Thomas Brussig: Die „Sonnenallee“ geht weiter

Spielt mit Grenzen: Schriftsteller Thomas Brussig.
Spielt mit Grenzen: Schriftsteller Thomas Brussig.
Foto: dpa
Die DDR gibt es immer noch und Thomas Brussig ist ihr bekanntester Autor: Der Berliner Schriftsteller hat sich eine fiktive Biografie auf den Leib geschrieben.

Berlin.. Nur wenige Schritte von der Stahlkuppe des neuen Berliner Hauptbahnhofs entfernt existiert die DDR weiter in grauem Plattenbau und Kopfsteinpflaster; unterbrochen allein vom hellen Weiß moderner Reihenhäuser. Hier, im Stadtteil Moabit, lebt Thomas Brussig, der dem real lachhaften Sozialismus mit seinem Bestseller „Sonnenallee“ ein Denkmal setzte – und im neuen Roman „Das gibt’s in keinem Russenfilm“ den Irrsinn der SED-Diktatur fortspinnt in die Gegenwart. Mit Britta Heidemann sprach er über die Freude an biografischen Fiktionen.

Hat die Komik es schwer in der deutschen Literatur?

Thomas Brussig: Sie hat keine Tradition. Bei Shakespeare halten sich Dramen und Komödien ungefähr die Waage – aber Goethe hat keine einzige große Komödie geschrieben. Trotzdem weiß ich, dass ich das Richtige mache. Obwohl es mir manchmal so vorkommt, als ob das Lachen nicht ernst genommen würde.

Aber Ihr erstes Buch, „Wasserfarben“, war keine Komödie, oder?

Brussig: Nein. Ich bin erst mit „Helden wie wir“ darauf gekommen, was man mit dem Lachen alles anrichten kann.

Von Zorn über Lachen zur Weisheit

Hatte dieser Wandel mit der Wende zu tun?

Brussig: Eher mit dem Alter. Mit 20 regiert der Zorn, mit 30 das Lachen und mit 40 die Weisheit. Diesen Gestus der Empörung in „Wasserfarben“, den hatte auch „Helden wie wir“ noch. Und erst die „Sonnenallee“ ist dann lustig und nicht mehr böse.

In der Realität gab es die DDR nicht mehr, als „Wasserfarben“ erschien. Im neuen Roman aber schon. Trotzdem entwickeln Sie sich als Autor recht ähnlich, oder?

Brussig: Sicherlich hängt vieles in unserem Leben von äußeren Faktoren ab, von zufälligen Begegnungen. Aber ich wollte mit dem Buch eben auch zum Ausdruck bringen, dass sich manche Dinge trotzdem ergeben hätten. Das kann ich natürlich nicht beweisen....

Dazu bräuchten Sie schon zwei Leben.

Brussig: Genau. Aber es ist meine Überzeugung.

Was hat sie gereizt am Projekt der fiktiven Autobiografie?

Brussig: Dieses Gestaltete, das die Belletristik hat, die Konsequenzen und Folgerichtigkeiten, die gibt es in Biografien nicht. Sie haben dem Zufall so weit das Tor geöffnet wie auch das Leben selbst. Da ist alles eben so passiert und muss nicht mehr begründet werden. Und diese Macht des Zufalls sollte auch in meiner fiktiven Autobiografie eine Rolle spielen.

Hätten Sie lieber das Leben gehabt, das Sie im Buch beschreiben?

Brussig: Nein. Das ist eine Paradoxie, die mir schon vor einigen Jahren aufgefallen ist. Dass wir so gestrickt sind, dass wir immer sagen würden: Ich würde alles genauso machen. Das ist nicht nur Bequemlichkeit oder Vergesslichkeit. Diesen Satz will man so sagen über sich.

Die DDR-Diskussion kommt nicht zustande

Man will nichts bereuen müssen?

Brussig: Genau.

Sie haben vor einigen Jahren gesagt, wir hätten die DDR noch gar nicht richtig verstanden und aufgearbeitet. Gilt das immer noch?

Brussig: Ja. Die historische Monstrosität der DDR ist eben längst nicht so groß wie jene des Dritten Reichs, deshalb kommt die Diskussion nicht in Gang. Man kann da auch nicht mit dem gleichen Begriffsbesteck heran gehen, sondern muss die DDR aufgrund ihrer Eigentümlichkeiten begreifen. Da ist in den vergangenen zehn Jahren vielleicht doch etwas passiert: Dass Alltag als Kriterium viel stärker in den Fokus gerückt ist. Ich halte diesen Ansatz auch für einen richtigen und viel versprechenden.

Warum? Was kann man da erfahren?

Brussig: Die DDR war von ihrem Selbstverständnis her viel Alltag. Der Nationalsozialismus war Krieg. Die Frage, die die DDR hinterlässt, ist doch: Wie kann es sein, dass etwas, mit dem so viele Menschen nicht einverstanden waren, so lange bestehen konnte? Das beruht nicht allein auf Angst und Terror. Da gab es einen Konsens. Das kann man nur verstehen, wenn man sich den Alltag anschaut.

Und darüber lacht?

Brussig: Das ist nun mein Ansatz. Weil man in diesem Alltag viele Eigentümlichkeiten findet.

"Viele große Künstler haben nur ein Thema"

Lässt Sie deshalb die DDR als Thema nicht los? Sie haben das ja im Roman sehr selbstironisch beschrieben: „Ohne die Reibung mit dem SED-Staat bin ich als Schriftsteller undenkbar.“

Brussig: Solange ich mich damit nicht langweile, sehe ich kein Problem darin. Viele große Künstler haben nur ein Thema. Günter Grass schreibt im Grunde immer nur über Danzig und hat es zum Nobelpreis geschafft, Herta Müller schreibt über Rumänien und hat den Nobelpreis bekommen... (lacht)

Sie denken im Roman selbst darüber nach, dass das kontrafaktische Erzählen Tücken aufweist: Haben Sie wirklich einmal darüber nachgedacht, eine fiktive Hitler-Biografie zu schreiben?

Brussig: Ja, das ist eine Geschichte aus meinem Leben: Ich wollte eine Biografie schreiben unter der Maßgabe, dass er an der Kunstakademie angenommen wurde. Und dann ist mir jemand zuvor gekommen! Dabei gibt es gar nicht so viele Autoren, die sich an das Kontrafaktische heranwagen. Im Roman treibe ich meinen Schabernack mit Simon Urban, der in der Realität einen Zukunftsthriller über ein geteiltes Deutschland geschrieben hat. Bei mir ist es nun ein Roman, in dem sich Deutschland 1990 vereinigt. Dadurch wird deutlich, dass das Tatsächliche ja eigentlich das Unwahrscheinliche ist: Dass durch den Versprecher eines Politikers die Mauer fällt!

In Ihrem Roman spielen viele reale Figuren eine Rolle. Sind Sie sich sicher, dass die das alle gut finden?

Brussig: Es gibt die Freiheit der Kunst, und hier sind eben einige Romanfiguren mit den Namen lebender Personen bezeichnet. Natürlich ist niemand gerne Objekt der Fantasie eines anderen. Aber ich bin ja nicht bösartig. Naja, vielleicht sage ich über den ein oder anderen mal das eine oder andere, von dem er hofft, dass es niemand ausspricht – weil er weiß, dass es wahr ist! Es liegt mir eben, Kollegen zur porträtieren, von Christa Wolf über Volker Braun bis zu Maxim Biller.

Oder Günter Grass, der Botschafter der Berliner Olympia-Bewerbung wird?

Brussig: Ja, genau. Der muss sich dann eben sagen: Erwischt! Wer da übel nimmt, dem ist nicht zu helfen. Aber natürlich gibt es Grenzen. Nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo haben wir alle darüber geredet, was darf Satire, wie verletzend darf das sein. Aber die einzige Figur, die sich im Roman wirklich zum Affen macht – das bin doch ich. So etwas dürfte ein anderer niemals über mich schreiben!

Der Roman „Das gibts in keinem Russenfilm“

Der 9. November ’89 markiert die Wende im Leben von Thomas Brussig: Ein Verlag will seinen Roman drucken! Und bald wird er berühmt: Weil er verspricht, „erstens, so lange nicht in den Westen zu reisen, zweitens, so lange kein Telefon zu haben und, drittens, so lange nicht ,Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins’ zu lesen, solange all diese Dinge Privilegien sind.“

Wie wäre mein Leben, wäre alles anders gekommen? Brussig lässt die DDR fortleben bis in die Gegenwart, finanziert von Windkraft, Elektro-Autos und den Steuern, die DDR-Bürger auf ihre Ferienjobs in der Bundesrepublik zahlen. Dafür gibt es sogar Reisefreiheit, und die Stasi-Mitarbeiter schulen um auf Steuereintreiber. Leider sind noch genug übrig, um 1997 die Brussig-Affäre loszutreten: mit den Vorwurf, er plane einen Staatsstreich. Der Plan aber wurde ihm untergeschoben, so, wie er selbst einem anderen die „Sonnenallee“ unterschiebt – nur, um sie als „verantwortungslose Diktatur-Weichzeichnerei“ zu geißeln.

Schräge Volten, gezielte Hiebe auf die Wirklichkeit und allerlei Literaturbetriebs-Hänseleien: Brussigs neues Werk ist ein deutsch-deutscher Lesegenuss. Teilen, bitte!

Thomas Brussig: Das gibts in keinem Russenfilm. S. Fischer, 384 S., 19,99 €

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