„Liebe“ – Chronik eines unausweislichen Todes

Regisseur Michael Haneke (li.), Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant bei den Dreharbeiten zu Hanekes Cannes-Gewinner „Liebe“.
Regisseur Michael Haneke (li.), Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant bei den Dreharbeiten zu Hanekes Cannes-Gewinner „Liebe“.
Foto: X Verleih
Drei Jahre ist es her, da hat der österreichische Regisseur in Cannes die „Goldene Palme“ für seinen Film „Das weiße Band“ errungen. Niemand hatte erwartet, dass er diesen Erfolg mit seinem nächsten Film „Liebe“ wiederholen könnte. Das Unerwartete aber trat ein.

Schon die ersten Bilder von Michael Hanekes neuem Film „Liebe“ lassen dem Zuschauer keine Illusionen. Da brechen Polizeikräfte eine Wohnung auf, in der sie in einem versiegelten Zimmer, liebevoll mit Blumenblüten aufgebahrt, die Leiche einer alten Frau entdecken, die dem Verwesungsgeruch nach zu urteilen bereits seit einiger Zeit tot sein muss. Das Ende also wird vorweggenommen, der Zuschauer kann sich schon mal rüsten für ein Thema, mit dem niemand sich gerne auseinandersetzen möchte.

Liebevoll miteinander umgehen

Was wir danach erleben, ist die vielleicht konzentrierteste und stilistisch strengste Kinoarbeit, die der Österreicher Haneke seit langem vorgelegt hat und für die er in Cannes bereits die „Goldene Palme“ erhielt. Er erzählt die Geschichte eines betagten Paares, das bereits im sechsten Jahrzehnt ihres gemeinsamen Lebens angekommen ist. Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva), beide um die 80 und früher Musikprofessoren, gehen noch immer liebevoll miteinander um. Er macht ihr Komplimente, sie hört ihm nicht nur dabei gerne zu. So etwas Rares möchte man bewahren, möchte es weiter glücklich sehen, doch das Leben spielt da nicht mit.

Nie mehr zurück in die Klinik

Es beginnt am Frühstückstisch, als Anne zwischen zwei Tassen Tee plötzlich für Minuten nichts mehr um sie herum wahrnimmt. Es sind die ersten Warnzeichen eines Schlaganfalls, der sie bald schon halbseitig vom Becken an lähmen wird. Nie mehr möchte sie in diese Klinik zurückkehren müssen, verlangt die Rollstuhlfahrerin von ihrem Mann, der sich nun persönlich um die geistig noch hellwache Patientin kümmern wird.

Anfangs ist das alles auch noch gut zu schaffen. Wenn er sie vom Bett in den Rollstuhl wuchtet, dann hat das mehr von etwas Tänzerischem als von harter Arbeit. Die Liebe, die der Titel meint, sie ist nach so langer gemeinsamer Zeit sicher sehr viel mehr als die flüchtige Affäre, die Emmanuelle Riva 1959 in „Hiroshima, mon amour“ erlebte; oder die Leidenschaft, die Trintignant 1969 in „Meine Nacht bei Maude“ verspürte.

Kein Gespräch mehr möglich

Doch wenn dann der zweite Schlaganfall kommt, wenn die Unbeweglichkeit vollkommen wird und kein Gespräch mehr möglich ist, spätestens dann wird deutlich, dass man hier der Chronik eines bevorstehenden Todes beiwohnt. Die Tochter (Isabelle Huppert), die nur selten zwischen ihren Tourneen vorbeischaut, ist keine Hilfe. Und Georges, dem das alles allmählich über den Kopf wächst, kann den Anblick der Leidenden kaum noch ertragen.

Bis auf die Eingangssequenz im Konzertsaal bewegt die Kamera sich danach nie wieder aus der Wohnung weg, auf Filmmusik wartet man vergeblich. Unerbittlich, aber auch voll zärtlicher Zuneigung zu seinen beiden Protagonisten, lässt Haneke uns an allen Einzelheiten von Pflege und Sterben teilnehmen. Und zeigt uns gerade dadurch, was Liebe ausmacht.

 
 

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