Warum Andrea Maria Schenkels „Täuscher“ enttäuscht

Jochen Vogt
Andrea Maria Schenkel
Andrea Maria Schenkel
Foto: Jürgen Bauer
Mit „Tannöd“ landete Andrea Maria Schenkel vor sieben Jahren einen Überraschungs-Beststeller. Jetzt ist ihr vierter Krimi erschienen. „Täuscher“ heißt er und spielt erneut in den 20er-Jahren. Leider aber lässt er Spannung vermissen.

Essen. Das war ein Überraschungscoup vor sieben Jahren! Die schriftstellernde Hausfrau aus Regensburg rollte mit ihrem ersten Buch, ei­gentlich Büchlein von nur 120 Seiten, die Krimiwelt auf, verkaufte es in drei Jahren eine Million mal, sanierte nebenbei den kleinen Verlag, der es gedruckt hatte und nahm gleich noch die beiden seriösen deutschen Krimipreise mit.

Mit „Tannöd“, der (wahren) Geschichte des sechsfachen Mordes auf einem Oberpfälzer Einödhof im Jahr 1922 hatte Andrea Maria Schenkel eine Lücke zwischen standardisierten Allerwelts-Thrillern und gemütlichen Heimatkrimis besetzt. Sie zeigte das ländliche Leben in aller Brutalität und machte diese durch eine streng reduzierte Sprache erst erträglich. Vom Kultusministerium in Stuttgart wird „Tannöd“ inzwischen als Lektüre für Klasse 10 empfohlen!

"Täuscher" ist Schenkels vierter Krimi

Spätere Bücher verfolgen das gleiche Modell, handwerklich sauber, aber natürlich ohne den Überraschungseffekt. Soeben ist in der ansprechenden Ausstattung ei­nes Großverlags ihr vierter „Kriminalroman“ mit dem Titel „Täuscher“ erschienen.

Wieder sind wir im Jahr 1922, nun im kleinstädtischen Milieu von Landshut. Es geht um einen charakterschwachen und um einen völlig charakterlosen Schurken, welche die ältliche Verlobte des ersteren um den ererbten Schmuck bringen wollen. Natürlich geht die Sache schief, zurück bleiben zwei bestialisch zu Tode gebrachte Frauen. Und der karrieregeile Staatsanwalt bringt in Einklang mit der öffentlichen Meinung, ruck-zuck, den Falschen nicht nur hinter Gitter, sondern gleich zu Tode.

So richtig fesselt das alles nicht

Warum fesselt uns das alles nicht so richtig? Man hat Frau Schenkel vorgeworfen, ihre Geschichten seien zu kurz, um lebendige Figuren zu entwerfen. Vielleicht sind sie aber eher zu lang und sollten besser als Storys präsentiert werden (inzwischen zeigt Ferdinand von Schirach, wie das geht). Hier aber wird die Geschichte auf fast 240 Seiten ausgewalzt, wobei vor allem der kleinstädtische Klatsch und Tratsch als Füllmasse dient.

Damit gerät Frau Schenkel aber in eine virtuelle Konkurrenz mit all denen, die Zeitgeist und Mentalität der Zwanziger Jahre beschrieben haben – von Marieluise Fleißer und Irmgard Keun über Fallada, Kästner und Döblin bis zum aktuellen Krimikollegen Volker Kutscher – und um da zu bestehen, reichen ih­re stilistischen Mittel einfach nicht aus.

Es fehlen die Zwischentöne

Es fehlen die Zwischentöne, was noch so viele Dialekteinsprengsel nicht ausgleichen können. Dass die Handlung in Abschnitte zerlegt und diese dann achronologisch aufgereiht werden, soll vermutlich die Spannung hochhalten: Den Tathergang erfahren wir erst nach der Hinrichtung des unschuldig Verurteilten – aber die Story war von Anfang allzu leicht durchschaubar.

Wäre ich Lektor, würde ich Frau Schenkel zu einem Sammelband mit „Criminalnovellen“ (wie man früher sagte) ermuntern; wäre ich ihr Verleger, müsste ich wohl sagen: „Der vermarktet sich nicht so gut“. Zum Glück bin ich nur Kritiker.

Andrea Maria Schenkel: Täuscher. Kriminalroman. Hoffmann und Campe, 238 S., 18,99 Euro