David Gilbert und der amerikanische Traum-Roman

David Gilbert
David Gilbert
Foto: Ulf Andersen
US-Autor David Gilbert fragt, ob die Kunst höher zu stellen sei als das Leben. Sein Roman „Was aus uns wird“ erzählt vom Leben eines berühmten Schriftstellers – und beweist zugleich, dass Gilbert die Berühmtheit selbst verdient hätte.

Der englische Titel dieses unglaublichen Buches über Väter und Söhne (und Literatur) enthält bereits das ganze Drama. „& Sons“, lautet er schlicht: Und Söhne. Die Väter fehlen. So, wie auch der berühmte Schriftsteller A.N. Dyer seinen Söhnen fehlte: Dyer, dem wir tatsächlich als Sterbendem begegnen, wurde als junger Mann berühmt für seinen Internatsroman „Ampersand“ – ein Kult-Buch wie Salingers „Fänger im Roggen“. Ampersand, so heißt aber auch das Kaufmanns-„&“ im Englischen: Ein Schriftzeichen, das zugleich die zwei Seiten A.N. Dyers verbindet – den berühmten Autor und die eher unrühmliche private Seite.

Womit nur eine der vielen Fährten umrissen wäre, auf die US-Schriftsteller David Gilbert uns in diesem vertrackten amerikanischen Meta-Roman „Was aus uns wird“ schickt.

David Wer? In den USA hat Gilbert, 1967 in Paris geboren und heute mit seiner Familie in New York beheimatet, bereits mit Stories und seinem Roman „Die Normalen“ auf sich aufmerksam gemacht, John Irving zählt zu seinen Fans. Hierzulande war er bisher weitgehend unbekannt. Sein 600-Seiten-Wurf aber beweist, dass er nicht nur über einen großen amerikanischen Autor schreibt — sondern selbst ein großer amerikanischer Autor ist.

Eine Gutenachtgeschichte mit dem Titel „Der Mondmond“, handschriftliche Briefe zwischen Jugendfreunden, ein Video, das eine Sterbende bis über den Tod hinaus in den Sarg verfolgt – Gilbert arbeitet mit allen Mitteln der Kunst. Und verliert die Kernfrage doch nie aus den Augen: ob die Kunst höher zu stellen sei als das (erfüllte, zufriedene) Leben.

Die Geschichte beginnt mit dem Tod von Charlie Toppings, Jugendfreund von A.N. Dyer. Toppings Sohn Philip übernimmt als Ich-Erzähler die Erinnerungsarbeit der verkorksten Dyer-Familie: Der eine Sohn, Richard, hat die jugendliche Drogensucht nur knapp überlebt und ist nach Kalifornien geflohen. Der andere, Jamie, dreht Dokumentarfilme über die Kriegsschauplätze der Welt und später einen Film über eine ehemalige Schulkollegin, die im Sterben liegt. Dann gibt es noch einen dritten Sohn, Andrew – angeblich Produkt einer Affäre Dyers, an der seine Ehe mit der noch immer geliebten Isabel zerbrach. In Wahrheit aber ist Andrews Herkunft noch viel spektakulärer: A.N. Dyer hat sich klonen lassen.

Und selbst dieses skurrile Science-Fiction-Element fügt sich bruchlos in ein Werk, das die Wechselwirkungen zwischen frühem Ruhm und dem daraus resultierenden Leben auslotet: „Der Autor“, sagt Dyers Sohn Jamie einmal, „war ein viel besserer Vater als der Mann“. Doch selbst das reine, gefeierte Prosawerk „Ampersand“ beruht auf einer bodenlosen Gemeinheit, wie Gilbert ganz am Ende enthüllt: Einst schrieb Charlie Toppings seinem Freund Dyer einen langen Brief mit langen Sätzen voller „&“ – und offenbarte darin sein homoerotischen Neigungen. Dyers Roman ist als Reaktion darauf zu lesen und hat die Weichen für gleich zwei Leben gestellt.

David Gilbert hat einen klugen, witzigen, traurigen Roman über das Leben und die Literatur geschrieben und zugleich einer Riege großer amerikanischer Autoren ein Denkmal gesetzt. Wie lebendig ihm sein Autor Dyer scheint, offenbart Gilberts Webseite www.davidgilbertautor.com: Von „Ampersand“ (1961) bis zum Alterswerk „The Spared Man“ (2004) wird hier in Dyers Bibliografie eine klassische Schriftsteller-Existenz entworfen, Ausflüge in die Postmoderne und kleine Flirts mit Chandler inklusive. Diese Werkschau ist so realistisch und so verlockend – man wünschte sich, A.N. Dyer hätte wirklich gelebt und wir könnten seine Bücher lesen. Auch, wenn er vielleicht kein sehr netter Mensch war.

David Gilbert: Was aus uns wird. Eichborn, 640 S., 22,99 €

 

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