Marius Müller-Westernhagen ist keiner für die Masse

Essen. Wenn man den Mann so sieht, kann man’s kaum glauben: Am 6. Dezember feiert Marius Müller-Westernhagen seinen 61. Geburtstag. Von Rocker-Rente kann keine Rede sein: Mit dem neuen Werk „Williamsburg“ geht der „Fritz Walter deutscher Popmusik“ (Sönke Wortmann) im Herbst 2010 auf große Tournee.

Lieber Herr Westernhagen, ihre größte Phobie – so habe ich es jedenfalls in einem Interview gelesen – sind Menschenmassen. Haben Sie schon Angst vor der Tour im nächsten Jahr?

Marius Müller-Westernhagen: Nein, überhaupt nicht. Als Phobie würde ich das auch nicht bezeichnen. Ich hatte als junger Mensch mal ein traumatisches Erlebnis: Da bin ich als Besucher eines Fußballspiels gegen ein Eisentor gedrückt worden. Das hängt einem natürlich nach.

Bei einem Bühnenauftritt ist das also kein Manko für Sie?

Marius Müller-Westernhagen: Auf keinen Fall, ich stehe ja nicht in der Menge. Aber auf der Bühne hast du natürlich auch eine Verantwortung: Wie reagiert das Publikum? Wann sind die Leute zu hochgepusht? Da muss man auch mal auf die Bremse treten.

Es gab vor vielen Jahren mal einen schönen Woody-Allen-Film, in dem er in den Knast muss und nach einem Ausbruchsversuch Strafverschärfung aufgebrummt bekommt: 24 Stunden Dunkelhaft mit einem Versicherungsvertreter. Was wäre denn für Sie die Höchststrafe? Eingekerkert mit Guido Westerwelle? Herbert Grönemeyer? Oder vielleicht einem Musikkritiker?

Marius Müller-Westernhagen: (lacht und denkt dann nach) Ach, ich glaube, ich käme mit allen gut klar. Ich bin jemand, der auf Menschen zugeht. Kein Problem, so lange mir Respekt entgegengebracht wird.

Das war in der Presse nicht immer der Fall. Über Ihr neues Album herrschte große Uneinigkeit: Mal war die Rede vom besten Westernhagen, den es je gab. Hier und dort wurde aber auch kräftig auf Sie eingedroschen: Von einer „müden neuen Platte“ war die Rede, von „linkischen und angestaubten Texten“, von „vertrockneten Glückskeks-Weisheiten“...

Marius Müller-Westernhagen: Na ja, ich glaube schon, dass die positiven Kritiken überwiegen.

Und die anderen? Trifft Sie so etwas nach all den Jahren noch?

Marius Müller-Westernhagen: Sicher nicht. Ich weiß ja selbst, was ich mache. Was Qualität hat und was nicht. Und ich habe das Urteil der tollen Musiker, die mit mir gearbeitet haben.

Es ist schon auffällig, dass Sie weitaus mehr polarisieren als zum Beispiel ein Udo Lindenberg oder Herbert Grönemeyer.

Marius Müller-Westernhagen: Wenn das stimmt, dann denke ich: Gott sei Dank. Aber was soll ich jetzt dazu sagen?

Vielleicht, woran das liegen könnte.

Marius Müller-Westernhagen: Keine Ahnung. Ich mache das, was ich empfinde. Manche mögen das, andere eben nicht. Wenn das Liebespotenzial steigt, steigt wahrscheinlich auch das Hasspotenzial. Es ist mir oft genug passiert, dass Leute gar nicht meine Arbeit kritisieren, sondern meine Person. Aber das sind Menschen, die ich nie getroffen habe. Da kann ich mich doch nicht angegriffen fühlen. Und everybody’s Darling möchte ich bestimmt nicht sein.

Würden Sie sich selbst als einen scheuen Menschen bezeichnen?

Marius Müller-Westernhagen: Ja, aber die meisten Performer, die ich kenne, sind scheu. Du bist halt eine andere Person als die, die da auf der Bühne steht.

Wie sind Sie selbst mit „Williamsburg“ zufrieden?

Marius Müller-Westernhagen: Sehr zufrieden. Das war für mich eine Riesenherausforderung. Ich gehe nach New York, spreche Musiker an, von denen ich weiß: Die kannst du nicht kaufen, die musst du überzeugen – mit deiner Musik. Die hatten ja keine Ahnung davon, dass ich hier Millionen Platten verkauft und Stadien gefüllt habe. Und das ist eine viel, viel größere Befriedigung, wenn dir das gelingt, als wenn du irgendwo hinkommst, und dir wird der rote Teppich ausgerollt. Was mich irre freut, ist, dass wir auch in Download-Portalen ganz oben stehen. Das zeigt, dass diese Musik auch bei jungen Leuten ankommt. Sie rockt eben einfach.

Das kann ich ehrlich gesagt nicht finden. Da ist Blues drin, ein bisschen Country mit Steelguitars, hier und da Pop. Aber klassischer Rock’n’Roll?

Marius Müller-Westernhagen: „Schnauze voll“ zum Beispiel ist schon ein klassischer Rocksong...

... aber die große Ausnahme.

Marius Müller-Westernhagen: Stimmt schon, es ist alles Blues-basiert. Aber das ist ja auch das Tolle an dieser Musik: dass sie etwas Zeitloses hat. Das Wichtige an einem gelungenen Song ist ja, dass er auch nach 20 Jahren noch gut ist, oder, wie man eben umgangssprachlich sagt, dann noch immer „rockt“.

Wenn man das Album so hört, hat man den Eindruck, dass Sie nicht unbedingt auf die Charts geschielt haben.

Marius Müller-Westernhagen: Hab’ ich noch nie.

Aber hallo, Herr Westernhagen: Wenn ich daran denke, dass „Willenlos“ oder „Sexy“ schon mal auf WDR4 gedudelt werden oder die Massen auf Mallorca dazu mitgrölen...

Marius Müller-Westernhagen: Leider, ja.

Aber das liegt doch in der Natur solcher Songs.

Marius Müller-Westernhagen: Songs schreiben ist eine intuitive Geschichte. Du probierst alle möglichen Richtungen aus. Das ist kaum steuerbar. Als Künstler saugst du alles wie ein Schwamm auf. Und wenn du dann Texte schreibst, ziehst du die Essenz daraus.

Vorhin waren wir kurz bei Lindenberg. Es gab ja Anfang der 70er Jahre diese legendäre Künstler-WG in Hamburg. Neben Ihnen und Udo hat dort auch noch Otto Waalkes gelebt. Wer hat denn da eigentlich den Abwasch gemacht?

Marius Müller-Westernhagen (lacht): Das war alles gut organisiert! Zweimal in der Woche kam eine Riesen-Putzkolonne und fiel über dieses Haus her. Das war ja eine Riesenvilla.

Und das konnten Sie damals schon bezahlen?

Marius Müller-Westernhagen: Ich hab’ selbst nichts bezahlt, sondern immer nur da gewohnt, wo gerade ein Zimmer frei war! Aber ich habe damals schon ein bisschen Geld als Schauspieler verdient.

Aber die anderen kannte doch auch noch niemand, oder?

Marius Müller-Westernhagen: Das Komische ist ja, wie ich Udo und Otto kennen gelernt habe. Da gab es diesen legendären WDR-Redakteur, Rolf Spinrads.Der wollte eine TV-Show machen, mit drei Leuten, die keiner kannte, aber die alle so behandelt wurden wie große Stars. Das waren wir drei. Aber während der Entwicklung wurde das immer mehr zur Otto-Show. Da ist erst Udo ausgestiegen und dann ich. Später hat mich Spinrads in die WDR-„Plattenküche“ geholt, mit dem „Pfefferminz“-Album. Das war ein legendärer Auftritt, weil man so explizit sexuelle Texte im deutschen Rock nicht kannte.

Dabei klingt das heute so harmlos...

Marius Müller-Westernhagen: Ja, aber es war so! Irgend jemand hat zu mir gesagt: Du hast die Sexualität in die deutsche Rocksprache geholt! Aber das war halt das, was mir damals eingefallen ist.

Denken Sie noch mit Freude an die alten Zeiten zurück?

Marius Müller-Westernhagen: Ach, klar. Obwohl ich mich normalerweise nicht mit der Vergangenheit befasse. Daran kann man ja doch nichts mehr ändern. Vielleicht bringt das auch der Beruf als Schauspieler mit sich: Man sieht sich als 17-, 18-Jähriger – und hat eigentlich gar keinen Bezug mehr zu der Rolle, die man damals gespielt hat.

Was war das Dümmste, das Sie je gemacht haben?

Marius Müller-Westernhagen: In meinem Beruf? Ich hab mal in sehr jungen Jahren einen Film gemacht, der hieß „Hurra, bei uns geht’s rund“...

Unter anderem mit Dieter Thomas Heck...

Marius Müller-Westernhagen: Ja, und mit Bill Ramsey. Ich saß dann bei der Premiere im Kino und schämte mich dermaßen! Aber daraus habe ich viel gelernt. Von da an war mir klar: Das geht für dich nicht. Du kannst nicht dein Motiv in erster Linie im Geldverdienen suchen. Natürlich sind mir auch noch danach Dinge daneben gegangen. Aber ich bin mit dem Wissen herausgegangen, dass ich etwas mache, das Substanz hat. Mir ist sogar mal eine Modekollektion angeboten worden. Aber ich bin Musiker, nichts sonst.

Das hat Ihnen Anfang Oktober in Berlin immerhin den gesellschaftspolitischen Ehrenpreis „Quadriga“ eingebracht – u.a. neben Michail Gorbatschow und Vaclav Havel. Was hat Ihnen das bedeutet?

Marius Müller-Westernhagen: Die Nominierung hat mich ehrlich gesagt überrascht. Meine Frau sagte komischerweise vor Jahren mal: Diese Quadriga, das ist aber ein schöner Preis! Mal was anderes als das, was du sonst so nach Hause bringst. Die „Echos“ nennt sie respektlos Türstopper. Und ich sagte: Den kriegen nur Leute, die wesentlich Bedeutenderes leisten als ich. Vorher gab’s auch nur einen Musiker darunter, das war Peter Gabriel.

Es ging ja wohl im Wesentlichen um Ihren Song „Freiheit“.

Marius Müller-Westernhagen: Ja, das war kurios. Ich hatte den Song zwei Jahre vor dem Fall der Mauer geschrieben und konnte mir nie vorstellen, dass es mal eine Wiedervereinigung gibt. „Freiheit“ hatte rein gar nichts damit zu tun. Aber manchmal verselbstständigen sich Songs. Und wenn das dazu führt, dass es Menschen Mut macht und Kraft gibt, dann finde ich das ganz toll. Den Preis habe ich sozusagen stellvertretend für die Menschen entgegengenommen, die damals gerufen haben: Wir sind das Volk. Das waren die entscheidenden Leute.

Gibt es ein Ziel, das Sie unbedingt noch erreichen möchten?

Marius Müller-Westernhagen: Besser werden.

Viel Glück dabei, und vielen Dank für das Gespräch.

 
 

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