Mafia meuchelt im „Wintermärchen“

Wolfgang Platzeck

Mülheim/R.  Akribisch werkelt Paulina (Petra von der Beek) an der lebensgroßen Hermione-Puppe (Dagmar Geppert), näht hier, flickt dort. Man könne fast glauben, die Puppe atme, wirft Leontes (Volker Roos) noch ein. Das war’s.

Am Theater an der Ruhr begegnen Roberto Ciulli (Inszenierung) und Helmut Schäfer (Dramaturgie) Shakespeares „Wintermärchen“ mit jener Skepsis, die auch Kleists „Käthchen“ entgegengebracht wird. Ein romantisch verklärter Schluss scheint nicht zeitgemäß. Entsprechend: kein altersmelancholisch-heiteres Ende. Leontes und die seit 16 Jahren verschollene Hermione finden nicht wieder zusammen. Auch seine einst verstoßene Tochter Perdita (Dagmar Geppert in einer Doppelrolle) und Florizel (Simone Thoma), der Sohn des Polixenes (Albert Bork), haben keine Zukunft.

Wenn nach dem überzeugenden letzten Bild der Vorhang fällt, bleiben gleichwohl manche Fragen offen. Bis dahin hat Ciulli dem Stück alles Märchenhafte weitgehend entzogen und Shakespeares pralle Komik etwa in den Hirtenszenen durch schwere, mit Bedeutung aufgeladene Commedia dell’arte-Elemente ersetzt. Zwar hat er immer wieder kleine, federleicht wirkende Bilder voller Poesie entwickelt, wenn etwa ein rotes Küchentuch reicht, der neugeborenen Perdita glaubhaft Leben einzuhauchen. Doch diese magischen Momente können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die (Tragi)Komödie in die Nähe eines verwirrenden Mafia-Dramas gerückt ist.

Die Verwirrung setzt früh ein. Wo Shakespeare mit der vom Chor verkörperten Zeit spielt, die so viele Wunden heilt, setzt Ciulli schon im ersten Bild auf Gleichzeitigkeit, zeigt den alten (Roos) und den jungen Leontes (Fabio Menéndez) nebeneinander. Und Hermione, die junge Mutter, ist da bereits die sich mechanisch bewegende, 16 Jahre ältere Puppe des Schlussbildes. Da wird es auch für Kenner des Stücks nicht einfach, zu folgen.

Mord mit der Plastiktüte

Das Domizil des Leontes wiederum, der Hermione eines Seitensprunges mit Polixenes verdächtigt und seine Vaterschaft über Perdita nicht wahrhaben will, ist kein sizilianischer Königspalast. Mit Klapptisch und angedeutetem Hausaltar (Bild Gralf-Edzard Habben) wirkt der Raum wie das Refugium eines untergetauchten Mafioso, der dieser Leontes tatsächlich ist. Und der böhmische König Polixenes gleicht einem Osteuropa-Mafiachef, mit Leontes persönlich verfeindet, aber wirtschaftlich verbunden. Und wenn Shakespeare den braven Antigonus (Steffen Reuber) auf makaberste Weise von einem Bären töten lässt (was von den Hirten auf absurde Weise kommentiert wird), wird man Zeuge eines klassischen Mafia-Mordes. Plastiktüte über den Kopf, Luft weg, fertig.

Der Beifall des Premierenpublikums war gewaltig. Seine Irritation vermutlich nicht minder.