Maribor – Sloweniens Kulturhauptstadt auf Raten

Der Hauptplatz Glavni trg im slowenischen Maribor mit Rathaus und Pestsaeule des Künstlers Jozef Straub.
Der Hauptplatz Glavni trg im slowenischen Maribor mit Rathaus und Pestsaeule des Künstlers Jozef Straub.
Foto: Jan-Peter Boening/Zenit/laif
Europa ist selten so europäisch wie hier: Das Städtchen steckt voller Habsburg, es atmet Italien, es feiert Ungarisch, es kann nicht ohne Kroatien und es klebt an Kärnten. Die slowenische Stadt kämpft mit Problemen: Nur 8,5 Millionen Euro Etat statt 50 – und der Zeitplan ist auch aus den Fugen.

Maribor. „Ein richtiger Slowene“, sagt der Stadtführer Aleš, „hat die Kulturen von ganz Jugoslawien in sich.“ Vielleicht hat Europa deshalb diesen Ort gekrönt zur Kulturhauptstadt 2012: Maribor, die erste aus dem einstigen sozialistischen Balkan-Staatsgebilde. Vielleicht aber auch, weil Europa anderswo selten so europäisch ist: Das Städtchen am Fluss Drava steckt voller Habsburg, es atmet Italien, es feiert Ungarisch, es kann nicht ohne Kroatien und es klebt an Kärnten als untersteirisches „Marburg an der Drau“ – keiner der Nachbarn liegt weiter als zwei Stunden entfernt. Wenn Maribor kocht, dann rührt es Kulturen zusammen.

Die malerischen Häuser mit ihren roten Ziegeldächern am Fuß der Berge hat die k.u.k-Monarchie geschaffen, der Sozialismus ließ sie verfallen, die Globalisierung fügt jetzt eine „Wallstreet“ hinzu: An diesem Platz in der Innenstadt steht eine Bank, und das alte Kommunisten-Hotel wird in ein Einkaufszentrum umgebaut. „Wir sind auf einer Baustelle“, sagt Aleš, und er meint nicht das typische Kulturhauptstadt-Phänomen, dass man sich herausputzt. 60 000 Menschen arbeiteten 1989 in der Marburger Schwerindustrie, die zwar stolz, im vereinten Europa aber nicht konkurrenzfähig war. Viele verloren über Nacht den Job, Fabrikhallen ihren Zweck; die Arbeitslosigkeit stieg auf über 16 Prozent, Maribor, das heute rund 120 000 Einwohner hat, sucht nach neuen Inhalten.

300 Sonnentage im Jahr

Und findet sie, wie manche Stadt zuvor, in der Kultur. Es gab schon Staats- und Puppentheater, das Schloss, Kirchenkunst, Galerien, die Universität und das Festival „Lent“. Nun will Maribor seine Kultur feiern. Auf den Straßen und Plätzen, wo sich ohnehin das Leben abspielt, an 300 Sonnentagen im Jahr und selbst bei Minustemperaturen immer vor den „Kavarna“, wie die Cafés hier heißen. „Wir sind zwei Millionen Slowenen, aber laut sind wir für drei“, sagt Aleš. Man arbeitet an der maximalen Erweiterung des Kulturbegriffs: „Kultur ist, sich gut zu fühlen“, findet Festivalchef Vladimir Rukavina.

Mit dem guten Gefühl ist es allerdings so eine Sache, denn es kam wie so oft in einer Kulturhauptstadt: Sie wollen neues Leben in alter Industrie, mehr Touristen und mehr Arbeitsplätze, neue Hoffnung also – aber dann tut sich ein Finanzloch auf. Reich ist Maribor ohnehin vor allem an Geschichte. Viele Bürger brauchen drei, vier Jobs und kommen noch nicht über die Runden. In der Stadt gibt es all diese europäischen Ladenketten, aber wer eben kann, shoppt jenseits der Grenze: Österreich ist billiger. Slowenien steckt im Krisenstrudel wie andere, und so schrumpfte der Kulturhauptstadt-Etat von 50 auf 8,5 Millionen Euro.

Im Oktober noch änderte das kurz zuvor gegründete Organisations-Komitee den Slogan vom kraftmeiernden „Pure Energy“ in „Turning Point“ . Das ist immer noch Englisch, aber was soll man groß wenden, mit 8,5 Millionen Euro? „Wir waren zu ehrgeizig“, heißt es aus dem Programm-Team. Und habe die Gelder zu spät beantragt, sagen sie bei der Stadt. Die Ausschreibung für die Umgestaltung des Trau-Ufers kann erst im Januar anlaufen. Und aus der Hauptstadt Sloweniens ist nur wenig Hilfe zu erwarten: Maribor ist die Nummer 2, „es kann nicht das Double von Ljubljana sein“, sagt Fišer, „es muss anders sein“. Doch Ljubljana muss zahlen für die Europäische Kulturhauptstadt, die sie selbst gern geworden wäre. Das Duell um den Titel, sagt Maribors Vize-Bürgermeister, sei ein „Krieg“ gewesen, es fehlt offenbar an Streitkultur.

Kunst-Importe

Nun versuchen sie in Maribor, „so viel zu schaffen wie möglich“, verspricht 2012-Chefin Suzana Fišer. Sie werden ihre nationale Kunst zeigen und viel ausländische einladen, sie werden ihre Feste vergrößern, den Clowns und Comedians Bühnen geben. Im Herbst kommt eine Schau der Londoner Tate Gallery. Allerdings fragt sich noch, wohin – ob die alte „Bäckerei“ umgebaut werden kann, ist offen. Zudem ist Maribor ja nicht allein: Mit im Boot sind fünf Kleinstädte in der näheren, aber auch 100 Kilometer entfernten Umgebung. Die Kompromisse seien schwierig, klagt Fišer. Davon kann man auch in der 53 „Stadtteile“ starken ehemaligen Kulturhauptstadt Ruhr ein Lied singen. Allerdings auch davon, dass es sich lohnt.

 
 

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