Martin Stadtfeld - ein Starpianist, der Wanne-Eickel mag

Pianist Martin Stadtfeld am Rhein-Herne-Kanal: "Es gibt schönes und auch weniger schönes, wie überall."
Pianist Martin Stadtfeld am Rhein-Herne-Kanal: "Es gibt schönes und auch weniger schönes, wie überall."
Foto: Volker Hartmann/Funke Foto Services
Er gilt als begnadeter Bach-Spieler - und er lebt in Wanne-Eickel. Ein Gespräch mit dem Pianisten Martin Stadtfeld über Wohnsitze und Vater-Dasein.

Wanne-Eickel. Mit Bach an die Emscher? Martin Stadtfeld wird auf den internationalen Konzertpodien gefeiert. Seinen Wohnsitz hat er, ganz unglamourös, nach Wanne-Eickel verlegt. Lars von der Gönna sprach mit dem Musiker über väterliche Pflichten, Bach in unserer Zeit und die schwierige Lage der Städte in NRW.

Ihr Zuhause ist seit einigen Jahren Wanne. Sie fühlen sich wohl dort. Aber ist es dort schön?

Martin Stadtfeld: Es gibt schönes und auch weniger schönes, wie überall. Wanne ist einmal eine prosperierende Einkaufsstadt gewesen. Bei uns an der Ecke gibt es noch ein Pelzgeschäft,das diese Zeit erahnen lässt. Aber es hat sich einiges verändert, das muss man sagen.

Dabei gibt es wunderschöne Häuser in Wanne.

Stadtfeld: Nehmen Sie nur die Mozartstraße. Dort wurde 1912 von reichen Bürgern mit der Kaiserpassage die erste Ladenpassage des Ruhrgebietes eröffnet. Natürlich ist diese heruntergekommen, aber es ist prachtvolle Jugendstil-Architektur. Und einzigartig. Traurig, dass es nicht so gepflegt wird.

Es fehlt an Geld...

Stadtfeld: Ja, es ist in den Kommunen gerade hier eine Katastrophe. Die sind gelähmt, es gibt keinen politischen Spielraum mehr zum Gestalten. Man verwaltet nur noch die Mängel. Auf Dauer kann es so nicht weitergehen.

„Es gibt hier unheimlich viel zu entdecken.“

Einen Pianisten von Rang vermutet man nicht in Wanne-Eickel. Mussten Sie sich sehr überreden lassen, mit Bach an die Emscher zu kommen.

Stadtfeld: Nein, das war nicht nötig. Hier ist es nicht immer prachtvoll, aber auf den zweiten Blick gibt es unheimlich viel zu entdecken. Dass man den Städten ihre geschichtlichen Phasen ansieht, fasziniert mich, es hat etwas sehr Ehrliches. Mit den Menschen, mit denen man hier zusammenlebt, kann man sehr gut auskommen. Wir haben eine besonders angenehme Nachbarschaft und eine tolle Hausgemeinschaft. Es ist hier kein Gegeneinander, wie man das oft in Metropolen erlebt, es ist ein Miteinander, eine gelebte Solidarität, die sicher viel mit der Geschichte des Ruhrgebiets zu tun hat. Ich bin gerne hier.[kein Linktext vorhanden]

Heute früh um acht haben Sie Ihren Sohn in die Kita gebracht. Für die Pianistengenerationen vor Ihnen vermutlich noch undenkbar...

Stadtfeld: Ja, nach allem, was wir wissen, war es bei diesen Pianisten wohl nicht so. Ich finde es wunderbar, dass die heutigen Väter ein ganz anderes Rollenverständnis haben. Wenn ich morgens in die Kita gehe, kommen mir sehr viele Väter entgegen Wenn ich zuhause bin, bringe ich meinen Sohn jeden Tag dorthin.. Ich genieße das.

„Wenn ich spiele, mache ich die Tür zu.“ 

Und wie ist das, wenn ein Anderthalbjähriger um die Pedale herumspringt, wenn Sie hochkonzentriert Bach einstudieren?

Stadtfeld: Aus diesem Grund habe ich ein von der Wohnung separiertes Klavierstudio.. Anders geht es nicht. Wenn ich spiele, mache ich die Tür zu und lasse die Welt draußen zurück. Ich tauche ab, Vorhänge zu, da bin ich mit mir, den Noten und den Komponisten allein.

Höre ich Ihr Bach-Spiel, sehe ich vor mir einen Menschen, der die Welt hinter sich lässt. Angesichts der aktuellen Nachrichtenlage nur zu verständlich...

Stadtfeld: Im Moment kommt es mir wirklich vor, als würde man von schlechten Nachrichten erstickt. Aber dennoch: Diese Musik ist für mich nicht so sehr Weltflucht. Sie ist eher die Sprache, um mich mit den anderen Menschen zu verbinden.

„Ich spüre eine Kälte in der Gesellschaft.“

Trifft das besonders auf die Choräle zu, die sie aufs Klavier übertragen haben?

Stadtfeld: Ja, die liebe ich ganz besonders, obwohl ich kein kirchenverbundener Mensch bin. Sie haben für mich eine ganz andere Ebene, eine zutiefst menschliche. Es ist ein gemeinsames „An die Hand nehmen“, ein Füreinander-da-Sein. Jeder weiß doch: Wir schaffen es nicht alleine. Es ist wie jemandem, der schwach ist, die Hand entgegenzustrecken und nicht auf ihm herumzutrampeln, wie das heute fast schon salonfähig ist. Ich spüre so eine Kälte heute, wo es darum geht, dass die Stärksten durchkommen und die Schwachen auf der Strecke bleiben. Aber Bachs Musik erzählt mir etwas anderes. Auch darum ist sie sehr aktuell.

Begreift man das je, dass unsere seltsame Spezies den Terror erdenkt und zugleich eine Kunst erschafft, die den Himmel berührt?

Stadtfeld: Seit ich Vater bin, denke ich viel darüber nach. Was muss man seinem Kind mit auf den Weg geben, damit es ein gefestigter Mensch wird, der diesen Widerspruch ertragen kann? Einer, der keine Beschädigungen hat, der mit seiner Welt im Einklang leben kann - denn das müssen wir ja.

„Mein Sohn tanzt auch zu Pop-Musik.“

Reagiert Ihr Sohn auf Musik?

Stadtfeld: Ja, er tanzt sogar schon. Gerne auch zu Pop-Musik.

Pop? Leiden Sie darunter?

Stadtfeld: Nein, es ist eher ein Zeichen, wie direkt Musik auf Menschen wirkt. Das sind ja ganz alte evolutionäre Dinge, die uns einholen: der Herzschlag, einfache Rhythmen. Es ist belebend und beruhigend. Genau die Eigenschaften, die Musik für jeden Menschen hürdenlos machen. Natürlich ist Pop-Musik eher einfach, sie macht sich genau das zunutze. Insofern ist Pop mitreißend, für Kinder besonders. zu den Beethoven-Streichquartetten kommt man ja vielleicht später (lacht).

Denken Sie an sich als Kind, wenn Sie ihren Sohn sehen?

Stadtfeld: Täglich! Es kommt mir wirklich vor, als sähe ich meine eigene Kindheit noch einmal. Man kriegt auch eine andere, mildere Perspektive auf seine Eltern, die man früher vielleicht streng fand. Man versteht sie besser, ist ihnen ähnlich.

„Dass der große Hype irgendwann vorbei ist, ist ganz klar.“ 

Ein Blick noch in den Klassik-Betrieb von heute. Staunen Sie, dass sich im digitalen Zeitalter des Multi-Taskings immer noch Menschen finden, die in den Konzertsaal gehen, zwei Stunden stillsitzen und zuhören?

Stadtfeld: Natürlich ist das ein Anachronismus, aber vielleicht gerade eine Zuflucht. Es ist ja fast spirituell, sich zu hinzugeben, fallen zu lassen, und bestenfalls auch eine Reinigung. Vielleicht auch eine Art Entzug, , weil man nicht aufs Smartphone schauen kann (lacht). Überhaupt erlebe ich selbst solche Stunden, in denen diese ganzen Geräte keine Rolle spielen, als Genuss. Einfach einen ruhigen Abend mit meiner Frau und meinem Sohn zu verbringen, Still bei sich zu sein, die Seele ausruhen lassen: Das ist so kostbar. Das sind aber auch die Momente, an die man sich immer erinnern wird. Auch Kinder erinnern sich später daran.

Sie haben vor zwölf Jahren als Youngster eine gewaltigen Medienrummel erlebt. Alles ist ein bisschen ruhiger geworden. Beobachten Sie den Markt, die Talente, die nachwachsen - nicht wenige, wie wir wissen...

Stadtfeld: Selbstverständlich beobachte ich den Markt. Es interessiert mich auch künstlerisch. Was haben die neuen frischen Gesichter anzubieten? Was haben sie mitzuteilen? Natürlich werden sie herumgereicht – das wurde ich ja auch. Dass der große Hype irgendwann vorbei ist, ist ganz klar -- auch bei mir. Aber das war eine gesunde Reduktion. Hier in der „Bunte“ und da mal im Fernsehen sein, das ist gut und schön, aber noch kein belastbarer Grund, zu mir ins Konzert zu kommen. „Och, der junge süße Pianist“, das wächst sich ja aus (lacht). Aber auf dieser Ebene möchte doch kein Künstler wahrgenommen werden. Man wünscht sich, den Menschen über Musik etwas mitteilen zu können. Sich ein Stammpublikum zu erspielen, dass einen die nächsten Jahre oder Jahrzehnte auf der künstlerischen Reise begleitet Wenn das gelingt, beginnt erst die entscheidende Zeit für einen Künstler. Denn alles vorherige – ein paar Jahre lang irgendwo mitmischen – ist gar nicht so schwer.

 
 

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