"Schwarzgeld": Schweizer Steuer-CDs-Affäre wird zum Krimi

Der gebürtige Solinger, Lutz Otte, war der Mann, der Schweizer Bankdaten an deutsche Steuerbehörden verkaufte. Nun er ein Buch geschrieben. Nur ein Krimi?
Der gebürtige Solinger, Lutz Otte, war der Mann, der Schweizer Bankdaten an deutsche Steuerbehörden verkaufte. Nun er ein Buch geschrieben. Nur ein Krimi?
Foto: Edition-Temmen
Lutz Otte hat in der Schweiz Daten-CDs mit Steuersünder-Namen gestohlen und der deutschen Steuerfahndung verkauft. Jetzt packt er in einem Buch aus und belastet indirekt auch seinen Auftraggeber, das Land NRW.

Essen.. „Schwarzgeld“. So heißt die Romanpremiere des gebürtigen Solingers Lutz Otte. Ein Krimi, bei dem es um die Job-Ängste kleiner Schweizer Bankmitarbeiter geht, um die Kurs-Betrügereien der großen Bankchefs, um hanebüchene Sicherheitslücken der Konten und um eine hübsche Love-Story. Vor allem aber geht es um den Ankauf belastender Steuer-CDs durch deutsche Fahnder, die so heimische Steuersünder überführen können – ein Stück Realität, wie es sie seit fünf Jahren das Land Nordrhein-Westfalen betreibt und damit Silberscheibe für Silberscheibe das Schweizer Bankgeheimnis abgewrackt hat.

Otte hat also einen spannenden, aktuellen Krimi auf den Markt gebracht. Nur einen Krimi?

Lutz Otte hat seine eigene Geschichte aufgeschrieben. Der Autor hat gerade 18 Monate in einem Schweizer Knast gesessen. Das Bundesstrafgericht in Bellinzona hatte ihn wegen wirtschaftlichen Nachrichtendienstes, Geldwäscherei und Verletzung des Bankgeheimnisses verurteilt. Sein eingestandenes Delikt: Otte hat 2012 für 1,1 Millionen Euro über einen Vermittler 2700 Kontendaten der Zürcher Bank Julius Bär an die Oberfinanzdirektion Münster verkauft. Die ertappten Steuersünder mussten viele Millionen nachzahlen. Für das Land Nordrhein-Westfalen war es ein einträgliches Geschäft. Für Otte offenbar ein Schock, den er jetzt in seinem Buch aufarbeitet.

Romanvorlage in der Realität

Der Lutz Otte im Roman heißt Gregor Schwarzenbach. Er ist – wie Otte selbst – ein deutscher Informatiker, der lange in der Schweiz gelebt hat. Eines Tages taucht in Schwarzenbachs Zürcher Wohnung ein Mann namens Maier auf. Thomas Maier. Mit ai. „Ich möchte etwas von Ihnen kaufen“, sagt dieser Maier. Es sind „sensible Daten“, die „ich und meine Auftraggeber gerne hätten“. Auf Schwarzenbachs ungläubiges Nachfragen („Warum ich?“) räumt dieser Maier ein: „Wir überlegen natürlich, wer für uns in Frage kommen könnte“.

Das ist spannend. Immer haben die NRW-Steuerfahnder und das Düsseldorfer Finanzministerium den Schweizer Vorwurf abgestritten, Wirtschaftsspionage betrieben und die Daten der Steuersünder gezielt auf ausländischem Territorium abgegriffen zu haben. Denn ein solches Vorgehen hätte auch gegen deutsche Gesetze verstoßen, Finanzbehörden dürfen keine Auslandfsspionage betreiben. Stimmt die Eingangs-Szene in Ottes Thriller, ist aber genau das passiert. Übrigens gegen ein Vermittlungshonorar von 500.000 Euro an Maier, der in der Realität des Falles Lutz Otto ein pensionierter Finanzbeamter war.

Wie viel Wahrheit also steckt in diesem Krimi? War es so auch bei Otte 2012? Kleine Abweichungen sind erkennbar für alle, die den realen Prozess verfolgt haben: So erfolgte die Geldübergabe nicht, wie im Buch, in Frankfurt, sondern in Berlin. Generell aber kommt der Krimi der Wahrheit sehr nahe. Im Begleitschreiben des Bremer Verlages Edition Temmen heißt es dazu: „Aus der Perspektive des Protagonisten Schwarzenbach schildert Otte seine Sicht auf die akribische Planung seiner Tat, die Festnahme, die Umstände des Prozesses und den frustrierenden Gefängnisalltag“.

"Schwarzgeld"-Roman ist auch eine Abrechnung mit der Schweiz

Doch Zittern vor diesem Enthüllungsroman müssen tatsächlich weniger die deutschen Steuerbehörden. Sie haben die Schlacht, mit entscheidender Hilfe amerikanischen Drucks auf Bern, ohnehin gewonnen. Die Schweiz ist eingeknickt. Sie gleicht längst die ausländischen Einlagen ihrer Banken automatisiert mit den Herkunftsländern der Einleger ab.

Das Nachbarland und sein Heidi-Käse-Image aber wird in Ottes Buch gründlich zerlegt. Nicht nur, dass der Autor glaubt, die Schweiz sei ein Schurkenstaat, der seit 1934 den Großteil seines Reichtums nur dem Bankgeheimnis verdankt. Er wirft der Alpenrepublik auch vor, „rassistisch“ zu sein. Es ist eine große Abrechnung mit den 18 Monaten unter offenbar unwürdigen Haft-Bedingungen.

Es gibt ein Happy End. Schwarzenbach hat das Glück, vor seiner Inhaftierung auf einer Wanderung über die Rigi die deutsche Krankenschwester Louisa kennengelernt zu haben. „Sie umarmte ihn und küsste ihn wild, dann fielen sie aufs Sofa“. Am Ende, als alles vorbei ist, trinken sie irgendwo im Süden kaltes Bier und gegrillten Fisch mit Blick aufs Meer. Die Restaurantrechnung hat der deutsche Fiskus bezahlt.

Lutz Otte, „Schwarzgeld. Eine fast wahre Geschichte von Steuerbetrug und Wirtschaftsspionage in der Schweiz“, 192 Seiten, Edition Temmen 2015, 12,90 Euro

 
 

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