Mahler-Projekt „nicht schlafen“ mit Tanz und Tierkadaver in Bochum

Pedro Obiera
„Seid umschlungen“: das Motiv der aktuellen Triennale.
„Seid umschlungen“: das Motiv der aktuellen Triennale.
Foto: Ruhrtriennale
Alain Platel bringt in der Jahrhunderthalle Bochum „nicht schlafen“ auf die Bühne. Das Premieren-Publikum applaudiert. Dennoch gibt es Diskussionsbedarf.

Bochum. Als Stammgast der Ruhrtriennale hat der flämische Choreograf Alain Platel die Musikgeschichte in etlichen Projekten von Monteverdi bis Wagner durchpflügt. Oft virtuos, oft irritierend, oft im Widerspruch zur Musik. Dass Platel erst starke innere Widerstände gegen die Musik Gustav Mahlers überwinden musste, hätte sich auf seine neueste Kreation, „nicht schlafen“, noch fruchtbarer auswirken können.

Die Uraufführung seines Mahler-Projekts in der Jahrhunderthalle geriet zum Tanzstück, bei dem Bewegung und Musik nur selten zueinander finden. Und wenn, wie im Finale, in fast übertriebener Doppelung von Takt und Tanz.

Die Musik Gustav Mahlers ist nicht die Alain Platels. Deshalb beruft er sich auf Philipp Bloms literarische Abrechnung mit der Zeit zwischen 1900 und 1914, „Der taumelnde Kontinent“, und überträgt die Rastlosigkeit, die Blom der Epoche bescheinigt, auf sein Stück. Doch damit berührt er nur einen Aspekt der Musik Mahlers. Trotz der stilistisch zersplitterten Tonsprache des 1911 verstorbenen Komponisten bilden Ruhepunkte mit Rückblicken auf scheinbar verklärte Vergangenheiten das Rückgrat seiner Musik. Und gerade damit kann Platel als Choreograf nicht viel anfangen.

Ohrenschmaus ohne Handlungsfaden

Das berühmte Adagietto aus der 5. Symphonie erklingt zwar als Ohrenschmaus, jedoch will der lockere Handlungsfaden überhaupt nicht passen. Acht Herren und eine Dame gestalten eine Art Gegenentwurf zu Strawinskys „Sacre“. Hier wird kein Mädchen irgendwelchen Göttern geopfert, sondern ein junger Mann von den Kräften der Zeit zermalmt. Und zwar in ruhelosem Aktionismus.

Die Vorliebe Platels und seines Mitgestalters Steven Prengels für die langsamen Sätze treiben den Widerspruch ins Unauflösbare. Das Ergebnis wirkt trotz des hohen und hochwertigen Einsatzes der Compagnie teils beliebig, teils oberflächlich. Und ausgerechnet die Detailgenauigkeit, mit der Platel die Figuren führt, geht auf der riesigen Bühne ab Reihe 5 unter.

Verfremdet und angereichert

Der Beitrag Steven Prengels, der einige Originale sehr dezent verfremdet und durch exotische Zutaten anreichert, fällt bescheiden aus, was angesichts der gewaltigen Musik Mahlers kein Nachteil sein muss. Beeindruckend ist dagegen die zentrale Skulptur von Berlinde De Bruyckere: Drei Pferdekadaver verzahnen sich zu einem Anti-Kriegsdenkmal, das Picassos „Guernica“ in nichts nachsteht. Doch wird die Plastik kaum ins Geschehen eingewoben.

Das Premieren-Publikum spendete großen Beifall für einen denk- und fragwürdigen Abend mit großem Diskussionsbedarf.

Termine: 3., 8., 9. und 10. September. Karten: ruhrtriennale.de.