Marion Poschmann: Heimweh nach dem Ruhrgebiet

Britta Heidemann
Marion Poschmann
Marion Poschmann
Foto: dpa/Arno Burgi
Schriftstellerin Marion Poschmann über das Ruhrgebiet als Heimat und ihren neuen Roman „Die Sonnenposition“

Frankfurt/M.  Seit ihr Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert war, hat Marion Poschmann nicht wenige Interviews gegeben. Aber jetzt, sagt sie, „zählt jedes Wort“: Weil nicht nur ihre Eltern, sondern auch die Nachbarn ihrer Eltern aufmerksam die WAZ lesen. Im Gespräch mit Britta Heidemann erinnert sich die Autorin an die Orte ihrer Kindheit.

Frau Pochmann, Sie wurden 1969 in Essen geboren, haben das Ruhrgebiet jedoch vor langer Zeit verlassen. Fühlen Sie sich der Region noch verbunden?

Ich habe seit 1989 zwei Jahre lang in Bonn studiert, danach in Berlin – und dort bin ich dann hängengeblieben. Aber je länger ich weg bin, desto mehr Heimweh habe ich. Einerseits bin ich natürlich weit weg von meinen Eltern und Verwandten. Und gerade im Kontrast zu Berlin erlebe ich sehr deutlich die Unterschiede in der Mentalität.

Wobei ja das Ruhrgebiet gerne eine große Ähnlichkeit mit Berlin behauptet…

Ja, von der Infrastruktur her ist das natürlich ähnlich. Es gibt kein richtiges Zentrum, alles geht in die Fläche. Aber – im Alltag sind die Leute netter im Ruhrgebiet. Man kommt ganz anders mit wildfremden Personen in Kontakt. Wenn man im Ruhrgebiet an einer Bushaltestelle steht, dann redet man einfach miteinander. Das ist in Berlin ausgeschlossen, völlig undenkbar. Da muss schon eine Katastrophe passieren, bis Fremde miteinander plaudern.

Was hält Sie in Berlin, wenn das Heimweh so groß ist?

Ich bin aus kulturellen Gründen nach Berlin gezogen, wegen der Theater, der literarischen Landschaft. Mein Verlag ist jetzt dort, viele Kollegen, die Veranstaltungsorte. Das sind natürlich keine zwingenden Gründe, wo ich meine Bücher schreibe, ist im Grunde egal...

Aber das Ruhrgebiet ist eben keine kulturelle Heimat?

Es gibt ja kaum Schriftsteller hier, erstaunlicherweise. Das ist mir eigentlich unverständlich.

Was sind ihre ersten Erinnerungen an das Revier?

Ich habe in Mülheim gelebt, bis ich neun Jahre alt war, und später in Essen, aber Mülheim ist der Ort meiner Kindheit. Ich hatte eine sehr schöne Grundschule, wir waren oft an der Ruhr – das ist der Fluss, der sich durch meine Erinnerung zieht. Ich erinnere mich noch an den Wasserbahnhof! Und in der Stadtbücherei bin ich literarisch sozialisiert worden, dort habe ich mir Bücher ausgeliehen. Vor einiger Zeit war ich noch einmal dort zu einer Lesung, das war sehr schön. Vor ein paar Tagen wurde mir erzählt, dass es die alte Stadtbibliothek gar nicht mehr gibt, dass sie umgezogen ist – das war für mich ein schwerer Schlag (lacht).

Erkennen Sie selbst in Ihrem Schreiben etwas ruhrgebietsartiges? Etwas, das mit Ihrer Herkunft zu tun hat?

Was mir immer wieder auffällt, ist, dass ich mich für Brachlandschaften, Industriebrachen und solche Regionen, sehr interessiere. In der „Hundenovelle“ tritt das sehr stark in Erscheinung, da geht die Protagonistin viel in Randgebieten spazieren, in den Rieselfeldern, die einen ganz ähnlichen Charakter wie die Brachen haben. Ich mag Orte, an denen das Alte weg ist und das Neue noch nicht da. Man lebt dort in so einem Möglichkeitsraum. Das ist glaube ich, etwas, was das Ruhrgebiet mit Berlin gemeinsam hat oder zumindest gemeinsam hatte, als ich nach Berlin gezogen bin. Da gab es viele freie Flächen, die jetzt natürlich zugebaut sind.

Der Ort im neuen Roman ist ja auch ein wenig so: ein altes Schloss, das eine Psychiatrie beherbergt hatte.

Ich war Stadtschreiber in Schloss Rheinsberg, da gab es eine Ausstellung mit Bildern aus der DDR-Zeit. Damals war das Schloss ein Sanatorium. Die Patienten waren einfach in den Prunksälen untergebracht. Man sah eiserne Betten vor den seidenen Tapeten. Im Keller hatten sie einen Raum, da waren wunderbare Fresken – die hatten sie bis zur Hälfte mit Lackfarbe gestrichen und irgendwelche medizinischen Apparaturen aufgebaut. Ich war fasziniert von diesen Kontrasten.

Wie haben Sie sich dem Thema Psychiatrie genähert?

Ich habe natürlich viel gelesen, über die Psychiatrie zu DDR-Zeiten – da war ich eigentlich völlig ahnungslos. Aber meine Fallgeschichten sind frei erfunden. Sie entsprechen nicht der Wirklichkeit – aber naja, was ist schon Wirklichkeit? In diesen Geschichten geht es eher um das Thema Abweichung von der Normalität. Immer wird eine kleine Sache zur Obsession, sprengt den Rahmen.

Sie haben es gerade eher beiläufig angesprochen: Was ist denn das, die Wirklichkeit?

Das ist eben die Frage. Es geht ja im Roman um Erkenntnisprozesse. Mein Erzähler versucht sich über seine Vergangenheit klar zu werden, über die dunklen Stellen in seinem Leben. Speziell die Geschichte mit seinem Freund und seiner Schwester versucht er nachzuvollziehen, dabei denkt er sich die Geschichte zwischen den beiden mehr oder weniger aus. Er konstruiert im Grunde seine Vergangenheit noch mal neu.

Müssten wir anders mit Abweichungen von der Norm umgehen?

Ich würde schon sagen, dass das reine Definitionssache ist. Es gibt ja verschiedene Klassifikationssysteme für psychische Krankheiten. Ein psychiatrisches Standardwerk ist gerade neu bearbeitet worden, in ihm sind nun bestimmte Störungen aufgenommen, die vorher noch als normal galten. Man kann also durchaus in Frage stellen, was normal und was abweichend ist. Und es besteht immer die Gefahr, mit einer Abweichung zugleich den ganzen Menschen zu stigmatisieren. Als Arzt kann man versuchen, sich auf die Seite der Normalität zu stellen, aber für einen Schriftsteller, der dem Menschsein auf den Grund gehen will, sind gerade die Grenzüberschreitungen interessant, weil auch sie zur menschlichen Existenz gehören und jeder mindestens die Möglichkeit dazu in sich trägt.

Marion Poschmann: Die Sonnenposition. Suhrkamp, 337 S., 19,95 €