet doch die schönste Inspiration. //

Text: Bettina Trouwborst / Erschienen in K.WEST - Ausgabe Juli/August 2008

 
 

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